Die Dirigentin von Wolfgang Herles, 2011, S. FischerDie Dirigentin.
Roman von Wolfgang Herles (2011, S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 19.07.2011:

„Aspekte“-Moderator Wolfgang Herles, der im Herbst neuer Fernseh-Literaturpapst werden soll, hat einen doppelbödigen Angela-Merkel-Roman geschrieben: „Die Dirigentin“.
Die Kanzlerin dirigiert mit bloßen Händen, weil es „demokratischer“ aussieht; überhaupt haben sie und die Dirigentin allerhand gemein: Wolfgang Herles hat einen Angela-Merkel-Roman geschrieben. Auch wenn das Cover angeblich gar nicht die echte Regentin zeigt.

Herles, der derzeit das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ moderiert, wird im Herbst die neue Literatursendung im ZDF leiten – nachdem jüngst das Duo Amelie Fried & Ijoma Mangold an der Heidenreich-Nachfolge scheiterte. Kann man aus seinem Roman Rückschlüsse auf sein Literaturverständnis ziehen? Durchaus. „Die Dirigentin“ deutet darauf hin, dass der Raum für Experimente eher klein sein dürfte und Leidenschaften gut begründet werden. Herles hat ein wohlgeformtes Werk mit Bildungsanspruch verfasst, das seine Spannung aus politischer Aktualität und dem Moment der Wiedererkennbarkeit zieht. Schöne Grüße aus der Berliner Glaskugel!

Der Plot: Staatsminister Jakob Stein, ein weicher Typ, ist von Bundeskanzlerin Christina Böckler geschasst worden. Jetzt widmet er sich ganz den schönen Künsten. In Salzburg sieht er die Dirigentin Maria Patricia Bensson und stellt ihr nach – quer durch Europa bis nach Berlin, wo Besson Wagners „Rheingold“ dirigiert (in einer Inszenierung, die die Islamisten auf den Plan ruft, schlag nach bei: „Idomeneo“). Doch Stein stalkt vergeblich: Besson mag gar keine Männer, sondern die schöne Bankerin Leilah. Und die Kanzlerin?

Dies nun ist eine Windung zuviel im gedoppelten Machtfrauenporträt, das durchaus mit Bissigkeit amüsiert. Die Kanzlerin ist bei Herles eine „Maschine, die crushed ice ausspuckt“, die nichts „absichtslos“ tut, eine personifizierte Studie der Macht. Neben dieser dominanten Figur gerät Herles sein eigentlicher Protagonist Stein zunehmend blasser. Und so scheint der Roman am Ende sich selbst einfach wegzudimmen. Bis er in jenes fahle Licht getaucht ist, das Berlin bei Nacht umhüllt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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