Die Crux.
Prosa von Elke
Erb (2003, Edition Engeler).
Besprechung von Sabine
Peters in der Frankfurter Rundschau, 10.11.2004:
Hey ihr, hebt euch vom Platz
Diese Texte scheinen aus dem Nebel zu
kommen und sind dabei sehr zart: "Die Crux", ein ungewöhnlicher
Prosaband von Elke Erb
Elke Erbs Texte sind eine Zumutung,
und zwar im besten Sinne. Wer die sehr leise und bescheiden daherkommenden Bücher
dieser Autorin liest, setzt sich einem hohen Anspruch aus. Elke Erb, Jahrgang
1938, arbeitet nach wie vor weiter am Projekt der Moderne; ihre Prosa ist also
immer in erster Linie Spracharbeit. Und so zielt das Schreiben weniger auf eine
nachvollziehbare Story mit Höhepunkt und krönendem Schluss. Der Prozess des
Schreibens selbst steht im Zentrum des Interesses.
Die Crux heißt der neue Band, der vier Texte enthält, die in den
letzten Jahren entstanden sind, und aus dem oben Gesagten erklärt sich, warum
man dem Buch nicht mit einer Inhaltsangabe zuleibe rücken kann. Es lassen sich
allerdings vage Fragestellungen umreißen: Mit welchen Sinnen nimmt man Natur
wahr; was geschieht beim Älter- und Altwerden; was hält einen Menschen
zusammen oder eben nicht zusammen; was bedeutet Zeit, und was unterscheidet in
der eigenen Lebenszeit die Beschäftigung von einer Ablenkung; wie gehören
Sprache und Stimmung zusammen? Man sieht: Diese Fragestellungen sind persönlich
und zugleich ganz abstrakt. So auch die Form der Texte, die, und das ist
bildlich gesprochen, gewissermaßen zwischen Tagebuch und Wetterbericht
changieren. Im Versuch, sich den Texten zu nähern, könnte man sagen: Sie
kommen ihrerseits aus dem Nebel, sie wahren immer einen gewissen Abstand, man
kann sie nie ganz und gar begreifen, nie ganz deutlich sehen.
Darin liegt ihr großer Reiz. "Vorgestern mitten im Kummer wandert eine im
Nieselregen gesehene Hohlzahnpflanze hinein in mich, klarer als je, an der
vorbei ich ins Haus lief; fast Tränen." "Eben, auf dem Rad, dachte
ich: als hätte ich alles, was ich getan habe, getan, um dann zu mir selbst zu
kommen. Und nun ist da nichts. Satz ähnlich so schon öfter gehört. Beachten.
Nämlich irgendwann dann beachten. Dann, wenn die jetzige Trübung aufhört."
"Beim Spiegelblick, dem augenblickrasch prüfenden, dachte ich noch: diese
hucklige Haut über der Oberlippe - da gehört ein Bart hin, Lösung. Na ja. Als
ginge mich das alles nichts an."
"Immer in Zeitnot, & dann steht man da,
und aller Antrieb ist erloschen." "So schön langsam, wie er das tut -
die Zeit selbst - färbt der Morgen den Himmel. Als nehme er mich an sich - ist
das Gefühl, das ich aufdecke, während ich das Licht ausschalte, den Vorhang
wegziehe, um dort hinzusehn." "Der Unterschied zwischen gewöhnlichem
Reden und künstlerischem Text ist einfach benennbar: der übliche beendet, der
andere beginnt." "Steht auf, meine Buschwerke, Bäume, Grasbuckel.
Hasen & Halden, hebt euch vom Platz." Ob hier ernsthaft Allotria
getrieben wird, indem das weibliche Ich dieser Texte sich beim Blick in den
Spiegel einen Bart denkt, ob in aller Emphase etwas angerufen wird oder ob es um
minutiöse Wahrnehmungen des Alltags, um die Veränderung der Zeit geht: Die
zitierten Beispiele zeigen, dass die Realität als eine Sprach-Realität
verstanden wird. Elke Erbs Prosa-Schreibtechniken - Binnenreime, Alliterationen,
rhythmische Passagen, die Verwendung eigenartiger neuer Bilder, das Springen
zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen -, solche Techniken gelten als
"lyrisch", als "poetisch", und von dieser Bezeichnung ist es
nicht weit bis hin zu der Kommentierung, diese Prosa sei
"verschlossen" und "hermetisch".
Es ist sicherlich richtig, dass Elke Erb sich nicht zuallererst an die Leser
wendet; vielmehr ist anzunehmen, dass der Autorin die Leser während des
Schreibvorgangs ziemlich egal sind. Und man kann das nur begrüßen, wenn man
nicht der Meinung ist, Autoren sollten in der Art einer erfolgreichen Ich-AG
vorgehen und bei ihrem Tun gleichzeitig immer ihren Markterfolg mitbedenken.
Elke Erbs Texte scheren kümmern sich nicht um Moden und Trends. Natürlich wird
die Autorin dafür nicht nur gerühmt, ihre Texte wurden aus unterschiedlichen
Ecken immer wieder auch als selbstversunken, ja als selbstgenügsam kritisiert.
Vielleicht kann man es so sagen: Elke Erbs Prosa ist weder selbstgenügsam noch abgewandt noch verschlossen: Sie wendet sich der Sprache zu, öffnet die Sprache. Die Texte des Crux-Bandes sind in all ihrer Verschrobenheit, ihrer Bockigkeit, ihrer Vagheit und Zartheit ein schöpferisches künstlerisches Exerzitium. Das lohnt die Lese-Mühe, das macht die Lesearbeit immer wieder zu einer Lese-Freude.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1104 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau