Die
Christenheit oder Europa.
Essay von Novalis
(1799).
Besprechung von Hugo
Ernst Käufer aus Lesezeichen, 2002, Grupello-Verlag:
Novalis - Vorbote Europas (1955)
Das Fragment »Die Christenheit oder
Europa« von Novalis (2.5.1772-25.3.1801), geschrieben im Herbst 1799, also
knapp zwei Jahre vor seinem Tod, war ursprünglich für das Athenäum bestimmt,
wurde aber von den Herausgebern nicht angenommen. Fast alle Zeitgenossen hielten
die Dichtung für eine Apologie der römisch-katholischen Kirche im bekennenden
Sinne. So blieb sie auf Beschluß der nächsten Freunde, die sie bei einer
Vorlesung einstimmig verwarfen, zu ihrer Zeit wirkungslos. Sie wurde nicht als
Ganzes in die erste Ausgabe der Werke, die Tieck
ein Jahr nach dem Tode des Dichters besorgte, aufgenommen. Nur in den »Fragmenten«
erschienen einzelne Teile. Erst 1826 wurde sie vollständig in der vierten
Auflage der »Schriften« abgedruckt; in der fünften aber wieder von Tieck
getilgt und ruhte lange im Nachlaß des Unverstandenen, bevor sie 1880 von Raich
neu herausgegeben wurde.
In dieser Geschichtsbetrachtung spricht Novalis mitten
in einer Zeit der Macht der Nationalstaaten von einer Kultureinheit Europas. Er
schreibt: »Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land
war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; ein
großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses
weiten christlichen Reichs.« Novalis spricht also von Europa im Sinne einer
Kulturepoche, die ihre Wurzeln nicht im klassischen Altertum hat, sondern im
christlichen Mittelalter. Das Griechentum war für Novalis, wie für alle seine
Zeitgenossen, Ideal, Bildungsideal, aber nicht geschichtlicher Ausgangspunkt.
Der vaterländische Boden, aus dem heraus das Zukünftige gestaltet werden
sollte, ist ihm das christliche Mittelalter. In diesem Gedankengang zeigt sich
die starke und nahe Verwandtschaft von Novalis mit Wakenroder, der ja in seinen
»Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« (1797 von Tieck
herausgegeben) die Kunst und Frömmigkeit des deutschen Mittelalters wieder in
den Mittelpunkt romantischen Denkens stellte. »Mit welcher Heiterkeit verließ
man die schönen Versammlungen in den geheimnisvollen Kirchen, die mit
ermunternden Bildern geschmückt, mit süßen Düften erfüllt und von heiliger
erhebender Musik belebt waren«, schreibt Novalis. Einheit im Glauben. Wie eine
große Mythologie, eine Art Vorgeschichte, wird diese Einheit der christlichen
Welt geschildert, in die sowohl die einzelnen Persönlichkeiten, der einzelne
Stand, das einzelne Handwerk und die einzelnen Völker eingebettet waren. Aber
diese Verbundenheit zerfällt, die einheitliche Führung reicht nicht mehr aus,
und was übrigbleibt ist die Form, die Formel. Novalis: »Einmal war doch das
Christentum mit voller Macht und Herrlichkeit erschienen, bis zu einer neuen
Weltinspiration herrschte seine Ruine, sein Buchstabe mit immer zunehmender
Ohnmacht und Verspottung.« Novalis verteidigt den Anspruch der Kirche, die sich
dem aufkommenden Drang der Wissenschaften entgegenstellt: »Mit Recht
widersetzte sich das weise Oberhaupt der Kirche frechen Ausbildungen
menschlicher Anlagen auf Kosten des heiligen Sinns, und unzeitigen gefährlichen
Entdeckungen im Gebiete des Wissens. So wehrte er den kühnen Denkern öffentlich
zu behaupten, daß die Erde ein unbedeutender Wandelstern sei, denn er wußte
wohl, daß die Menschen mit der Achtung für ihren Wohnsitz und ihr irdisches
Vaterland auch die Achtung vor der himmlischen Heimat und ihrem Geschlecht
verlieren, und das eingeschränkte Wissen dem unendlichen Glauben vorziehen und
sich gewöhnen würden, alles Große und Wunderwürdige zu verachten und als
tote Gesetzwirkung zu betrachten.« In diesem Zusammenhang soll an die Novelle
»Am Tor des Himmels« von Gertrud
von Le Fort (erschienen 1954 im Insel-Verlag) erinnert werden, die ebenso
wie Novalis die ganze Problematik der damaligen Zeit aufzeigt. Auch wenn die
Handlung in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts spielt, also ein Jahrhundert
nach der Reformation, so ist der Prozeß, den das Inquisitionsgericht der
katholischen Kirche 1636 gegen Galilei anstrengte und ihn schließlich zum
Widerruf seiner Beobachtungen führte, die das bis dahin gültig gewesene
geozentrische Bild der Welt stark veränderten, doch symptomatisch für die
Haltung der Kirche des Mittelalters den Wissenschaften gegenüber.
