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1.) - 2.)
Die Botschaft des
Hotelzimmers an den Gast.
Aufzeichnungen
von Günter Kunert (2004,
Hanser).
Besprechung von Gert Oberempt in Rheinischer
Merkur, 15.07.2004:
Zum 75. Geburtstag Günter
Kunerts erscheinen endlich die Aphorismen dieses Meisters der kleinen Form
Schwarzseher
mit Geistesblitz
Es gibt keine einhellige Meinung dazu, ob Maximen und Reflexionen hochrangige artistische Leistungen darstellen. Während Schopenhauer, Nietzsche, Hauptmann, dann Benjamin und Adorno Prosa dieses Genres gesammelt und veröffentlicht haben, hat Goethe davon kein Aufheben gemacht. Lichtenbergs „Sudelbücher“ wurden über 100 Jahre nach seinem Tod, die Tagebücher des jung verstorbenen Hebbel 30 Jahre später aus dem Nachlass herausgegeben. Auf diese klassischen Werke der Sinnspruch- und Sentenzliteratur beruft sich Günter Kunert bei seinen neuen „Aufzeichnungen“, ohne allerdings wie die Vorgänger auf postume Entdeckung warten zu wollen.
Zum 75. Geburtstag hat er sie zur Publikation freigegeben, im stolzen Bewusstsein, dass er so schreibt, „als sei jedes Wort das letzte, das er jemals in seinem Leben schriebe“. Voller Vertrauen auf das Notat des Meisters, in der Haltung des verehrenden Jüngers, bezeichnet der Herausgeber Hubert Witt diese Sammlung letzter Worte als Opus magnum des Schriftstellers.
Ob nun Gelegenheitseinfälle oder Gedankenabfall, groß ist jedenfalls der Anspruch dieser Anmerkungen. Kunert hat sie seit 1979, seit seiner Übersiedlung nach Westdeutschland, zu einem umfassenden Themenspektrum zusammengetragen, in der Zeit also, als sich der Wahlholsteiner mit Geist und Galle den Spitznamen „Kassandra von Kaisborstel“ eingehandelt hat. Betrachtungen zum Schreiben, zum Leben und zur Welt im Ganzen finden sich hier der Reihe nach, teils datiert, teils undatiert, und innerhalb dieser Kapitel werden wieder spezifische Phänomene und Probleme der Existenz mit Notatengruppen bedacht. Der notorische Miesmacher weiß sich im besten Licht zu präsentieren: Er, der so schwarz und trübe in die Welt guckt, so düster sie malt, schreibt schön und bringt viel Farbe in die Texte.
Der Tiefschürfer
Sein Ideenreichtum scheint dabei gegenstandsbezogen und in der theoretischen Potenz mit den Stoffen zu schwanken, ist mal originell, mal reproduktiv. Das längere Kapitel „Vom Altern“ bringt Erfahrungen und Überlegungen, die wohl vielen schon ähnlich durch den Kopf gegangen sind, während das zweitlängste „Von anderen Schreibern“ – mit Einfällen zu Brecht etwa – manches Aha! abnötigt. Treffsicheren Zugriff zeigen die fast 50 Seiten zu den „Zeitläufen“ – der Renegat der DDR bewältigt Vergangenheit, bewertet Bewusstseinsinhalte mit literarischem Schliff und analytischer Schärfe. Dann wieder repetiert das Räsonnement zur heutigen Unmöglichkeit der Naturlyrik Abgegriffenes. Gelungen auch der Abschnitt „Einfälle zu Geschichten“, wobei die einleitende Reflexion, „die Fabrikation von Fragmenten sei das heute literarisch nur noch einzig Mögliche“, ein alter Hut ist. Die Arbeit in der traditionsgesättigten Gattung fördert eben auch die Kontinuität des Gehalts. Kunert schürft tief, sein geistiger Blick geht weit, und er zeigt alte Wahrheiten in neuer Sicht. Derart luzid überraschen die Formulierungen und überzeugen.
Das Denken sei prozessual, die Prosadiktion müsse die Form des Geburtsmoments haben, äußert Kunert und schließt sich damit einer etablierten Erkenntnis der Moderne an. „Der nicht festgehaltene Gedanke kehrt so wenig in seiner Ursprünglichkeit zurück wie der bekannte Fluss, in den man nicht zweimal steigt.“ Von der Existenzerfahrung der Flüchtigkeit spricht das Buch in jeder Zeile, im Gryphius-Motto: „Wir Armen sind nur Gäste“, im kryptischen Titel. Die „Botschaft des Hotelzimmers an den Gast“ ist eben die, dass er seine Eintagsfliege ist. Kunert, Künder der Vergänglichkeit, wiederholt mit dem grimmigen Ernst des Propheten dieses sein Ceterum censeo. Überall in der Welt des Alltags sieht er die Indizien der Katastrophe. In griffigen Beobachtungen, in gelenkiger Sprache voller Allusionen und Assoziationen ist das Menetekel von Verfall und Untergang entworfen, ob er sich mit seiner Individualität beschäftigt, mit den Gebresten der vorgerückten Jahre oder ob er über den Gebrauch der Geschlechtsteile und die Verbauung Maltas sinniert. Die Wahrnehmungen der Kunstwerke und die der scheinbaren Randphänomene des sozialen Umfelds lösen die begriffliche Anstrengung der Kulturkritik aus.
