Die blauen Hefte.
Kommentare von René Schickele (2002, Verlag Stroemfeld/Roter Stern - Hrsg. von Annemarie Post-Martens).
Besprechung von Jürgen Berger in der Frankfurter Rundschau, 15.2.2003:

Am wildesten waren die Frauen

Der südbadische Elsässer als wacher Chronist: René Schickeles "Die Blauen Hefte" lassen die Katastrophe heraufziehen

Der Landschaft im Südbadischen kann man einen idyllischen Reiz nicht absprechen. Hat man dann auch noch das erste eigene Haus bezogen und sich in der Hanglage von Badenweiler niedergelassen, wähnt man sich im Vorzimmer des Paradieses. Der Wein ist gut im Markgräfler Land. Das Elsass liegt nahe, und man lebt wie auf einer Schanze in Richtung Frankreich. René Schickele ging es entsprechend, als er im Juni 1932 mit seinen Niederschriften in den Blauen Heften begann. Die Eintragungen enden etwas mehr als ein Jahr später. Bis dahin hatte der französisch-deutsche Romancier und Essayist vier Erstklässler-Hefte vollgeschrieben. In solchen Heften lernt man Schreiben. Für Schickele wurden sie zum Medium für Zeitgenossenschaft. Er durchforstete Zeitungen, sammelte Berichte von Verhaftungen jüdischer Mitbürger und als Unfälle getarnte Hinrichtungen missliebiger linker Mandatsträger. All das fügte er wie ein Patchwork neben seine eigenen Eintragungen ins politisches Tagebuch. Dabei reflektiert er, warum wichtige deutsche Schriftsteller sich nicht zu Wort meldeten und dass selbst jüdische Kollegen sich bei den Nazis anbiedern wollten. Und er notiert minutiös, wie Hitler und seine Schergen Deutschland "säuberten".

"Zum Thee Arthur v. Schneider. Hat gestern in Freiburg eine nationalsozialistische Versammlung besucht. Am wildesten waren die Frauen", schreibt Schickele am 12. Juni 1932. Der Kunsthistoriker v. Schneider wurde wenig später aus der Badischen Kunsthalle in Karlsruhe rausgeschmissen. Zu diesem Zeitpunkt konnte von einer Idylle im Südbadischen schon nicht mehr die Rede sein. Schickele hatte die Blauen Hefte zuerst als Ausgleich neben der anstrengenden Arbeit an seinem Roman Die Witwe Bosca schreiben wollen, wird in diesen Sommertagen aber schnell zu einem hellsichtigen Chronisten einer heraufziehenden Katastrophe.

Eine besondere Rolle spielt Thomas Mann. Mit dessen Bruder Heinrich verband Schickele eine intellektuelle Freundschaft. Thomas dagegen, die Vaterfigur deutscher Schriftsteller und Intellektueller, schätzte Schickeles literarisches Schaffen nicht unbedingt, war allerdings froh, als der Elsässer mit starken Wurzeln im Süden Frankreichs ihm und der Familie im Sommer 1933 in Südfrankreich bei Schickeles Exil nahe Marseille einen ersten Anlaufpunkt besorgte. Es ist eine Zeit, in der opportunistische Schriftsteller bei den Nazis antichambrierten. Thomas Mann war angewidert, verhielt sich als öffentliche Figur aber abwartend.

Im Mai 1933 werden die Manns von den Schickeles im südfranzösischen Sanary-sur-mer zum Tee geladen. Mann und Schickele beraten Telegramme an Golo und Monika Mann, in denen jedes falsche Wort Folgen haben könnte. Hinterher notiert Schickele im Blauen Heft Nummer vier: "Thomas sehr unglücklich. Es geht ihm wie den meisten Deutschen seiner Geistesart. Sie sehen wohl, was vorgeht und auch, was kommen wird, aber im Grund wollen sie es nicht wahrhaben, weil es unfassbar toll ist, hauptsächlich aber, weil sie sich nicht eingestehn wollen, dass sie ihr Vaterland verloren haben."
Dass man Schickele jetzt wieder als wachen Zeitzeugen und politischen Intellektuellen kennenlernen kann, ist einer doppelbändigen textkritischen Ausgabe der Herausgeberin Annemarie Post-Martens zu danken. Sie hat die im Marbacher Literaturarchiv lagernden Aufzeichnungen Schickeles reproduziert. Die Reproduktionen inklusive einer Umschrift und eines kommentierenden Bandes erscheinen im Verlag Stroemfeld / Roter Stern und als Edition des Heidelberger Instituts für Textkritik. Bei der Lektüre ist man immer wieder verwundert, dass sich bisher niemand dieser Hefte angenommen hat. Die Herausgeberin beschreibt im Kommentarteil alles andere als gespreizt-gelehrt die Person René Schickele im persönlichen und literarischen Umfeld.

Sichtbar wird ein hellsichtiger Humanist, dem es nur einmal die Sprache verschlägt. "In Freiburger Universitätskreisen erzählt man sich, Heidegger verkehre nur noch mit Nationalsozialisten. (Kann's nicht glauben, muss bei nächster Gelegenheit nachfragen)", notiert er im ersten der Blauen Hefte. Da hätte er noch schnell von Badenweiler nach Freiburg fahren und sich Klarheit verschaffen können. Das Motiv taucht später allerdings nicht mehr auf und Schickele hat den bis dahin verehrten Heidegger wohl irgendwo in einem entlegenen Fach seines wachen Hirns verstaut, um wenigsten den ihm so wichtigen Philosophen für spätere Zeiten zu retten.

Dieses "Später" gab es für Schickele allerdings nicht mehr. Am 28. Januar 1934 erscheint sein Exilroman Die Witwe Bosca. Da leidet Schickele bereits heftig unter Hitler-Deutschland und reagiert mit psychosomatischen Reaktionen. Am 31. Januar 1940 stirbt er in Vence. In einem Brief an Thomas Mann hatte er geschrieben, er habe sich die Politik geholt wie andere die Syphilis. Hätte der deutsch-französische Grenzgänger sich nicht "infiziert", könnten wir heute nicht die Notate lesen, in denen er den Vorgängen in Deutschland manchmal zumindest eine gewisse Komik abringen konnte. Im August 1933 reagiert er auf das Verbot von "Nacktbaden und ähnl. bolschewistische Sitten". Schickeles Aufmerksamkeit wird vor allem durch die Zeitungsnotiz erregt, mit der Überwachung von "Badeorgien" betraute Beamten müssten auf jeden Fall verheiratet sein. Schickele erinnert sich an ein nackt badendes Paar im Lago Maggiore und den "Sadismus der Lüsternheit" eines italienischen Polizisten, der das Paar zu einem Spießrutenlauf zwang, indem er die Kleider der Nacktbader entwendete. "Der Mann war verheiratet. Arme Frau."

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