Zusammenfassend sagt Novalis über das Mittelalter: »Das
waren die schönen wesentlichen Züge der echtkatholischen oder echtchristlichen
Zeiten. Noch war die Menschheit für dieses herrliche Reich nicht reif, nicht
gebildet genug. Es war eine erste Liebe, die im Drucke des Geschäftslebens
entschlummerte ... Vernichtet kann jener unsterbliche Sinn nicht werden ...«
Geradezu modern und prophetisch treffen die Worte von Novalis auf unsere
unmittelbare Gegenwart zu, wenn wir lesen: »Alte und neue Welt sind im Kampf
begriffen, die Mangelhaftigkeit und Dürftigkeit der bisherigen
Staatseinrichtungen sind in furchtbaren Phänomenen offenbar geworden. Wie, wenn
auch hier, wie in den Wissenschaften, eine nähere und mannigfaltigere Konnexion
und Berührung der europäischen Staaten zunächst der historische Zweck des
Krieges wäre, welch eine neue Regung des bisher schlummernden Europa ins Spiel
käme, wenn Europa wieder erwachen wollte, wenn eine politische
Wissenschaftslehre uns bevorstünde?« Vorwiegend mag Novalis an das vereinte
Europa Otto des Großen gedacht haben. Und insofern ist das vorhergehende Zitat
von Bedeutung für unsere Gegenwart, weil scheinbar viele Staaten bereit sind,
auf ihre Nationalstaatlichkeit zu verzichten und eine Integration des europäischen
Gedankens wirtschaftlich und politisch anstreben. Wenn jeder Staat seine eigene
Politik macht, so kann Europa höchstens ein geographischer Begriff sein, nie
aber ein kultureller werden. Die Politik muß auf ihre Erkenntnisgrundlagen zurückgeführt
werden. Aber »was jetzt nicht die Vollendung erreicht«, schreibt Novalis, »wird
sie bei einem künftigen Versuch erreichen, oder bei einem abermaligen; vergänglich
ist nichts was die Geschichte ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht sie in
immer reiferen Gestalten erneuert wieder hervor.« Gewiß hat jede Politik ihren
bestimmten Raum, ihre Natur, ihren berechtigten Staatsegoismus. Aber jeder Staat
hat auch eine innere Entelechie, derer er sich bewußt werden muß. Entelechie
heißt, der allgemeinen romantischen Geschichtsauffassung entsprechend,
Werdeziel: »Die innerste Hauptstadt jedes Reiches liegt nicht hinter Erdwällen
und läßt sich nicht erstürmen.« Erst dieses Streben nach einer Ganzheit
macht Geschichte möglich. Ohne daß die Ganzheit der Welt im Bewußtsein der
Staatenlenker lebt, gibt es überhaupt keine Geschichte. Novalis klagt den
Rationalismus an, alle Gelehrsamkeit aufgeboten zu haben, um den Zugang zur
Geschichte abzuschneiden, »indem man die Geschichte zu einem häuslichen und bürgerlichen
Sitten- und Familiengemälde zu veredeln sich bemühte«. Gerade in den Kämpfen,
in fortschreitenden Evolutionen, ja in der Anarchie sogar sieht Novalis den
historischen Stoff sich manifestieren, der zu gestalten ist. Wie aber ist dieser
Stoff, der in jedem Staat naturgebunden vorhanden ist, zu gestalten? Auch auf
diese Fragestellung versucht Novalis eine Antwort zu geben, wenn er in einem
seiner Fragmente formuliert: »Das erste Genie, das sich selbst durchdrang, fand
hier den typischen Keim einer unermeßlichen Welt, es machte eine Entdekung, die
die merkwürdigste in der Weltgeschichte sein muß, denn es beginnt damit eine
ganz neue Epoche der Menschheit und auf dieser Stufe wird erst wahre Geschichte
möglich, denn der Weg, der zuerst zurückgelegt wurde, macht nun ein eigenes,
durchaus erklärbares Ganzes aus.«
Für den Abgesang des europäischen Gedankens im
Mittelalter macht Novalis die Geistlichkeit verantwortlich, die den käuflich zu
erwerbenden Ablaß höherstellte als die wirkliche Seelsorge für den einzelnen
Menschen und schließlich durch Wohlhabenheit sich in Trägheit ergab: »Unendliche
Trägheit lag schwer auf der sicher gewordenen Zunft der Geistlichkeit. Sie war
stehen geblieben im Gefühl ihres Ansehens und ihrer Bequemlichkeit, während
Laien ihr unter den Händen Erfahrung und Gelehrsamkeit entwanden und mächtige
Schritte auf dem Wege der Bildung (die Anfänge des Humanismus also) vorausgetan
hatten. In der Vergessenheit ihres eigentlichen Amts, die Ersten unter den
Menschen an Geist, Einsicht und Bildung zu sein, waren ihnen die niedrigen
Begierden zu Kopf gewachsen und die Gemeinheit und Niedrigkeit ihrer Denkungsart
wurde durch ihre Kleidung und ihren Beruf noch widerlicher«, und weiter »was
war natürlicher, als daß endlich ein feuerfangender Kopf öffentlichen
Aufstand gegen den despotischen Buchstaben der ehemaligen Verfassung predigte,
und mit umso größerem Glück, da er selbst Zunftgenosse war.« Die Anbringung
der 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg durch Luther (1517) wird zum
entscheidenden Wendepunkt der bis dahin vereinigten römisch-katholischen
Kirche, obwohl schon Männer wie Johann Hus und Hieronymus von Prag ein
Jahrhundert vorher auf den Verfall des Papsttums aufmerksam machten (Konzil zu
Konstanz 1414-1418). Es ist sehr überraschend, daß für Novalis das Negativste
an der Reformation, die er als eine in Permanenz erklärte Revolutionsregierung
ansieht, Luthers Bibelübersetzung ist. Dieser Gedanke war zur Zeit der Romantik
durchaus umwälzend und erschreckend. Novalis hat selbst die Bibel gründlich
gelesen (viele Hinweise dafür finden sich in den »Fragmenten«) und sie als
das Buch der Bücher verehrt. Wie vertraut er mit ihr war, zeigt die Bemerkung:
»Die Bibel fängt herrlich mit dem Paradies, dem Symbol der Jugend an und
schließt mit dem ewigen Reich, der Heiligen Stadt.« Hier haben wir also in
seinem Sinn Anfang und Endpunkt der menschlichen Geschichte. Wenn er aber
trotzdem die Luther-Übersetzung als den größten Schaden ansah, den die
Reformation der Religion zugefügt habe, so muß er einen stichhaltigen Grund
dafür gehabt haben. Der Grund aber mag darin zu suchen sein, daß die Bibel
durch diese Übersetzung popularisiert worden ist, nämlich auf das allgemeine
Niveau jeden Buches, auch des gewöhnlichsten herabgesetzt worden ist und nun
von jedermann gelesen und kritisiert werden konnte. Die Bibel wurde dadurch nach
der Meinung von Novalis in den Bereich der Philologie versetzt. Der Streit der
Bibelforschung beweist die Richtigkeit seines Gedankenganges. Nach Novalis tötet
der Buchstabenglaube allen religiösen Sinn und sollte auf dem Gebiet des
Christlichen, überhaupt innerhalb des Lebendigen, keinen Raum haben. Hier setzt
die Kritik von Novalis an Luther ein. Er schreibt: »Luther behandelte das
Christentum überhaupt willkürlich, verkannte seinen Geist, und führte einen
anderen Buchstaben und eine andere Religion ein, nämlich die heilige Allgemeingültigkeit
der Bibel, und damit wurde leider eine andere höchst fremde irdische
Wissenschaft in die Religionsangelegenheiten gemischt - die Philologie -, deren
auszehrender Einfluß von dann an unverkennbar wird.« Novalis kommt zu dem
Resultat: »Mit der Reformation war's um die Christenheit getan. Von nun an ward
keine mehr vorhanden. Katholiken und Protestanten oder Reformierte standen in
sektiererischer Abgeschnittenheit weiter voneinander, als von Mohammedanern und
Heiden.«
Gewiß: In dieser Beurteilung Luthers durch Novalis mag
manches richtig sein, aber mir scheint, daß Novalis Luther zu einseitig
beurteilt, denn die eigentliche Revolution, politisch und wirtschaftlich, ging
doch vom niederen Adel, der Ritterschaft (Franz von Sickingen) und der
Bauernschaft (Florian Geyer) aus, die sich gegen das Anschwellen der Fürstenmacht,
gegen das Umsichgreifen der fürstlichen Zölle, gegen Lehnseinrichtungen und
Gerichte auflehnten und die Despotie der Fürstenhäuser nicht länger dulden
wollten. Ursprünglich als Beseitigung der Schwächen und Mißstände innerhalb
der Kirche gedacht, geriet die Reformation in ein politisches Fahrwasser, in dem
die Fürsten und Landesherren mitschwammen, um ihre Machtansprüche zu
erweitern. Luther protestierte zunächst gegen den »Ablaßkram«, das Zölibat,
die übertriebene Heiligenverehrung und gegen das Unwesen der Zeremonien, also
