Die Bilderspur von Anna Kim, 2005, Droschl1.) - 2.)

Die Bilderspur.
Roman von Anna Kim (2004, Droschl).
Besprechung von Martin Amanshauser aus Der Standard, Wien vom 26.11.2004:

Den Finger auf die Wunde legen
Anna Kims Erzählung über einen unmöglichen Abschied

Anna Kim hat in ihrem Erstling ein großes Thema gewählt, die Darstellung einer monomanischen Vaterbeziehung, und sie beginnt ihr Kammerstück mit der selbstbewussten Beschwörung der Wunderwelt einer Kindheit. Das haben viele gemacht, aber diese Autorin besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit: den Finger auch dann auf der Wunde behalten, wenn es schmerzt.

Suchen-Finden-Verlieren, die drei Abschnitte von Die Bilderspur, markieren den Ablauf einer Bewusstmachung, These-Traum-Synthese. Anna Kim, eine scharfe Beobachterin mit Sinn für Rhythmus, hat ein fulminantes Sprachgebilde zustande gebracht, das mit seinen schwer auflösbaren Chiffren Aufmerksamkeit einfordert. Ein kleiner Abschied vom Vater, am Flughafen, wird mit einem Netz von Mikrobeobachtungen eingefangen, "man sieht sich, es ist nicht lange, (. . .) die Lider gesenkt schützen vor forschenden Blicken, Buchstaben in die Länge gedehnt, selbst das Drücken der Hand gewissenhaft ausgeführt." Und später der große Abschied, die Unfähigkeit zum Gespräch mit dem sterbenden Vater: "Öffnet er kurz seine Augen, erkenne ich ihn nicht. Eine eigenartige Stille umgibt ihn, zwingt mich, seine Stille mit meiner zu übertreffen."

Im zweiten Teil wird der unvollzogene, nie vollziehbare Abschied in einer stark übersteuerten Wiedersehensszene mehrmals durchgespielt, als Übung, die letztlich nicht gelingen wird, und gipfelt in der Erkenntnis des Vaters, des Regisseurs der Szene, "das Üben habe nicht geholfen, Abschied sei keine Handlung, sei ein Gefühl". Folgerichtig kommt er zum Schluss, die Tochter sei gar nicht seine Tochter. Hier beeindruckt die Passivität, die nichts Sentimentales oder Wehleidiges an sich hat.

Im dritten Teil findet sich Keyser ein, vielleicht Hoffnungsfigur und potenzieller Retter, aber Vorsicht, er ist einer jener Männer mit Fernglas, deren Sternenwissen Eindruck schindet. Sein Antrieb besteht darin, die "Nacht" zu "erklären", die er nicht als physikalisches, sondern als mythologisches Gewurl sieht. Deutlicher als zuvor herrscht keine stringente Interaktion zwischen den Handelnden. Die Protagonistin ist von ihrem Abschied durchdrungen, und so wundert es nicht, dass die Krankenhausästhetik, stets Hintergrundmusik bei Anna Kim, überhand nimmt. Im letzten Abschnitt geht die Nichtidentifikation so weit, dass die Grenze zwischen erster und dritter Person verschwimmt, Keyser ist quasi der Gelackmeierte, "buchstabiert ihr Gesicht, glaubt, geblendet durch das Frühlingslicht, mich zu erkennen (. . .)." Anna Kim nähert sich mit einer angemessen hohen Portion an Skepsis der Sprache und der Realität, und sie macht sich beides zu Eigen. Wer sich weit einlassen möchte auf ein virtuoses Abenteuer am Rand sprachlicher und psychischer Abgründe, der liegt bei ihr richtig.

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Die Bilderspur von Anna Kim, 2005, Droschl2.)

