Die blaue Kuppel der Erinnerung.
Roman von Lars Saabye Christensen (2009, btb - Übertragung Christel Hildebrandt).
Besprechung von Aldo Keel in Neue Zürcher Zeitung vom 13.01.2010:

People are strange
Lars Saabye Christensens Roman «Die blaue Kuppel der Erinnerung»

Mit dem Roman «Die blaue Kuppel der Erinnerung» begeht der Norweger Lars Saabye Christensen sein 30-Jahr-Berufsjubiläum, worauf auch der Originaltitel «Saabyes Zirkus» anspielt – ein Schriftsteller feiert sich selbst. Das Buch beginnt mit einem Sturz: Als der Ich-Erzähler, ein norwegischer Romancier, in Paris zu einem Vortrag anhebt, fällt er kopfüber vom Podium und in den Abgrund. In einer anderen Zeit, im Jahr 1963, taucht er wieder auf, und zwar in Oslo vor Bruns Musikaliengeschäft, in dessen Auslage der Dreizehnjährige eine elektrische Fender Stratocaster entdeckt. In diesem schicksalshaften Augenblick weiss er: «Diese Gitarre muss ich haben.»

Abseits gutbürgerlicher Wege

Um sich das nötige Kleingeld zu beschaffen, heuert er als Blumenbote bei einem Blumenhändler an, der Blumen ihres üblen Geruchs wegen nicht ausstehen kann. Der Roman spielt in einer Zeit, als in Oslo «Nüchternheit, Sparsamkeit und Genügsamkeit» herrschten, «Tugenden, die schon seit langem lächerlich gemacht werden». Auf seinen Touren durch die Stadt lernt der Gitarrenenthusiast andere Welten als die gutbürgerliche seines Elternhauses kennen, wo man tagtäglich Kartoffeln isst – die Welt der Einsamen, der Träumer und der Sonderlinge. Dies bietet dem Autor die Möglichkeit, auf virtuose Weise Motive, Schauplätze und Typen seines Schaffens nochmals Revue passieren zu lassen.

Pop-Musik und Poesie

Seinen Durchbruch erlebte Lars Saabye Christensen 1984 mit dem Pop-Roman «Beatles» (deutsch: «Yesterday»), der in jenen Jahren 1965 bis 1972 spielt, als fraglos Anerkanntes fragwürdig wurde und die Pop-Musik zur kulturellen Leitwährung avancierte. Siebzehn Jahre später folgte das epische Zeitgemälde «Der Halbbruder», das den Autor binnen Jahresfrist zum Millionär machte. Allein in Norwegen wurden 300 000 Exemplare abgesetzt. Dennoch verkaufte Saabye Christensen von seinem nächsten Buch, einem Gedichtband, gerade noch 641 Exemplare. Mit Gedichten hatte er aber seine Karriere begonnen. Er sei ein Lyriker, der auch Romane schreibt, meinte er einmal. Das mag kokett klingen, darin steckt aber auch ein Wahrheitskern.

Diesem Kern ist der Roman auf der Spur, dessen halbwüchsiger Held von der Rock-Musik in den Bann geschlagen wird. Er entdeckt, dass ein Stück wie «People Are Strange» von The Doors jenen Gefühlen Worte verleiht, die er selbst nicht auszudrücken vermag. Persönliches als kollektive Erfahrung begreiflich machen, das ist aber das Geschäft des Schriftstellers. Auch für Saabye Christensen, der heute noch als Rezitator und Vokalist der Band Norsk Utflukt auf Tournee geht, war die Rock-Musik der Schlüssel zur Poesie.

«Allein Musik hielt einen nicht zum Narren, gab sich nicht als etwas anderes aus, als sie war», schwärmte vor 25 Jahren ein lyrisch gestimmter Jüngling im Roman «Beatles». Der Ich-Erzähler des «Halbbruders» jedoch machte eine andere Erfahrung, die Erfahrung des Epikers, dass «niemand mir glaubte, wenn ich die Wahrheit sagte, während mir alle glaubten, wenn ich log». Für den Blumenboten des Jubiläumsromans wird die Begegnung mit der ehemaligen Trapezkünstlerin Aurora Stern entscheidend. Sie bringt ihn dazu, den Sprung zu wagen und sich ganz der Magie des Erzählens hinzugeben. Und so kommt es, dass Aurora und die famose Fender-Stratocaster-Gitarre im Bewusstsein des werdenden Schriftstellers allmählich den Platz tauschen. Offensichtlich ist aber die Gabe des Erzählens nicht gratis zu haben. Aurora ist eine Gezeichnete. Als Fängerin am Trapez verlor sie einst ihren Partner, der in den Tod stürzte. Zwischen den Zirkuswagen parkierte der Leichenwagen.

Lakonisch-witziges Selbstporträt

Lars Saabye Christensen ist zu seinem Berufsjubiläum ein mit lakonischem Humor vorgetragenes Porträt seiner Verfasserschaft gelungen. Es ist das mit vielerlei Abschweifungen und essayistischen Kunststücken gewürzte Bildnis eines Heranwachsenden, aber auch die Geschichte einer literarischen Initiation.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home I 0110 LYRIKwelt © NZZ