Die Besucherin.
Novelle von Maeve Brennan (2003, Steidl Verlag - Übertragung Hans-Christian Oeser).
Besprechung von I.R. aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.02.2004:

Hinter dicken Gartenmauern
Maeve Brennan: „Die Besucherin"

Das Gesicht einer fragil wirkenden jungen Frau auf dem Umschlagfoto weist den Weg zu einer ebenso fragilen Seelenstudie, die ein Familiendrama im Irland der vierziger Jahre umfasst. Autorin ist Maeve Brennan, Kolumnistin des New Yorker in genau jener Zeit, aus der ihr Titelporträt stammt. Sie war Tochter des irischen Botschafters in den USA, Verfasserin vieler Essays und populärer Stadtskizzen.

Die Schatten ihres rastlosen Lebens, das von psychischen Zusammenbrüchen geprägt war, fallen auf Essays und Storys, die zum Teil posthum erschienen. Maeve Brennan starb verarmt und vergessen 1993 in New York. Ihr irrlichterndes Talent nutzte sie in den fruchtbaren schriftstellerischen Phasen zur Ergründung feinster Nuancen menschlicher Beziehungen. Unbestechlich lotet sie Verhältnisse aus, vom ersten Satz an ist erkennbar, dass Happy Ends nicht vorkommen.

„Die Besucherin“ heißt Anastasia King, nach dem Tod der Mutter aus Paris ins heimatliche Dublin zurückgekehrt. Im düsteren Haus der Großmutter herrscht Kälte; eine alte Frau will sich an der Enkelin für die vermeintliche Schmach der ungeliebten Schwiegertochter rächen. Ohne Gemütsregung macht sie Anastasia klar, dass sie nicht willkommen ist und sich auf eigene Füße stellen soll. Maeve Brennan beschreibt den Prozess permanenter Entfremdung in einer Atmosphäre unglaublicher Bigotterie. Wie sich einsame, verwelkte Frauen hinter den abweisenden Gartenmauern abschotten, wie sich nichts bewegt in diesen stillen Nachbarschaften.

Doch keiner ist hier unschuldig am Unglück, auch Anastasia nicht. In einer Mischung aus Aufsässigkeit und Lust an der Destruktion leitet sie ein bizarres Finale ein. Es nimmt die Tragik der Vita Maeve Brennans beängstigend prophetisch vorweg.

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