In sturmzerzauster Welt. Die Brontes.
Essays von Muriel Spark (2003, Diogenes - Übertragung Gottfried Röckelein).
Besprechung von Thomas David in Neue Zürcher Zeitung vom 15.04.2004:

Verwandte Geister
Muriel Sparks Essays über die Brontë-Schwestern

Seit der Veröffentlichung ihrer frühen Romane - insbesondere seit «Memento Mori» (1959) und «Die Blütezeit der Miss Jean Brodie» (1961) - gilt die schottische Schriftstellerin Muriel Spark als eine der bedeutenden Autorinnen der britischen Nachkriegsliteratur. Sie ist die Verfasserin von mehr als vierzig Kurzgeschichten, darunter moderne Klassiker wie «Die Schwarze Madonna» und «Portobello Road»; «The Finishing School», der zweiundzwanzigste Roman der mittlerweile 86-jährigen Schriftstellerin, ist unlängst im englischen Verlag Viking erschienen.

Bevor Spark sich jedoch einen Namen als Romanautorin machte, debütierte sie als Lyrikerin und Literaturkritikerin. Sie war von 1947 bis 1949 Herausgeberin der «Poetry Review», schrieb (zum Teil unter einem Pseudonym) für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und gab 1950, gemeinsam mit dem Kritiker Derek Stanford, ihr erstes Buch heraus, eine Festschrift zu Ehren William Wordsworths, der ein Jahr später Sparks frühe Fassung ihrer Biografie über Mary Shelley folgte. «In sturmzerzauster Welt» - «The Essence of the Brontës», so der etwas ungezwungenere Titel des 1993 erschienenen englischen Originals - hat seinen Ursprung in den von Spark zusammengestellten Anthologien «A Selection of Poems by Emily Brontë» (1952) und «The Brontë Letters» (1953) sowie in dem 1953 erschienenen Buch «Emily Brontë: Her Life and Work», für das Derek Stanford den literaturkritischen und Muriel Spark den biografischen Teil verfasste. Dieser hervorragend geschriebene biografische Abriss bildet das Herzstück von «In sturmzerzauster Welt»; weiter sind darin eine Auswahl von Gedichten sowie Sparks Momentaufnahme eines Besuchs am Grab Emily Brontës und ein abschliessender kurzer Beitrag über Heathcliff, den dämonischen Helden aus Emily Brontës einzigem Roman, versammelt.

Das Leben als Kunstwerk

«Ich wurde in der Schule schon sehr früh an die Brontës herangeführt, massgeblich mittels ihrer sonderbaren Lebensgeschichten», so Muriel Spark auf die Frage nach ihrem anhaltenden Interesse an den Werken der «taubengrauen Schwestern» (Arno Schmidt) aus Haworth. Sparks eigenes Werk ist von der literarischen Moderne geprägt, zu ihren Einflüssen zählt die Schriftstellerin unter anderen Marcel Proust und die geistreich glänzenden Gesellschaftssatiren Max Beerbohms. Die melodramatischen Gefühlslandschaften des viktorianischen Romans lassen sich allenfalls in den von der Autorin weithin ausgeblendeten Randgebieten ihres urbanen und gänzlich unsentimentalen literarischen Werks erahnen. «Drei unabhängige Mädchen im Norden von England, die in einem Pfarrhaus wohnten und kontinuierlich schrieben: In Schottland, wo ich lebte», so Muriel Spark im Interview, «hatten wir für die unabhängigeren Frauen aus Nordengland viel übrig. Die aussergewöhnlichen Biografien der Brontës glichen selbst schon Romanen.»

«Sogar wenn man ihr schriftstellerisches Wirken ausklammert», schreibt Muriel Spark in ihrem Vorwort zu «In sturmzerzauster Welt» über Charlotte, Emily und Anne Brontë, «bilden ihre Lebensgeschichten für sich genommen autonome Kunstwerke.» Sparks Buch ist denn auch weniger eine literaturkritische Werkbetrachtung als der Versuch, in biografischen Zeugnissen jenen Energien nachzuspüren, die das schmale Œuvre der Brontës bewegt haben. Spark begreift die Familie des Pfarrers Patrick Brontë dabei zwar als «dramatische Einheit», macht aus ihren Sympathien und Antipathien für die einzelnen Geschwister andererseits kein Hehl: Sie bescheinigt Branwell Brontë, dem Bruder der Schriftstellerinnen, dessen literarische Ambitionen weitgehend unerfüllt blieben, ein «wüstes, nutzlos vertanes Leben» - obwohl die stereotype Darstellung Branwells als Taugenichts und verschwenderischer Trinker seit dem Erscheinen von Winifred Gérins Biografie im Jahr 1961 in ihrer Eindimensionalität kaum mehr haltbar sein dürfte. Sie drängt Anne Brontë, die Autorin von «Agnes Grey» und «Die Herrin von Wildfell Hall», als «das literarische Pendant zu einer jener handwerklich soliden Aquarellmalerinnen, wie es sie zu der Zeit dutzendweise gab», in ihrer Betrachtung allzu bereitwillig an den Rand.

