Die blinde Fotografin von Paul Brodowsky, 2007, Suhrkamp

Die blinde Fotografin.
Erzählungen von Paul Brodowsky (2007, Suhrkamp)
Besprechung von Anja Hirsch in der Frankfurter Rundschau, 16.6.2007:

"Die blinde Fotografin"
Etüden in Gleichgültigkeit

Dass man es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vornehmlich mit eher bindungsunfähigen Menschen zu tun hat, wäre keine neue Kunde. Nicht dass, sondern wie man die Flucht ergreift, macht die Erzählungen dieser Tage, dieser Generation voneinander unterscheidbar. Noch wichtiger ist die Frage nach der Gestaltung des richtigen Zeitpunkts. Merken es beide gleichzeitig? Nur der eine? Oder - quälender noch - nur der Leser?

Paul Brodowsky, Jahrgang 1980, hat die Frage in sechs Erzählungen mit der Form zu lösen versucht, und das Ergebnis ist trotz einer eher sterilen Technik nicht ohne Reiz. Der Aufbruch aus einer nicht mehr recht lockenden Beziehung - das gerinnt etwa in der Erzählung "Im Flur" zu einer langgedehnten, immer wieder neu ansetzenden Überspielung.

Es klingelt schon wieder

Wie das Telefon schrillt, der Ich-Erzähler in Irinas Wohnung sich über Irinas Seitensprung klar wird, während Irina selbst Brötchen zu holen vorgibt; wie der Anrufbeantworter anspringt, der Leser neugierig gemacht, dann aber doch ständig vertröstet wird, weil der Ich-Erzähler immer wieder mit neuen Details über die letzte gemeinsame Nacht aufwartet, bis er endlich doch zur Flucht aus der Wohnung bereit ist; und wie der Leser dann doch noch im Weggehen eine Männerstimme hört, die den Anrufbeantworter mit eindeutiger Botschaft bespricht - das ist ein spannender Vorgang, aber er lässt einen auch merkwürdig kalt. Dass der Ich-Erzähler Teil einer ganz anderen Geschichte war, die mit Macht, mit Sex, mit Perversion zu tun hat - es irritiert einen kurz, dann wendet man sich ab.

Natürlich ist das ein Übertragungsvorgang, und er scheint kalkuliert: Brodowskys etwas müde protokollierende Figuren sind Nachfahren einer Prosa, die sich mit dem Namen Judith Hermann verbindet. In der Erzählung mit dem Titel "Judith" spielt der Autor selbst darauf an.

Stilistisch ebnet er sich aber einen anderen Weg in die Gleichgültigkeit, die in einer zwanghaften Auflistung von Äußerlichkeiten ihren stärksten Ausdruck findet. Nach seiner Kurzprosa-Sammlung "Milch Holz Katzen" (2002) übt Paul Brodowsky die Aneignung von Welt in seinen neuen Erzählungen aus dem Band "Die blinde Fotografin" zunächst als poetischen Schreib- und Schaulehrgang. Der Held seiner ersten Erzählung mit dem Titel "Aufnahme" wird dazu von seiner Freundin regelrecht genötigt - einer Fotografin, deren Erblinden man beiwohnt.

Und während ihr die sichtbare Welt entschwindet, muss der Partner sie rekonstruieren, im Detail, als Ersatz-Augenpaar: "Beschreib mir den Schnee, sagte sie, weiß, sagte ich, nein wirklich, sagte sie, also gut, sagte ich, ein strahlendes Weiß, wo der Schnee unberührt ist, haben sich über Nacht hauchdünne Eisplättchen aufgerichtet, wie papierdünne Scherben oder wie Klingen, der Schnee überdeckt alles, die Hydranten, die Müllsäcke wirken wie Pilze, die weiß aus dem weißen Boden geschossen sind...". Immer wieder herrscht sie ihn an: "präziser". Die Antworten werden zum lang gestreckten Ritardando - ein Innehalten, eine Aufforderung, die Worte zu finden, zu differenzieren zwischen weiß und weiß. Brodowskys Prosa ähnelt dem modernen Tanz, in dem sich jedem Impuls eine fließende Serie von Bewegungen anschließt. Etwas weniger elegant gesagt: viele Adjektive, wenige Gefühle.

Labile Großstadt-Panther

Das aber scheint dem Autor nicht zu reichen. Wie er seine Geschichten jedoch gegen Ende hin beschleunigt, ist manchmal etwas übermütig. Die blinde Fotografin etwa zelebriert ihren Freitod, und ihr willfährig die Welt an sie herantragender Freund findet sie in ihrer Wohnung von der Decke baumelnd wie in einer Theaterkulisse, während die Digitalkamera noch läuft.

Die Sprache selbst wirkt wie ein Filter, und das ist Literatur im engsten Sinn ja auch: Fiktion, also künstlich. Brodowsky dreht diese Schraube skrupellos weiter, und es drängt sich dann doch die Frage auf, ob seine Erzählungen einen berühren, wo doch klar ist, dass sie eben das kaum sollen - oder wenn, dann durch ihre Kühle, eben durch die knappe Berührung, durch "den Arm", der "nur probehalber" auf der Taille liegt, wie abgelegt, "vorübergehend".

Man geht durch diese Erzählungen wie durch eine Ausstellung, über deren Hintergrund man nur vage informiert wird - doch will man ernsthaft länger vor einem Lieblingsbild stehen bleiben? Paul Brodowskys Figuren sind labile Großstadt-Panther, sprungbereit, doch seltsam gelähmt. Den Mut zum Springen, zur Tat, müssen sie sich mühsam erwerben, gar bei irgendwem borgen - und immer wieder neu darum ringen.

Für dieses Dilemma hat der Autor ein Passepartout geschaffen, das Verschiebung, Umkehrung, fugenartige Einsätze, also musikalische Kompositionsmittel nutzt. Nicht zufällig arbeiten in der Erzählung "Zoltan und ich" zwei Komponisten an Werken für die Donaueschinger Tage für Neue Musik. Dass der Eine dabei seine Freundin an den Anderen verliert, ist die Krux dieser Form: Das Instrument ändert sich, das Thema nicht.

Es wäre nun leicht, das gleiche für diese Texte zu sagen: Der Autor ändert sich, das Thema nicht. Dafür aber sind die Erzählungen zu bewusst, zu konzentriert verfasst. Für ihr Thema können sie nichts, es drängt sich ihnen auf. Und so verorten sie die Fragen nach dem richtigen Zeitpunkt des Auseinandergehens und wie wohl die Flucht zu gestalten wäre in einem erzählerischen Vakuum, das der Frage schlicht die Luft nimmt: Vor Nichts kann man auch nur schwer flüchten. Ebenso gut ließe sich der Rückwärtsgang einlegen und eine der kurzen Beziehungen vom Ende her erzählen (wie in "Rachel"). Es macht diese ebenso strengen wie zarten Geschichten um Nähe und Distanz nicht leichter, höchstens abgeklärter.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0607 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau