Die Brut.
Roman von Thea Dorn (2004, Manhattan).
Besprechung von Olaf Neumann aus den Nürnberger Nachrichten vom 4.03.2004:

Aufstieg und Fall einer Karrierefrau
Interview mit Krimiautorin Thea Dorn über ihren Roman „Die Brut“

Thea Dorn (alias Christiane Scherer) schreibt Kriminalromane, Theaterstücke und Drehbücher. Zuletzt wurde ihr Bestseller „Die Hirnkönigin“ mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Seitdem gilt die 33-jährige Berlinerin als „Deutschlands brutalste Schreiberin“. In ihrem neuen Roman „Die Brut“ erzählt sie mit subtilem Horror vom Aufstieg und Fall einer Talkshow-Moderatorin. Unser Mitarbeiter sprach mit der Autorin, die im SWR selbst eine Büchersendung moderiert.

Frau Dorn, „Die Brut“ führt den Leser in die glamouröse Welt des Fernsehens. Wie haben Sie in diesem Milieu recherchiert?

Thea Dorn: Da brauchte ich gar nicht so viel recherchieren, ich moderiere ja selber eine Sendung. Außerdem war ich schon in vielen Talkshows. Ein paar Moderatoren sowie einen Produzenten kenne ich auch ganz gut. Von daher hatte ich eine präzise Idee, wie diese Leute ticken.

Ihre Protagonistin Tessa Simon erinnert an die Polit-Talkerin Sandra Maischberger und an die „Tränen-Queen“ Margarethe Schreinemakers. Ist „Die Brut“ ein Schlüsselroman?

Dorn: Es ist ein Buch über den Medienbetrieb in diesem Lande in diesen Jahren. Von daher ist klar, dass es etwas hat, was man tatsächlich kennt. Allerdings habe ich nicht angefangen, die Biografien der genannten Damen zu studieren, um dann daraus etwas zu basteln. Ich wollte dezidiert keinen Schlüsselroman schreiben.

Aber Sie verfügen über Insiderinformationen.

Dorn: Eine der Moderatorinnen, mit denen ich gesprochen habe, kenne ich auch privat ziemlich gut. Wir haben uns generell darüber unterhalten, was es bedeutet, diesen Beruf zu machen. Warum er manchmal großartig und manchmal grauenvoll ist. Das hat mich erst darauf gebracht, dieses Milieu zu beschreiben. Die Ursprungsidee zu dem Buch kam mir aber, als eine Freundin Mutter wurde und ungeahnte Aggressionen verspürte, als ihr Kind an einem Stück krakeelte. Irgendwann sagte sie zu mir den Satz, mit dem jetzt der Verlag wirbt: „Der Grad zwischen ,Ich liebe mein Kind’ und ,Ich schmeiße es zum Fenster raus’ ist verdammt schmal!“.

Sie selbst haben keine Kinder. Wie versetzt man sich da in die Psyche einer Frau, die gleichzeitig Karriere und Mutterschaft bewältigen muss?

Dorn: Zuerst einmal habe ich bergeweise Schwangerschaftsratgeber gelesen. In diesen empfohlenen Bestsellern findet zum Teil eine unglaubliche Gehirnwäsche statt. Ein Hort schlimmster Vorurteile, Klischees und Verlogenheiten. Mein Manuskript habe ich auch verschiedenen Müttern gezeigt. Die fanden alle, dass an der Geschichte sehr viel Wahres dran ist. Am Ende war ich mir sicherer denn je: Niemals will ich Kinder haben!

Getalkt wird mittlerweile auf allen Kanälen. Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Authentizität sucht man bei den meisten Moderatoren vergeblich. Ist Kaltblütigkeit Voraussetzung für einen Talker, der seinen Gästen professionell Gefühle entlockt?

Dorn: Das ist sicher ein Charakterzug, der diesen Beruf begünstigt. Wer nicht über Leichen geht, macht in diesem Betrieb keine Karriere. Diese Art von Rücksichtslosigkeit hat etwas mit der Gesamtstruktur unserer Gesellschaft zu tun.

Das Fernsehen misst Erfolg einzig an den Zuschauerzahlen. Die Moderatoren kennen scheinbar nur eine Angst: sinkende Quoten.

Dorn: Das ist knallhart geworden. Heute bekommt ein Moderator allerhöchstens ein halbes Jahr Zeit, um eine Sendung zu etablieren. Das sind alles Nervenwracks. Sandra Maischberger wurde bereits nach der ersten Sendung das komplette Scheitern attestiert. Dass man ihr die Pistole auf die Brust gesetzt hat, ist ein offenes Geheimnis. Wenn ihre Quoten nicht hoch gehen, ist sie demnächst weg.

In „Die Brut“ tritt auch eine Kanzlerkandidatin auf. Damit sind Sie Ihrer Zeit voraus. Ein Wunschtraum oder tatsächlich bald Wirklichkeit?

Dorn: Prinzipiell ist es längst an der Zeit, dass es hier auch mal eine Kanzlerkandidatin gibt. Von denen, die im Augenblick herumschwirren, fällt mir nur keine ein, für die ich mich in die Bresche schlagen würde. Eine Hillary Clinton ist nicht in Sicht. Die Frau im Buch soll auch nicht Angela Merkel sein! Sollte der nächste Kandidat allerdings Koch heißen, werde ich sofort zum Riesenfan von Frau Merkel.

Männer bilden schon immer Freund- und Seilschaften. Warum ist das unter Frauen kaum üblich?

Dorn: Frauen stellen sich nicht so geschickt an, wenn es gilt, Seilschaften zu bilden. Als in den 90ern Frauenkrimis angesagt waren, gab es relativ viele Netzwerke, in denen sich Kolleginnen unterstützt haben. Was dazu geführt hat, dass große Teile des Krimibereichs inzwischen in Frauenhand sind. Erschreckend hingegen die Situation an Theatern. Extrem patriarchal! Die wenigen Frauen, die dort Macht besitzen, sind so was von aggressiv darauf bedacht, ihre singuläre Position zu halten.

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