Die Bucht der Aphrodite von Miodrag Pavlovic, 2003, SuhrkampDie Bucht der Aphrodite.
Roman von Miodrag Pavlovic (2003, Suhrkamp - Übertragung
Peter Urban).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau vom 17.03.2004:

Künstliche Mutanten
Miodrac Pavlovic feiert das serbische Weltende, ganz provisorisch

Ein "postmodernes Chaos" herrsche im früheren Jugoslawien, schrieb die aus Kroatien emigrierte Dubravka Ugresic schaudernd in ihrer Essaysammlung Die Kultur der Lüge (1995): "Man lebt gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." 1991 sei nach genau fünfzig Jahren der Zweite Weltkrieg wieder ausgebrochen, dieselben Dörfer würden niedergebrannt, dieselben familiären Schicksale erlebt, sogar dieselben Waffen benutzt. Museal seien auch die neu gegründeten Staaten und die Ideen ihrer Führer. Aus der Zukunft aber stamme Sarajevo, diese postapokalyptische Stadt. Nur die Wirklichkeit, sie existiere auf dem ehemaligen jugoslawischen Territorium nicht mehr.

In den Jahren 2000 und 2001 legt der hoch geschätzte, 1928 geborene serbische Dichter Miodrag Pavlovic zwei Bücher vor, die sich, im Deutschen zusammengefasst zu Die Bucht der Aphrodite, wie eine aufwendige Bebilderung dieser Entwirklichungsdiagnose lesen. Nicht zufällig tauchen darin Sarajevo und die Postapokalypse nicht auf. Denn Pavlovic' Erzähler bemüht sich, die Apokalypse herbeizuerzählen: als "provisorisches Weltenende in Form einer Feier", als "therapeutische Aufhebung der Geschichte". Es ist ein Versuch, die reale Katastrophe des Nato-Bombardements von Restjugolawien abzuwenden.

Alle sollen kommen

Zu der Feier will der Erzähler Freunde und Bekannte einladen, die er durch kleine Geschichten vorstellt. Manche von ihnen leben in Belgrad, andere sind ausgewandert, verschwunden oder tot. Doch alle sollen kommen, auch die Toten, denn Tod ohne Wiederkehr sei "banal". So führt die Zeit und Raum aufhebende Apokalypsefeier zu Hölle und Hades, zur Offenbarung des Johannes und der hinduistischen Seelenwanderung. Immer weiter öffnet Pavlovic seine eklektizistischen Netze, bis darin Gulliver und der Koloss von Rhodos Platz finden, außerdem Aphrodite, Empedokles, Schamanen, Friedrich Nietzsche, Nymphen, Theokrit, Polyphem, Odysseus, Ramses II., Moses, die Königin von Saba, Andromeda, Perseus und viele mehr.

Pavlovic' Erzähler zitiert sich in zahlreichen kurzen Abschnitten eine große mythologische Gesellschaft zusammen. Hinzu kommen Szenen aus Kindheit und Jugend, dann zwei Belgrader Sekten, die ebenfalls die Apokalypse herbeiführen wollen, Vertreter der sich im 19. Jahrhundert wechselseitig umbringenden jugoslawischen Herrscherdynastien Obrenovic und Karadjordjevic sowie apokalyptische historische Ereignisse aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg - zum Beispiel die Zerstörung von Dresden und der Warschauer Aufstand.

Während die meisten mythologischen Gestalten nur knapp herbeizitiert und dann wieder vergessen werden, widmet sich Pavlovic' Erzähler einigen historischen Ereignissen etwas ausführlicher. Über die Landung der Alliierten in der Normandie heißt es etwa: "Der Ort für den Beginn der alliierten Invasion ist denkbar dumm gewählt: es ist eine Position, in der alle Vorteile auf seiten der Deutschen liegen, die sich verteidigen. Ein um so erschütternderer Anblick. Schottische Dudelsackbläser feuern ihre Soldaten an, die allgemein für ihre Tapferkeit berühmt sind. Doch im Saal des nächstliegenden Hotels dröhnt Bauchtanzmusik und das Getrappel von Frauen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, angestachelt von den ausgezehrten Delegierten der Sekte der ‚reinen Sünde', nach und nach entblößen und den Soldaten im Wege stehen (...)."

Burleske Apokalypse

So also stellt sich Pavlovic die Apokalypse vor: reichlich burlesk und doch eher hilf- und kraftlos. Man mag dem Erzähler nicht widersprechen, wenn er behauptet, er könne solche Szenen nur "auf der Verständnisebene eines Schülers der vierten Grundschulklasse" ausmalen. Die apokalyptischen Szenen geraten zu pittoresk-naiven Bildchen und historisch-mythologischem Erbsenzählen, bevor sie abschließend mit biographischen Anekdoten verquirlt werden. Das klassische Verfahren für die Bewältigung aktueller Umbruchserfahrungen, die Rettung in humanistische Weltdeutungen, mag man dieser Fleißarbeit nicht zuerkennen. Oft handelt es sich schlicht um prätentiöse Schwafelei.

Prekär wird es, wenn im dritten Teil des Buches dessen historischer Anlass hervortritt: das Bombardement Restjugoslawiens durch die Nato. Pavlovic schildert es als "Hexenreigen", in dem "stählerne Giftpfeile" abgeworfen werden und "Kapseln mit künstlichen Mutanten", die die Pflanzenwelt "weniger nahrhaft und weniger schön machen werden". "Warum", fragt er, "machen hochmoderne Jäger Jagd auf Schafe in Zlatibor, warum treffen sie manche Autobusse in den Bauch, andre nur am Schienbein...?"

Die durch die Apokalypse erhoffte "therapeutische Aufhebung der Geschichte" ist also nicht gelungen. Stattdessen hat sich, heißt es, die Geschichte nur wiederholt, der Kreis aber ist nicht geschlossen. Daraus zieht der Erzähler am Ende den Schluss, es bleibe den Serben nur die Liebe, auch die zu den serbischen Emigranten. "Einziger Nutzen des Krieges ist - die Erkenntnis, dass wir lieben müssen, was wir sind. Man kann nicht mehr anderswo sein, denn Anderssein, Andersartigkeit gibt es nicht."

Ob Miodrag Pavlovic mit dieser durchaus vieldeutigen Aussage dazu auffordert, von Ausflüchten, mögen sie nun Ausland oder Mythos heißen, zu lassen und die jugoslawische Wirklichkeit anzuerkennen? Hoffen wir es.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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