Gegebenheiten, die innerhalb der kirchlichen Einrichtungen selbst lagen. Daß
die Machtkämpfe zwischen Bauerntum und niederem Adel auf der einen und dem
unbeugsamen Machtanspruch der Fürsten auf der anderen Seite dann zum Bruch und
der Spaltung innerhalb der Kirche geführt haben, dafür kann man Luther allein
nicht verantwortlich machen. Entgegen der Ansicht von Novalis muß auch in
diesem Zusammenhang bedacht werden, daß doch die Bibelübersetzung auf den Gang
der deutschen Kultur eine unermeßliche Wirkung ausgeübt hat. Luthers Schriften
»An den christlichen Adel deutscher Nation von des geistlichen Stands Besserung«
und »Von der babylonischen Gefangenschaft und der christlichen Freiheit« sind
überhaupt Meisterstücke deutscher Prosa, die für die Sprachentwicklung späterer
Generationen von großer Bedeutung waren. Sein Verdienst ist, »daß er deutsch
schrieb und so deutsch schrieb«. Ferner zeigen die politische und religiöse
Kritik in den Gedichten Walthers
von der Vogelweide und die freigeistige Mystik des Bernhard von Clairvaux u.
a. auf, daß das Mittelalter in seinen geistigen, politischen und religiösen
Bezügen doch wohl weit weniger einheitlich gewesen ist, als es von Novalis in
der vorliegenden Abhandlung dargestellt wird. Treffend hingegen beurteilt
Novalis den Fürstenstand, wenn er schreibt: »Sie fühlten zum ersten Mal das
Gewicht ihrer körperlichen Kraft auf Erden, sahen die himmlischen Mächte untätig
bei Verletzung ihrer Repräsentanten, und suchten nun allgemach ... das lästige
römische Joch abzuwerfen und sich unabhängig auf Erden zu machen.« Novalis
hat also im Protestantismus das Üben des religiösen Sinns vermißt. Diesen
religiösen Sinn sieht er neu entstehen in der Bruderschaft der Jesuiten, die
1540 durch Ignatius von Loyola begründet wurde, und er sieht in der Begründung
des Ordens den stärksten Impuls gegen die Verbürgerlichung der Religion, gegen
die Verspießerung. Doch hören wir Novalis selbst: »Zum Glück für die alte
Verfassung tat sich jetzt ein neu entstandener Orden hervor, auf welchen der
sterbende Geist der Hierarchie seine letzten Gaben ausgegossen zu haben schien,
der mit neuer Kraft das Alte zurüstete und mit wunderbarer Einsicht und
Beharrlichkeit, klüger als je vorher geschehen, sich des päpstlichen Reichs
und seiner mächtigen Regeneration annahm ... Einen gefährlicheren Nebenbuhler
konnte der neue Lutheranismus gewiß nicht erhalten. Alle Zauber des
katholischen Glaubens wurden unter seiner Hand noch kräftiger, die Schätze der
Wissenschaften flossen in seine Zellen zurück. Was in Europa verloren war,
suchten sie in den anderen Weltteilen, in dem fernsten Abend und Morgen,
vielfach wiederzugewinnen ... Überall legten sie Schulen an, ... wurden Dichter
und Weltweise, Minister und Märtyrer ... Ihnen allein hatten die katholischen
Staaten und Insonderheit der päpstliche Stuhl ihr langes Überleben der
Reformation zu danken gehabt.« Aber lag nicht in diesem Orden auch eine gewisse
Intoleranz, wenn wir Heutigen lesen: »Gegen die Lutheraner predigten sie (die
Jesuiten) mit zerstörendem Eifer und suchten die grausamste Vertilgung dieser
Ketzer, als eigentliche Genossen des Teufels, zur dringenden Pflicht der
katholischen Christenheit zu machen.« Als Historiker kommt für Novalis unter
diesem Gesichtspunkt die Frage nach gut oder böse nicht auf, sondern Aktion und
Reaktion, überhaupt Leben, Bewegung, Stoß und Gegenstoß sind ihm die
besonderen Merkmale der Menschheitsgeschichte. Daß er andererseits die Religion
nicht unter einen Machtbereich gestellt wissen will, wie es ja stellenweise
durch die Jesuiten geschehen ist, zeigt die spätere Auffassung, daß Frankreich
viel für die Religion getan habe, indem sie vom Staat getrennt wurde. Das ist
sehr wichtig. Die Kirche soll gar nicht vom Staat unterstützt werden. Sie soll
getragen werden von einer Gemeinschaft von Menschen, die durch konsequentes Üben
ihren religiösen Sinn entwickelt haben.
