Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewskij, 2003, AmmannDie Brüder Karamasow.
Roman von Fjodor M. Dostojewskij (2003, Ammann - Übertragung
Swetlana Geier).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 03.03.2004:

Gefühle sind Waffen
Nicht jedem gereicht die Neulektüre von Dostojewskijs "Brüdern Karamasow" zum Pläsier

Schon vor rund 250 Jahren wusste Lessing: "Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? - Nein." Bis heute verdanken einige Werke der Weltliteratur ihre unverminderte Wertschätzung vornehmlich dem Umstand, dass sich seit Jahrzehnten niemand mehr der Anstrengung einer Lektüre der betreffenden Bücher unterzogen hat. Auch der Rezensent hat Die Brüder Karamasow vor einem halben Jahrhundert zum (ersten und) letzten Mal wirklich gelesen - eine Neu-Übersetzung von Dostojewskijs Spätwerk bietet nun Anlass und Gelegenheit, die verblasste Erinnerung an ein Buch aufzufrischen, das noch Sigmund Freud als "der großartigste Roman, der je geschrieben wurde" galt.

Verachtung allüberall

Die titelgebenden (Halb-) Brüder sind die Söhne eines heruntergekommenen russischen Kleinadligen, der die Aufzucht seiner Kinder nach dem Tod der jeweiligen Mütter entweder seinem Diener oder entfernten Verwandten überlassen hat. Der alte Karamasow ist ein seelisch verwahrloster Egozentriker, der sein Geld mit Wuchergeschäften macht und es für Saufgelage und Weibergeschichten wieder ausgibt. Sein Sohn aus erster Ehe, Dmitrij, fühlt sich vom Vater um das mütterliche Erbe betrogen, er hasst und verachtet ihn gleichermaßen - vielleicht auch deshalb, weil er ihm nicht allzu unähnlich ist. Als Offizier hat der 28-jährige wenig mehr gelernt als Schulden zu machen, er trinkt, spielt, hat Affairen und neigt zu Gewalttätigkeiten. Der Konflikt mit seinem Vater wird noch dadurch verschärft, dass beide Männer miteinander um eine junge Frau rivalisieren.

Wegen seiner Leidenschaft für diese 22-jährige Gruschenka vernachlässigt Dmitrij seine Verlobte Katerina - in die sich daraufhin Iwan, der ältere Karamasow-Sohn aus der zweiten Ehe des Vaters, verliebt. Die Gefühlsbeziehungen in diesem Provinzmikrokosmos sind häufig über Konkurrenzverhältnisse vermittelt: Gefühle sind Waffen, die mittels Exaltation geschärft werden. Iwan verachtet seinen Erzeuger nicht weniger als sein älterer Halbbruder, auch er wünscht dem Alten durchaus den Tod, freilich lässt er sich nicht zu Morddrohungen hinreißen. Als studierter Naturwissenschafter bildet er einen intellektuellen Kontrast zu dem vital-aggressiven Dmitrij; außer dem Hass auf den Vater haben beide nicht viel gemein.

Der Einzige, der dem wenigstens eine gewisse Sympathie entgegenbringt, ist Iwans jüngerer Bruder Alexej, der als Novize in einem Kloster lebt. Ihn bezeichnet Dostojewskij schon im Vorwort als "meinen Helden", gut fünfhundert Seiten später nennt er ihn den "wenn auch erst künftigen Haupthelden meiner Erzählung". De facto bleibt der jüngste Karamasow bis zuletzt eine blasse Erscheinung, der bloße Träger einer ideologischen Botschaft, über die noch zu reden sein wird. Zum Familien-Ensemble gehört indes noch ein weiteres Mitglied. Kurz nach dem Tod seiner ersten Frau hat sich der alte Karamasow im Anschluss an eine Sauftour an einer schwachsinnigen Stadtstreicherin vergangen und sie geschwängert. Das Mädchen stirbt bei der Geburt des Kindes, das dann bei dem Diener-Ehepaar des Alten aufwächst. Dieser Smerdjakow ist der vierte der Brüder - die anderen drei behandeln ihn herablassend, als bloßen "Lakaien".