Im Blick auf die „verschuldete Unmündigkeit“ unserer Zeit steht der Skeptiker eher in der Nachfolge von Adornos freilich philosophisch abgehobenen „Minima moralia“ als in der der fernen Hebbel und Lichtenberg. Die gleitenden Übergänge zwischen aphoristischen, anekdotischen, essayistischen Kurzformen und der Wechsel zwischen Reflexion und Anschauung finden sich hier. Die Tendenz zum eindringlichen Grübeln überlagert bisweilen die Evidenz von Ausdruck und Aussage. Man erkennt den Verfasser, der die Dinge nicht leicht nimmt. Aber es gibt auch witzige Definitionen mit verdrehten Worten, Kalauer, wie Kunert lässig einräumt, die es aber in sich haben.
Kunert hat kein Problem damit, sich als Egomane zu titulieren. Montaigne nennt er als Vorbild und beruft sich auf das „Geheimnis“ seiner Vitalität: „Ich zu sagen, anstatt sich hinter scheinobjektiven Behauptungen zu verstecken.“ Aber in der Last seiner Lebenserfahrung, die ihn das Selbst als Zuflucht schätzen lässt und zur Selbstauskunft animiert, haben sich misslaunige Bitterkeit und Bissigkeit angesammelt. Manches verstimmt beim Lesen.
Seismograf für Verfinsterung
Die unabdingbare persönliche Stellungnahme des Essayisten äußert sich in Schimpfen und Stänkern. Immer staunenswert nah bei den Dingen, glossiert er gereizt Zeiterscheinungen: die Milde der Justiz gegenüber den Kriminellen, die Neugier auf die Aufklärung von Kapitalverbrechen gegenüber dem Mangel an Betroffenheit über die Opfer, das Gesetz zur Lebenspartnerschaft. Kunert verbalisiert in wendiger Diktion dumpfe Stammtischreden: „Die Moderne in der Malerei öffnet dem Dilettantismus Tür und Tor.“
Die Parole „Jeder kann Kunst machen“ scheint ihm ein Auswuchs demokratischer Gesinnung. Hier hätte ein wenig mehr Abgeklärtheit Not getan oder die Elimination, die dem Herausgeber zufolge einem Großteil des ursprünglichen Manuskripts widerfahren ist. Mit derart griesgrämigen Einreden kann sich Kunert kaum als „Seismograf“ einer „allgemeinen geistigen und physischen Verfinsterung“ aufspielen, wie er einmal in einem Gespräch von 1977 meinte. Von diesen bedenklichen Privatmeinungen abgesehen, gelingen mit Wortspielen und Gedankenfolgen schlüssige und blitzgescheite Sätze gegen ideologische Formeln.
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2.)
Die Botschaft des
Hotelzimmers an den Gast.
Aufzeichnungen
von Günter Kunert (2004,
Hanser).
Besprechung von Michael
Braun aus der Frankfurter
Rundschau, 9.2.2005:
Der vorletzte Ort der Wahrheit
"Die Botschaft des Hotelzimmers an
den Gast": Günter Kunert präsentiert sein Big Book
Geschichte als Menetekel?
Nicht zu leugnen ist, dass die Motive seines Werks eine erstaunliche Konstanz
aufweisen: eine Fortschritts-Skepsis, die von der Unbelehrbarkeit des Menschen
ausgeht und Geschichte als permanentes Menetekel begreift, hat sich von Beginn
an in die Texte dieses vielseitigen Autors eingeschrieben. Was sich 1950 in
seinem Debütband Wegschilder und Mauerinschriften als Warnung an die
"Davongekommenen" artikulierte, behielt seine fatalistische
Grundmelodie bis zum Gedichtband Nachtvorstellung von 1999. Mit
"schwarzen Lehrgedichten", die von der Geschichte als fortdauernder
Katastrophe handeln, hat Kunert seinen Mentor Brecht,
von dem er sich immer mehr distanzierte, ins Negative gewendet.
Dass er aber mehr kann als nur Untergangsbitterkeiten verkünden, dass sich
seine Skepsis in guten Momenten mit sarkastischem Humor bewaffnen kann, zeigt
nun sein aphoristisch-essayistisches Welterkundungsbuch Die Botschaft des
Hotelzimmers an seinen Gast. Es versammelt Notizen und Aufzeichnungen aus
rund drei Jahrzehnten, ein ins Politische, Ästhetische und
Vegetabilisch-Idyllische weit ausgreifendes "Big Book", das die Summe
eines Dichterlebens zieht.