Hier kommt gerade der Geschichtsimpuls der europäischen
Epoche zum Durchbruch, der Impuls zur Gliederung, zur Differenzierung der
Menschen, zur Individualisierung. Die Vielseitigkeit auf dem Gebiete der Kunst,
die sich zu Novalis' Zeiten bemerkbar machte, sowie die Umwälzungen in den
Wissenschaften sieht er als Vorboten neuen Lebens an. Daß die verschiedenen
Seiten aufgezeigt werden, ist für ihn ein positives Zeichen. Er spricht von
einer »gewaltigen Ahnung schöpferischer Willkür, einer Grenzenlosigkeit,
einer unendlichen Mannigfaltigkeit, der heiligen Eigentümlichkeit und Allfähigkeit
des inneren Menschen. Noch sind es freilich nur Andeutungen, unzusammenhängend
und roh, aber sie verraten dem historischen Auge eine universelle Individualität,
eine neue Geschichte, eine neue Menschheit«.
Dem europäischen Menschen ist es aufgetragen, diese
universelle Individualität auszubilden, unabhängig von Stand und Beruf, von
dem, was er gelernt hat: den freien Menschen. Novalis erlebte das Sichbefreien
und Erstarken des menschlichen Inneren; und nicht nur er, sondern die ganze
romantische Bewegung erlebte das gleiche. Sie empfand sich als in einem
besonderen Lichte stehend; nicht selbstzufrieden, wie die Rationalisten, sondern
im Sinne einer Inspiration. Hier ist das Bild einer neuen Gemeinschaft
vorgezeichnet. Nicht von einem einzelnen kann das Neue ausgehen, sondern eine
neue Gruppe muß da sein. Novalis meint schon »den ersten Ruf zu einer neuen
Urversammlung, den gewaltigen Flügelschlag eines vorüberziehenden, englischen
Herolds zu hören«, und er schreibt weiter: »Wer weiß, ob des Kriegs genug
ist, aber er wird nie aufhören, wenn man nicht den Palmenzweig ergreift, den
allein eine geistliche Macht darstellen kann. Es wird solange Blut über Europa
strömen, bis die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden, der sie
im Kreise herumtreibt, bis sie von heiliger Musik getroffen und besänftigt zu
ehemaligen Altären in bunter Vermischung treten, Werke des Friedens vornehmen
und ein großes Liebesmahl als Friedensfest auf den rauchenden Wallstätten mit
heißen Tränen gefeiert wird. Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und
die Völker sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf
Erden in ihr altes, friedenstiftendes Amt installieren.« Novalis sieht das
Christentum in dreifacher Gestalt: »Eine ist das Zeugungselement der Religion
als Freude an aller Religion. Eine das Mittlertum überhaupt als Glauben an die
Allfähigkeit des Irdischen, Wein und Brot des ewigen Lebens zu sein. Eine der
Glauben an Christus.«
Novalis beendet sein in idealer Schau gehaltenes
Fragment mit den Sätzen: »Die Christenheit muß wieder lebendig und wirksam
werden und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen
bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihrem Schoß
aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird ... Keiner wird
dann mehr protestieren gegen christlichen und weltlichen Zwang, denn das
Christentum der Kirche wird echte Freiheit sein ...«
Novalis denkt seinen visionären Essay über die
Christenheit in metaphysischen Zeitbegriffen, nicht in den Maßstäben der
Geschichtswissenschaft. In der fünften »Hymne an die Nacht« besitzen wir eine
frühere Form des gleichen Gedankens. Einflüsse Schillers
und Schleiermachers, der Geschichte und der Theologie sind feststellbar; was
aber das Fragment zu einem so bewegenden Zeugnis romantischen Denkens macht, ist
die gleiche ahnungsvolle Kraft des Gefühls, die seine naturwissenschaftlichen
Studien in die unmittelbare Nähe der Erkenntnisse der modernen Physik rückt.
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