Die Brüder
Karamasow.
Roman von Fjodor
M. Dostojewskij (2003, Ammann - Übertragung
Swetlana Geier).
Besprechung von Yaak
Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 03.03.2004:
Gefühle sind Waffen
Nicht jedem gereicht die Neulektüre von
Dostojewskijs "Brüdern Karamasow" zum Pläsier
Schon vor rund 250 Jahren wusste Lessing: "Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? - Nein." Bis heute verdanken einige Werke der Weltliteratur ihre unverminderte Wertschätzung vornehmlich dem Umstand, dass sich seit Jahrzehnten niemand mehr der Anstrengung einer Lektüre der betreffenden Bücher unterzogen hat. Auch der Rezensent hat Die Brüder Karamasow vor einem halben Jahrhundert zum (ersten und) letzten Mal wirklich gelesen - eine Neu-Übersetzung von Dostojewskijs Spätwerk bietet nun Anlass und Gelegenheit, die verblasste Erinnerung an ein Buch aufzufrischen, das noch Sigmund Freud als "der großartigste Roman, der je geschrieben wurde" galt.
Verachtung allüberallSlawophiles Sendungsbewusstsein
Das tatsächliche Thema des Buches scheinen die
sogenannten ‚letzten Dinge' zu sein, die in immer neuen Anläufen und ermüdender
Ausführlichkeit debattiert und abgehandelt werden. Zu Teilen lesen sich Die
Brüder Karamasow - auch stilistisch - wie jene erbaulichen Traktätchen,
die fromme Mitbürger noch heute an Straßenecken feilbieten. Nach dem Alterstod
von Alexejs geistig-geistlichem Mentor folgen mehr als sechzig Seiten "Aus
der Vita des in Gott entschlafenen Hieromonachos Starez Sossima, nach seinen
eigenen Worten zusammengestellt von Alexej Fjodorowitsch Karamasow",
sorgsam unterteilt in "Biographische Notizen" sowie Merk- und Lehrsätze
"Aus den Gesprächen und Unterweisungen" des teuren Verblichenen, übersichtlich
gegliedert von "a)" bis "i)".
Nicht christliche Heilsgewissheit, sondern slawophiles Sendungsbewusstsein
bildet die Grundhaltung, die einer mystischen Überhöhung des russischen Volkes
entspringt. Letztlich wird das vom "Volk Gottes" bewohnte Heilige
Russland die Erlösung und die verirrten Schafe auf den richtigen Weg bringen:
"Nur das Volk und seine künftige Kraft wird unsere der heimatlichen Erde
entfremdeten Atheisten bekehren." Die von (bäuerlichem) Blut und
(heimatlichem) Boden abgefallenen Skeptiker stehen dabei für alle
emanzipatorischen und aufklärerischen Werte, die als ‚westlich' abgelehnt und
deren Vertreter als Karikaturen im gesamten Buch dem Gespött preisgegeben
werden. Das Volk kommt im Roman selbst freilich nur als wüste und unflätige
oder abergläubische und tumbe Statisterie vor - was dem panslawistischen
Messianismus jedoch keinen Abbruch tut.
Die religiöse Verbrämung reaktionärer Tendenzen wirkt besonders unangenehm,
weil der Autor mit seinen Personen bei Bedarf fernab jeden christlichen
Erbarmens auf eine ziemlich menschenverachtende Art umspringt. Der
Intellektuelle Iwan z.B. lehnt nicht Gott, wohl aber dessen Schöpfung ab, weil
sie zu viele Leiden verursacht und zulässt, er will auf die ewige Seligkeit
verzichten, wenn sie so blutig erkauft wird. Weil Dostojewskij mit dieser Figur
- die auch einen Gutteil seiner eigenen Zweifel reflektiert - anders nicht fertig
wird, ruiniert er sie mit einem Nervenfieber samt Halluzinationen, in denen der
Kranke vom Teufel heimgesucht wird. Iwans sanfter Bruder Alexej begleitet dessen
Zusammenbruch mit dem frommen Gedanken: "Gott, an den er nicht glaubte, und
Seine Wahrheit gewannen die Herrschaft über ein Herz, das sich immer noch sträubte."
Als Roman sind Die Brüder Karamasow - trotz einiger brillianter Passagen - misslungen; das Buch erschöpft seinen Leser ebenso durch zahlreiche Wiederholungen wie ausuferndes Beiwerk und überflüssige Nebenhandlungen, andere Erzählstränge werden dagegen gewaltsam gekappt oder gar nicht zu Ende geführt. Die extreme Zerrissenheit und die widersprüchlichen Emotionen der Protagonisten kaschieren nur teilweise die Willkür, mit denen der Autor ihnen Handlungen, Gedanken und Gefühle jeweils zuteilt: So wie er selbst sich den geistlichen und weltlichen Autoritäten des zaristischen Russland unterworfen hatte, so unterwarf Dostojewskij seine Geschöpfe den eigenen Intentionen. Nach den Worten Sigmund Freuds hat er "es versäumt, ein Lehrer und Befreier der Menschen zu werden, er hat sich zu ihren Kerkermeistern gesellt; die kulturelle Zukunft der Menschen wird ihm wenig zu danken haben".
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