Insgesamt 1400 Manuskriptseiten hat Kunert seinem Herausgeber Hubert Witt übergeben,
der aus dem Konvolut die konzisesten Partien destillierte und zu drei großen
Motivgruppen ordnete. Von Betrachtungen über das Schreiben weitet sich der
Blick zur persönlichen Chronik und schließlich zur anthropologisch-politischen
Gesamtschau.
Für seine "Weltbetrachtungen" hat Kunert das Genre der Aufzeichnung
gewählt, das er mit seinen berühmten Vorläufern Montaigne, Lichtenberg,
Hebbel und Canetti
als Königsdisziplin der Literatur begreift. In einer Notiz rühmt er das
Fragmentarische, auf Abbreviaturen setzende Schreibprinzip:
"Der knapp formulierte Gedanke, ohne Anfang und resümierendes Ende, der
Einfall für eine nicht ausgeführte Geschichte (...) - Ansätze, Abbrüche,
Konvergenzen unserer aktuellen irdischen Existenz." Die
Desillusionierungsarbeit des Skeptikers Kunert gewinnt immer dann an
Wahrnehmungsschärfe, wo der Autor wirklich auf punktuelle Beobachtungen und den
beiläufigen, aber präzisen Blick vertraut.
Wenn Kunert zum Beispiel in seinen Reflexionen über das Altern ganz unaufgeregt
den Verfallsprozess des eigenen Körpers beschreibt, gelingen ihm wunderbar präzise
Notate. Auch die Partien, die er dem unspektakulären Rhythmus seines Landlebens
widmet, gehören zu den starken, weil diskreten Aufzeichnungen dieses
"Sudelbuches". Mit nobler Zurückhaltung kommentiert er auch seine
Begegnungen mit literarischen und politischen Zeitgenossen aus der DDR. Hier
dementiert der Autor seine immer wieder behauptete Nähe zu Brecht und versucht,
eine große Distanz zwischen sich und den "ideologisch obsessiven
Dichter" zu legen.
Ein gewisser Ingrimm trifft auch Stephan
Hermlin, dem Kunert dessen opportunistische Parteinahme für die "stärkeren
Bataillone" nicht nachsehen will. Ein aufregender Fund für
Kunert-Rezipienten verbirgt sich sicherlich in der Anmerkung zu frühen
Vorbildern: Konstitutiv für Kunerts Schreiben waren nicht etwa die Werke von
Brecht und Benn, sondern zwei Klassiker der modernen amerikanischen Lyrik: Edgar
Lee Masters und Carl Sandburg. Die Crux von Kunerts Aufzeichnungen manifestiert
sich da, wo das Bedürfnis des Autors nach sentenzhaften Pointen übermächtig
wird und die punktuelle Perspektive sich im allgemeingültigen Gleichnis
beglaubigen will. Es ist geradezu ein Verstoß gegen das Gattungsgesetz der
Aufzeichnungen, wenn der Autor dem kulturkritischen Predigergestus verfällt.
Heterogenes Sudelbuch
Die Unbescheidenheit des eigenen Anspruchs verrät
sich ausgerechnet im Plädoyer für das Beiläufige der Aufzeichnung: "Ich
fungiere als Chronist des Beiläufigen, aus dem die Substanz des ,Großen und
Ganzen' hervortritt." In einem einzigen Satz hat sich der Dichter hier von
der Selbstverpflichtung auf das "Beiläufige" in die globale
Vogelperspektive zur Erfassung des "Großen und Ganzen" katapultiert.
Dieser Widerspruch zwischen dem Subjektiv-Fragmentarischen der Aufzeichnung und
der angemaßten Objektivität des universalistischen Aufklärers hat sich in
zahlreiche Notate eingeschlichen.
Während Kunert an einer Stelle zurecht anmerkt, dass die Dichter ihre Funktion
als "moralische Autoritäten" verloren haben, beharrt er einige Sätze
weiter auf dem idealistischen Traum vom Gedicht als "letztem Ort der
Wahrheit". Der Drang zur resümierenden und häufig moralinsauren Sentenz
verdirbt so manches Notat.
Eine Reflexion über ein Walter Ulbricht-Zitat endet dann in der populistischen Erkenntnis, dass "keinem Politiker zu trauen" sei. Ähnlich endet eine Betrachtung zur Philosophie in höchstmöglicher Banalität: "So geht alles den Bach hinunter, was ehedem groß gewesen ist." In einem "Sudelbuch", so mag man sich trösten, findet man eben nicht nur staunenswerte Erkenntnisblitze, sondern auch makulaturverdächtige Gemeinplätze.
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