Die Bilderspur.
Roman von Anna Kim (2004, Droschl).
Besprechung von Eleonore Frey in Neue Züricher Zeitung vom 16.04.2005:

Fremde Sprache
Anna Kims Erzähldébut «Die Bilderspur»

«a-u-ap», sagt der kleine Jakob. Ich halte das für Koreanisch. Er wird böse, weil ich nicht verstehe. «Das ist nicht Koreanisch», sagt seine Mut-ter, die Koreanerin. «Er meint die Mücke, auf Deutsch. Wenn sie eine Mücke sieht, sagt seine Grossmutter ‹Hau ab›!» So mag es zugegangen sein, als das frisch aus Korea angereiste Mädchen in Anna Kims erster Erzählung «Die Bilderspur» zur Erkenntnis kam: «Ihre Hände heissen Greifzu.» Ein ihm undurchsichtiges Wort setzt sich auf der Suche nach einer Bedeutung in ein ungewohntes Licht. Die Namen, die das Kind in seinem Bedürfnis nach Schlichtung des es umgebenden akustischen Chaos austeilt, erschaffen mit vertrautem Sprachmaterial Dinge, die es bisher so nicht gab. So übersetzt das in einen andern Sprachbereich versetzte Kind nicht aus einer Sprache in die andere, sondern es gibt den Lauten, Rhythmen, die es rundum bedrängen, Sinn.

Der Text, den man je nach Perspektive einmal als ein Sprach- und einmal als ein Bilderbuch verstehen kann, ist in die drei Teile «Suchen. Finden. Verlieren» gegliedert. Es lassen sich gewisse Handlungselemente ausmachen: Ankunft und Abschied. Krankheit, Sterben, Leben. Im Erzählen wird eine Welt erschaffen, die in ihrer Entstehung fortlaufend ins Schwimmen bringt, was eben noch, gesichert in einem konventionellen Sprachgebrauch, feststand. In einem «Singspiel in mehreren Akten» faltet sich der dritte Akt aus zum «Liebesakt» in diesem und in jenem Sinn. Je nachdem, wie «das Mädchen» des Anfangs zu den Bildern steht, die der Text fortlaufend generiert, erscheint es als das redende Ich, oder es rückt mehr oder weniger in die Ferne und heisst dann die «Tochter» oder «K wie Kind».

Die Bilder sind nicht nur Elemente eines das Gemeinte um- oder überspielenden sprachlichen Verfahrens, sondern auch Thema. Der Vater der «Tochter» ist Maler. In seinen Bildern fliessen Heimat und Fremde in eins. Wenn das Kind mit dem Vater Farben buchstabieren und damit Bilder lesen lernt, ist es zu Hause. Farben sind ihm Synonyme für eine Welt, die es jenseits ihrer Verbindlichkeit - auf der «Insel der Farbenblinden» zum Beispiel - nicht zusammenbringt, ob es nun seine «sieben Sachen» auf «drei Häufchen» zusammenlegt oder nicht. «Bilder verliere ich im Licht, wie jedes andere Gefühl.» Nur die Spur der Bilder lässt sich ins Wort hinüberretten. Wenn sie dann im Lesen wieder lebendig werden, geht das auf Kosten der Orientierung. Nur wer sich verhört - «Tontraube» zum Beispiel -, hört, was der doppelzüngige Text sagt.

Anna Kims Text ist durchaus nicht das Naturprodukt eines Sprechens, das unentschieden zwischen zwei Kulturen hängt. Die Skala seiner Möglichkeiten reicht von einer scheinbar unbeholfenen Bemühung, sich verständlich zu machen, bis zu einem konzis verfügenden, klassischen Deutsch. Die Autorin hat in Wien Philosophie studiert. Ihrem Werk ist nicht nur ein Wittgenstein-Zitat vorangestellt, sondern es ist, oft explizit, derart von Sprachreflexion durchsetzt, dass es sich - vorausgesetzt, man ist bereit, sich auf nächtliche Pfade zu begeben - auch als Sprachtheorie lesen lässt. Dabei kann es vorkommen, dass das Programm die Hand der Schreibenden forciert. Es wäre schön, wenn sich in einem nächsten Text die erzählende inniger mit der reflektierenden Ebene verbinden könnte. Eine «befahrenfreie Strasse» ist im jeweiligen Kontext ebenso wenig ein glücklicher Fund wie ein «geblindeter Mann».

Die eigentliche Leistung der in gewisser Hinsicht autobiografischen Erzählung liegt wohl darin, dass die spezifische Fremdheit zugleich in einem wunderbar farbenprächtigen Bilderfluss dargestellt und überwunden wird in Richtung auf eine allgemeine Fremdheit hin: diejenige, die all denen gemeinsam ist, die sprechend wissen, dass sie sprechen; denen ein Gesagtes nie ein Endgültiges, sondern immer wieder nur ein neuer Entwurf eines erst noch zu Sagenden ist.

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