Die Brücke von Hart Crane, 2004, Jung und Jung1.) - 2.)

Die Brücke.
Ein Gedicht von Hart Crane (2004, Jung und Jung - Übertragung Ute Eisinger).
Besprechung von Fritz Popp bei Rezensionen-online *bn*:

Symphonischer Gedichtzyklus zur Geschichte Nordamerikas.

1930 erschien Hart Cranes großer Zyklus, in dem er Mythos und Geschichte Nordamerikas in ganz unterschiedlichen lyrischen Formen thematisiert. Er beginnt mit einer Zueignung an das zentrale Symbol der Sammlung, an die Brooklyn Bridge, die mehr als 50 Jahre zuvor vollendet worden war. Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Großstadt und Natur, Realismus und Mythos, Technik und Religion schlagen auch die Texte der acht folgenden Abteilungen: In ihnen "geht es" - stark verkürzt gesagt - um die Entdeckung Amerikas durch Columbus, die indianischen Ureinwohner, historische und legendenhafte Gestalten der Landnahme, einzelne Bundesstaaten, die Schifffahrt, neueste Technik und um den Atlantismythos. Auch wenn der Autor seine eigene Geschichte mit einbezieht, gibt es keine chronologische Gliederung oder Entwicklung. Crane bedient sich traditioneller und moderner Rhythmen, Vers- und Strophenformen. Eine gewaltige Fülle von Bildern, rauschhafte Evokationen, ekstatisch, ausufernd, in komplexen Satzkonstruktionen, haben sicher dazu beigetragen, dass "Die Brücke" zu den großen, aber wenig gelesenen Werken der Weltliteratur gehört. Die erste vollständige Übersetzung ins Deutsche von Ute Eisinger ist daher umso lobens- und bewundernswerter, wenngleich manche zu wortwörtliche Übertragung den Text holprig und auch unverständlich erscheinen lässt, wie die zweisprachige Ausgabe zeigt. Sehr hilfreich ist der informative Kommentarteil, der wichtige Daten, Fakten und Hintergründe liefert. Ebenso Klaus Reicherts erhellendes Nachwort über den Autor und sein Werk. - Für Bibliotheken mit Lyrikschwerpunkt. LyrikfreundInnen sowieso.

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Die Brücke von Hart Crane, 2004, Jung und Jung2.)

Die Brücke.
Ein Gedicht von Hart Crane (2004, Jung und Jung - Übertragung Ute Eisinger).
Besprechung von Mirko Bonné aus der Frankfurter Rundschau:

Brücke und Verheißung  
Klassiker, unbedingt wiederzulesen: Fünf Jahre dichtete Hart Crane an "The Bridge" (1930)  

In Die Ausgewanderten beschreibt W. G. Sebald einen nach Brooklyn emigrierten Onkel: Der Onkel Kasimir, der einst in Augsburg das Dach der Synagoge deckte, setzt 1929 dem Chrysler-Building die Stahlblechspitze auf. Doch nach einem Arbeitsunfall findet er nicht mehr ins Leben zurück. Abends zieht es ihn hinaus auf die kleine Landzunge vor New Jersey. Was ihm Sebald dort in den Mund legt, ist das Menetekel der Entwurzelung: "I often come out here (…), it makes me feel that I am a long way away, though I never quite know from where."
Diese ungelöste Frage nach einer us-amerikanischen Identität im 20. Jahrhundert zu erhellen, schickte sich in jenen "Roaring Twenties" auch der junge Dichter Hart Crane an. 1899 in Ohio geboren, lebte Crane im selben Appartement am East River, von dem aus der Ingenieur der Brooklyn Bridge 50 Jahre zuvor den Bau dieser einst größten Hängebrücke der Welt über den Seitenarm des Hudson beaufsichtigt hatte. Fünf Jahre lang schrieb Crane an seinem 60-Seiten-Gedicht The Bridge.
"Ich habe versucht", notiert er, "das gleiche Gefühl von Erhebung (…) spürbar werden zu lassen (…), wie man es hat, wenn man über meine geliebte Brooklyn Bridge geht." Für Crane war die Brücke des John Augustus Roebling, der eigentlich Johann August hieß und aus Thüringen stammte, ein "Symbol bewussten Zeit- und Raum-Überspannens". Glücksvernichtender Entfremdung hielt er die Poetik vom "Fortschreiten nach rückwärts" entgegen: The Bridge strebt durch Raum und Zeit, und die Übersetzung Ute Eisingers lädt nun auch den deutschsprachigen Leser ein, darüber zu gehen.
In neun Abschnitten spannt sich der Bogen aus der Zukunft zurück nach Atlantis. Symphonisch verwoben, bilden die Gedichte drei Entwicklungen ab: die Geschichte des Kontinents, seiner Natur, Ureinwohner, Eroberung und Formung zur modernen Zivilisation begleiten Figuren aus Amerikas Mythengeschichte: Kolumbus, Pocahontas, Rip van Winkle. Herman Melville, der die Einweihung der Brooklyn Bridge als Zollbeamter erlebte, wandert ebenso durch den Text wie Poe und Isadora Duncan. Sie alle überqueren Die Brücke und verleihen ihr Lebendigkeit. Kontrastiert werden vorüberziehende Zeiten und Leben von der Geschichte der technischen Gefährte, die Weg nach Westen und Aufstieg zur Weltmacht Reichweite und Tempo vorgaben. Einzigartig das Zusammenwirken abstrakter Sujets mit sinnlich wahrnehmbaren Details von Pionierschiffen oder Siedlertrecks. In furioser lyrischer Animation verwandelt Crane die Planwagen in Dampfeisenbahnen, Güterzüge, Metrolinien. Immer schneller, effektiver und doch bald hoffnungslos unrentabel sind die Schiffe: Walfänger werden zu Tee-Klippern, "Zeitschneidern".
Eines der kräftigsten Gedichte heißt nach dem berühmtesten dieser Segler und nach dem Lieblingswhiskey Hart Cranes "Cutty Sark". In einer Spelunke tun sich Matrosen groß, Schiffsnamen durchgeistern den Qualm wie Götternamen antike Oden, und dazu spielt ein Münzpiano: "Rose von Stambul, o Korallenkönigin!"