«In sturmzerzauster Welt» zeichnet folglich kein ausgewogenes oder unvoreingenommenes Familienporträt der Brontës und steht zudem neben zahlreichen anderen Darstellungen älteren Datums im imposanten Schatten von Juliet Barkers vor zehn Jahren erschienener Biografie, in der die Familiengeschichte der Brontës detailreich im hellen Licht der neuesten Forschungsergebnisse erstrahlt. Was Muriel Sparks Buch aber dennoch zu einem grossen Lesevergnügen macht, ist die distanzierte, den kreativen Prozess reflektierende Emphase, eine auch ihrem literarischen Schaffen eigene Methode, mit der die Schriftstellerin in «In sturmzerzauster Welt» am Beispiel der Brontës die Dynamik des schöpferischen Geistes freilegt.

«Meine Arbeit als Kritikerin hat zweifellos Einfluss auf meine Arbeit als Romanschriftstellerin genommen», so Muriel Spark im Interview. «Während des Schreibens von Romanen bin ich mir nicht nur eines kreativen Prozesses bewusst, sondern auch eines kritischen.» Sparks literarischer Stil - das Understatement ihrer emotionslosen und scheinbar unbeteiligten Prosa, die Ökonomie der meist kurzen Romane, die despotische Autorität ihrer auktorialen Erzähler - ist von der wachen Sensibilität eines Kritikers, der unbeirrt sachlich seinen Gegenstand untersucht. «Die eigene Erfahrung wirkt sich unweigerlich auf die Gedanken aus, die man sich über andere Schriftsteller macht. Ich glaube, dass die meisten erfolgreichen Schriftsteller Erfolg haben, weil sie eine angeborene Begabung für diese Arbeit besitzen und niemals andere Dinge ebenso gut tun könnten. Mir sind Leute suspekt, die behaupten, sowohl Romane schreiben zu können, als auch Kleider zu entwerfen, Musik zu komponieren, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, und ihre Verdienste in allen erdenklichen anderen Richtungen unter Beweis zu stellen versuchen. Sie sind möglicherweise begabt, aber nicht sehr begabt.»

Charlotte als Hauptperson

In dem kurzen Essay «Die Brontës: Lehrer und Gouvernanten», der die Textfolge von «In sturmzerzauster Welt» eröffnet, beschreibt Spark das «Martyrium» der Ausflüge, die Charlotte, Branwell, Emily und Anne Brontë ins Lehrfach unternahmen, das klägliche Scheitern einer bürgerlichen Existenz, an dem sich die literarische Berufung der Geschwister erst offenbarte: «Vielleicht sollte jeder Schriftsteller mit eisernem Willen, aber fehlender Gelegenheit zum Schreiben, daraus die Lehre ziehen, dass man sich immer zuerst selbst beweisen muss, dass man zu nichts sonst taugt.» Der Entfaltung der «genialen Anlagen» sind die folgenden Teile des Buchs gewidmet, in denen sich bald schon Emily Brontë als Sparks eigentliche Protagonistin erweist. Zwar lässt die Auswahl von einhundertdreissig Briefen, die etwa die Hälfte des Buchs ausmachen und einen privaten Blick auf den Alltag der Brontës erlauben, zunächst Charlotte Brontë als prominenteste Figur erscheinen, zumal die meisten der überlieferten Briefe aus ihrer Feder stammen; doch in der zweiten Hälfte richtet Muriel Spark ihr ganzes Augenmerk auf die Autorin der «Sturmhöhe».

Im Gegensatz zu Branwell und Anne, die als blosse Schatten ihrer selbst in Sparks Buch präsent sind; im Gegensatz zu der lebenstauglichen, der Welt zugewandten Charlotte, die sich schliesslich nicht nur mit Verlegern, sondern auch mit einem Ehemann arrangieren konnte, scheint Emily Brontë für Muriel Spark den schöpferischen Geist in seiner kompromisslosen und reinsten Form zu verkörpern. Die Verabsolutierung der schriftstellerischen Arbeit, die zielgenaue Ausrichtung ihres Lebens auf das, «was sie als ihre individuelle Berufung ansah», macht Emily Brontë zu einer der wahrhaftigsten Schriftstellerinnen der britischen Literatur. Muriel Spark ist, zumindest in dieser Hinsicht, ihre Schwester im Geiste.

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