Je länger man als Leser den sich entwickelnden Beziehungen zwischen diesen zentralen Figuren des Romans folgt, um so deutlicher wird, dass der Romancier selbst an seinen Geschöpfen nur mäßig interessiert ist. Wie Marionetten hängen sie an den Fäden einer ideologischen Konstruktion, mit denen sie der Autor - zur Not auch gegen jede Figurenlogik - in die von ihm gewünschte Richtung zerrt. Um diese dürre Mechanik zu kaschieren, wird ein großer Aufwand an Liebe, Hass und Eifersucht betrieben; es geschieht ein Mord, für den ein Unschuldiger (Dmitrij) verurteilt wird, während der wahre Täter (Smerdjakow) unentdeckt bleibt und vom Autor per Selbstmord abgeräumt wird. Romanpersonal, das seine Funktion erfüllt hat, besitzt bei Dostojewskij eine deutlich verminderte Lebenserwartung.

Slawophiles Sendungsbewusstsein

Das tatsächliche Thema des Buches scheinen die sogenannten ‚letzten Dinge' zu sein, die in immer neuen Anläufen und ermüdender Ausführlichkeit debattiert und abgehandelt werden. Zu Teilen lesen sich Die Brüder Karamasow - auch stilistisch - wie jene erbaulichen Traktätchen, die fromme Mitbürger noch heute an Straßenecken feilbieten. Nach dem Alterstod von Alexejs geistig-geistlichem Mentor folgen mehr als sechzig Seiten "Aus der Vita des in Gott entschlafenen Hieromonachos Starez Sossima, nach seinen eigenen Worten zusammengestellt von Alexej Fjodorowitsch Karamasow", sorgsam unterteilt in "Biographische Notizen" sowie Merk- und Lehrsätze "Aus den Gesprächen und Unterweisungen" des teuren Verblichenen, übersichtlich gegliedert von "a)" bis "i)".

Nicht christliche Heilsgewissheit, sondern slawophiles Sendungsbewusstsein bildet die Grundhaltung, die einer mystischen Überhöhung des russischen Volkes entspringt. Letztlich wird das vom "Volk Gottes" bewohnte Heilige Russland die Erlösung und die verirrten Schafe auf den richtigen Weg bringen: "Nur das Volk und seine künftige Kraft wird unsere der heimatlichen Erde entfremdeten Atheisten bekehren." Die von (bäuerlichem) Blut und (heimatlichem) Boden abgefallenen Skeptiker stehen dabei für alle emanzipatorischen und aufklärerischen Werte, die als ‚westlich' abgelehnt und deren Vertreter als Karikaturen im gesamten Buch dem Gespött preisgegeben werden. Das Volk kommt im Roman selbst freilich nur als wüste und unflätige oder abergläubische und tumbe Statisterie vor - was dem panslawistischen Messianismus jedoch keinen Abbruch tut.

Die religiöse Verbrämung reaktionärer Tendenzen wirkt besonders unangenehm, weil der Autor mit seinen Personen bei Bedarf fernab jeden christlichen Erbarmens auf eine ziemlich menschenverachtende Art umspringt. Der Intellektuelle Iwan z.B. lehnt nicht Gott, wohl aber dessen Schöpfung ab, weil sie zu viele Leiden verursacht und zulässt, er will auf die ewige Seligkeit verzichten, wenn sie so blutig erkauft wird. Weil Dostojewskij mit dieser Figur - die auch einen Gutteil seiner eigenen Zweifel reflektiert - anders nicht fertig wird, ruiniert er sie mit einem Nervenfieber samt Halluzinationen, in denen der Kranke vom Teufel heimgesucht wird. Iwans sanfter Bruder Alexej begleitet dessen Zusammenbruch mit dem frommen Gedanken: "Gott, an den er nicht glaubte, und Seine Wahrheit gewannen die Herrschaft über ein Herz, das sich immer noch sträubte."

Als Roman sind Die Brüder Karamasow - trotz einiger brillianter Passagen - misslungen; das Buch erschöpft seinen Leser ebenso durch zahlreiche Wiederholungen wie ausuferndes Beiwerk und überflüssige Nebenhandlungen, andere Erzählstränge werden dagegen gewaltsam gekappt oder gar nicht zu Ende geführt. Die extreme Zerrissenheit und die widersprüchlichen Emotionen der Protagonisten kaschieren nur teilweise die Willkür, mit denen der Autor ihnen Handlungen, Gedanken und Gefühle jeweils zuteilt: So wie er selbst sich den geistlichen und weltlichen Autoritäten des zaristischen Russland unterworfen hatte, so unterwarf Dostojewskij seine Geschöpfe den eigenen Intentionen. Nach den Worten Sigmund Freuds hat er "es versäumt, ein Lehrer und Befreier der Menschen zu werden, er hat sich zu ihren Kerkermeistern gesellt; die kulturelle Zukunft der Menschen wird ihm wenig zu danken haben".

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