Die Brücke mit den drei Bögen von Ismail Kadare, 2002, Ammann1.) - 2.)

Die Brücke mit den drei Bögen.
Roman von Ismail Kadare,
(2002, Ammann - Übertragung Joachim Röhm).
Besprechung von Andreas Breitenstein in der Neue Zürcher Zeitung vom 15.08.2002:

Der Mond über dem Balkan
Ismail Kadares Roman «Die Brücke mit den drei Bögen»

Der Albaner Ismail Kadare hat Romane verfasst, die mit zum Besten gehören, was ein Leserleben zu bieten hat. Grandios in ihrem epischen Reichtum und ihrer erzählerischen Kraft, ihrer poetischen Höhe und symbolischen Dichte sind «Der General der toten Armee» (1963) und «Chronik in Stein» (1971) - selbst die gelungenen anderen Bücher reichen daran nicht mehr heran. Lange Zeit war der 1936 geborene Schriftsteller der Einzige, der Kunde gab von einem kommunistischen Land, das sich nach 1945 hinter Stacheldrahtverhauen und Bergen, Mythen und Marotten nicht nur dem westlichen Systemfeind, sondern auch dem politisch gleich gesinnten Osten verschloss. Abgrenzung war den Albanern stets das Elixier des Überlebens gewesen. Und so stellt diese Ära ideologischer Verblendung auch nur eine Episode im langen Kampf eines kleinen balkanischen Volkes um seine Existenz und seine eigene Kultur dar.

Insofern Kadare sein Talent regelmässig in den Dienst seiner Heimat stellte, war er stets ein nationaler Schriftsteller. Ob seine Romane in die mittelalterliche Geschichte zurückgreifen («Die Festung», 1970) oder alte Legenden fortspinnen («Doruntinas Heimkehr», 1980), ob sie dramatische zeitgeschichtliche Ereignisse wie die Emanzipation Albaniens 1960/61 von der sowjetischen Bevormundung aufrollen («Der grosse Winter», 1973) oder der Blutrache nachspüren («Der zerbrochene April», 1980) - immer ist ihnen das Pathos, aber auch der Schmerz des albanischen Sonderwegs eingeschrieben. Optimismus und Fortschrittsglauben wird man bei Kadare vergeblich suchen. «Chronik in Stein» erzählt aus der Perspektive eines Knaben, wie die Geschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs als Verhängnis über ein Provinzstädtchen hinwegrollt. Es ist die mythische Zeit, an der die wechselnden Eroberer zerbrechen. Ins Leere läuft auch die Mission des italienischen «Generals der toten Armee», im einstigen Hinterhof von Mussolinis Faschismus die Gebeine verschollener Soldaten zu bergen. Die patriotische Tat wendet sich angesichts der zutage kommenden Kriegsverbrechen in einen Nachtmahr; was von der Ehre bleibt, ist das Grauen.

Die Legende als Kriminalfall

Der in der Übersetzung von Joachim Röhm erstmals auf Deutsch vorliegende Roman «Die Brücke mit den drei Bögen» (1978) fügt sich in den geschilderten Kontext. Ausgangspunkt der im Jahr 1378 im tristen albanischen Hinterland spielenden Handlung ist wie in «Doruntinas Heimkehr» eine Legende, die zum Kriminalfall wird. Der technisch revolutionäre Bau einer Steinbrücke über das «Böse Wasser» scheint nur um den Preis eines Menschenopfers glücken zu können - doch verbergen sich hinter dem heiligen Akt profane ökonomische Interessen. Wie die Betreiber von «Kähne und Fähren» ihr altes Monopol mit allen Mitteln gegen die Eindringlinge verteidigen, so grimmig entschlossen sind die Brückenbauer, den von der Konkurrenz organisierten Saboteuren das Handwerk zu legen. Ein solcher scheint der Familienvater Murrash Zenebisha gewesen zu sein, der sich eines Morgens in einem Pfeiler eingemauert vorfindet - wobei er sein Leben auch zum Wohle der Seinen für teures Geld im Dienste der Brückenleute hingegeben haben könnte.

Kadare lässt den Mönch Gjon als Augen- und Ohrenzeugen die Chronik dieses angekündigten Todes für die Nachwelt festhalten - gegen die wilden Gerüchte, die ringsum kursieren. Gjon indes ist nicht einfach ein Mann der Aufklärung. Seiner Skepsis gegenüber den Vorgängen um die Brücke steht eine dogmatische Abneigung gegen die Osmanen gegenüber, die dabei sind, den Balkan unter ihre Kontrolle bringen. Wo mit dem Schwinden der byzantinischen Macht das Schicksal Albaniens auf dem Spiel steht, schreibt Gjon aus einer endzeitlichen Panik heraus: «Neues Unheil [zieht] herauf. Es ist das Türkenreich. Schon werfen seine Minarette ihre Schatten auf uns.» Der Dauerstreit unter den albanischen Fürsten bereitet dieser Expansion ebenso den Boden wie das Heer von türkischen Gauklern, das die Lande überzieht, aber auch die Brücke, deren Auftraggeber wohl nicht zufällig im Dunkeln bleiben. Indes fürchtet Gjon nicht allein die Macht der Türken, er verabscheut zutiefst auch deren Kultur:

Es wird schon seinen Grund haben, dass es (. . .) keine geraden Linien, Ecken, Kniffe und Falze gibt. Alles ist unbestimmt und so gefertigt, dass es andauernd seine Form ändert. Bei solch wankelmütigen Gewändern ist es schwer, die Hand, die den Dolch führt, von der Hand, die Blumen hält, zu unterscheiden. Aber wie kann man auch Lauterkeit von einem Volk erwarten, das die Quelle des eigenen Lebens verbirgt: die Frauen.