Die Seele, benzinbeflügelt

"Luftregatta von Schnellsegler-Phantomen": Sie erheben sich tatsächlich in die Lüfte, als Luftschiffe, die das nahe Lakehurst ansteuern. "Cutty Sark" wird auf dem Weg über die phonetische Brücke zu "Kitty Hawk", dem Ort der ersten Motorflüge der Gebrüder Wright. In "Kap Hatteras", einer Whitman-Hommage, sieht Crane visionär Luft- und Raumfahrt gekoppelt an ihre militärische Nutzung: "Die Seele, benzinbeflügelt in ganz neue Bereiche, / weiß schon des Mars Erringung nicht mehr im Fernen, -/ und neue Weiten zu entknoten, greift bald, was Hass / vorsieht, um sich (…)" Auch die Herzstelle des Textes bedient sich der Flieger-Metaphorik, um Kritik an hypertropher Rationalität zu üben: "(…) Wir kennen die schneidende Regel / herrischer Flügel … Raum, unverzüglich, / flackert kurz auf, verbraucht uns in seinem Lächeln (…)". "Dream cancels dream in this new realm of fact / From which we wake into the dream of act", fährt das Original, gereimt, fort.
Michael Hamburger weist darauf hin, dass Crane trotz allen Wissens um amerikanische Geschichte und der Absicht, T. S. Eliots Waste Land einen positiven Mythos entgegenzusetzen, doch von Entfremdung schrieb. Crane brachte ein dem Wesen nach romantisches Empfinden mit zu einem Unternehmen, an das William Carlos Williams realistischer heranging, unbelastet von Sehnsucht nach einer Erhabenheit, die mit dem amerikanischen Englisch schwer in Einklang zu bringen ist. Und dennoch: die Vielstimmigkeit von The Bridge, ihr Figurenreichtum ebenso wie ihre filmischen Montageverfahren zeugen vom Versuch, der Moderne den Spiegel einer zeitlosen, dabei so dynamischen Dichtung vorzuhalten, wie sie ein Whitman oder Melville hinterlassen haben. "Jede Zeile dieses Gedichts - mögen die Rhythmen noch so oft wechseln, vom gleichmäßigen Wellenschlag bis zu Jazzfetzen - (…) ist Exzess", schreibt Klaus Reichert im Nachwort der zweisprachigen Ausgabe, ein Exzess, dem man sich unbedingt aussetzen sollte.
Ute Eisingers Anmerkungen vermitteln einen Eindruck von der Liebe der Übersetzerin und machen Lust auf genaueres Wiederlesen. Manchmal wünscht man sich eine autonomere Übertragung, mit einem weniger am Craneschen Detail denn am eigenen dichterischen Zugang orientierten Profil.
Doch Eisingers "Brücke" ist nicht nur wichtiger Impuls zur dringend anstehenden Wiederaufnahme kritischer Auseinandersetzung mit den Klassikern der US-Literatur, sie ist immer dort ein Genuss, wo das Original einmal innehält und tatsächlich zeitlos wird: "(…) Weißt du noch, weißt noch / den Aschenhaufen hinten im Hof, / wo wir die ganze Brut junger Ringelnattern / drunter erschlagen haben … Und die Flieger, / die wir steigen ließen - aus Papier und eingedrehten / Gummiringen (…)".Hart Crane war sich des einen wesentlichen Mankos seines Entwurfes vom "Fortschreiten nach rückwärts" lange vor Fertigstellung von The Bridge bewusst. Schon 1926 schrieb er: "Das ,Geschick' ist längst vollendet (…). Die Brücke als Symbol hat heute keine Bedeutung, die über einen zeitsparenden Zugang zu kürzeren Arbeitszeiten, schnelleren Mittagessen, Behaviourismus und Zahnstocher hinausginge". 1930, als The Bridge erschien, lebte Crane in Paris, bevor ihn ein Guggenheim-Stipendium nach Mexiko rief. Das angekündigte neue Epos hat er nicht begonnen. 1932, auf der Rückreise nach New York, sprang Hart Crane von Bord der S. S. Orizaba in die Karibik. "It makes me feel that I am a long way away, though I never quite know from where."

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