Europa und die «asiatische» Gefahr - das ist ein altes ideologisches Denkschema, dem Kadare im Roman indes kein Korrektiv entgegenstellt, so dass der Text in eine propagandistische Schieflage gerät. Es ist zweifellos der alte albanische Abwehrreflex, der hier spielt, worauf hinweist, dass auch die Slawen abgekanzelt werden. Diese, so Gjon, seien erst spät «aus den Steppen des Ostens» auf den Balkan vorgestossen, während die Albaner hier seit «unvordenklichen Zeiten verwurzelt» waren.

Entzauberter Mythos

Dass der nationalistische Oberton nicht den ganzen Text verdirbt, ist dem literarischen Können des Autors zu verdanken. Der Roman besticht als kulturgeschichtliches Gemälde, als sozioökonomische Parabel sowie als Studie über Massenhysterie. Die im Schnittpunkt der Kulturen einen alten Kreuzfahrerweg verbindende Brücke gibt Kadare Gelegenheit, die Akteure des Zeitalters vom Ziegenhirten über den Steinölhändler bis zum inkognito reisenden Potentaten panoramaartig in Szene zu setzen. Auch der geheimnisvolle fremde Ingenieur, der missbrauchte Narr und die Bannflüche schleudernde Alte fehlen nicht beim Drama des Baus, das der Autor in packende Episoden und düstere Bilder fasst. Aus Chaos und Schlamm steigt die Brücke empor; zunächst bringt die Wut des Wassers, dann die menschliche Boshaftigkeit das Projekt an den Rand des Scheiterns. Zenebishas Opfer löst zwar den Bann, schafft aber auch ein neues Tabu - das fertige Werk zu betreten, das einem Tod geschuldet ist. Erst die Möglichkeit, Zoll zu bezahlen, lockert diese Hemmung....Fortsetzung

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Die Brücke mit den drei Bögen von Ismail Kadare, 2002, Ammann2.)

Die Brücke mit den drei Bögen.
Roman von Ismail Kadare,
(2002, Ammann - Übertragung Joachim Röhm).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau vom 11.11.2002:

Trauma der Unterdrückung
Der Albaner Ismail Kadaré liest im Literaturforum

"Ein Land dem man bis vor kurzem noch gar keine Literatur zugetraut hat." Wenn es im deutschsprachigen Raum überhaupt einen Schriftsteller gibt, den man mit der albanischen Literatur verknüpft, dann ist es der 1936 geborene Ismail Kadaré, dem 1964 mit dem auch mehrfach verfilmten Roman Der General der toten Armee der Durchbruch gelang. Sein Name ist auch immer wieder im Gespräch, wenn es um die Vergabe des Nobelpreises geht, bislang ohne Auswirkungen.

Auf Einladung des Hessischen Literaturforums stellte Kadaré auf der Studiobühne des Mousonturms seinen bereits in den Siebzigerjahren geschriebenen, nun auch auf Deutsch erschienenen Roman Die Brücke mit den drei Bögen vor. Sein Übersetzer Joachim Röhm nutzte die Einführung zu einer umfassenden politischen Einordnung des Autors Kadaré, der, zu Zeiten der Diktatur, von den westlichen Medien als ein Abtrünniger des sozialistischen Realismus gefeiert, nach der Wende jedoch als Opportunist verurteilt worden sei.

Plötzlich, so Röhm, habe man Kadaré sein Arrangement mit dem Regime vorgeworfen, das es ihm ermöglichte, in Albanien zu schreiben und zu publizieren. Erst 1991 ging Kadaré ins Pariser Exil - ein demonstrativer Akt, um den lahmenden Demokratisierungsprozess in seiner Heimat zu beschleunigen.

Die Brücke mit den drei Bögen, ein "vermeintlich historischer Roman" (Kadaré), erzählt die Geschichte eines Brückenbaus im Jahr 1377. Widerstand regt sich, die Fährleute organisieren Störungsversuche, die fremden Handwerker und Konstrukteure werden von der Dorfbevölkerung argwöhnisch betrachtet, Rhapsoden ziehen umher und prophezeien den Aufstand der Nixen und Wasserwesen, die die Zähmung des Flusses, des "bösen Wassers", nicht hinnehmen würden.

In der Ferne lauert bereits die Bedrohung durch das Osmanische Reich, für Kadaré "der Prototyp eines totalitären Superstaates", der sich als Metapher immer wieder in seinem Werk findet. 1389 besiegen die türkischen Truppen auf dem Amselfeld die Balkan-Armee. Die sich anschließende, Jahrhunderte währende Unterdrückung habe, so der Autor, "ein tiefes Trauma" auf dem Balkan hinterlassen.

Kadarés Text jedenfalls litt an diesem Abend unter dem schleppenden Vortrag Joachim Röhms, der zum Schluss noch einmal betonte, es habe keinen albanischen Schriftsteller gegeben, "der nicht Lobeshymnen auf die Partei oder Stalin gesungen hat." In diese Feststellung fügt sich die Aussage Ismail Kadarés zu seiner persönlichen Position in der Diktatur nahtlos: "Ich habe mich bemüht, frei zu sein."

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