Die besten Absichten von Ingmar Bergman, 1992, KiWiDie besten Absichten.
Autobiografische Prosa von Ingmar Bergman (
1992, Kiepenheuer&Witsch - Übertragung Heiner Gimmler).
Besprechung von
Eckhard Weise in Kindlers Neues Literatur Lexikon, Band 21, Supplement A-K, München 1998:

DEN GODA VILJAN
Laterna Magica von Ingmar Bergman, 2003/2011, Alexander-Verlag(schwed.; Ü: „Die besten Absichten“). Erster Band der in drei Teilen veröffentlichten autobiographisch-fiktionalen Erzählprosa von Ingmar Bergman, erschienen 1992. Es folgten 1993 „Söndagsbarn“ (Ü: „Sonntagskinder“) und 1996 „Enskilda samtal“ (Ü: „Einzelgespräche“). - In seinem Erinnerungsbuch „Laterna magica“ konzentrierte sich Bergman auf die Beziehungen von Verfehlung und Vergeltung - vorrangig in der Ausprägung, wie er sie im Alltag der Pastorenfamilie seiner Eltern erlebt hatte. Er beschrieb ein Erziehungssystem, das diese in allen Zügen zu repräsentieren schienen. Als Zentrum jenes Systems machte Bergman ein Regelwerk an Strafmaßnahmen aus, die von Ohrfeigen reichten bis hin zu »durch Generationen verfeinerten« Torturen. Körperliche Bestrafungen hatte er häufig beschrieben, zuletzt in „Laterna magica“ im Zusammenhang mit der Porträtierung seines Vaters als eines Despoten. Doch während der Arbeit an den Memoiren muß Bergman gespürt haben, wie wenig er in seinen vielen Elterndarstellungen der Mutter und insbesondere dem Vater gerecht geworden war. So begann der Autobiograph das Züchtigungsprogramm der Eltern zu verstehen als Akt der Verzweiflung, resultierend aus öffentlicher Erwartung, die auf einem Pastorenhaus lastete.

Jahre nach Beendigung seiner Kinokarriere wird sich Bergman für die latenten Abwandlungen des Strafgerichts als »ein katastrophales Erbe« interessieren, das somit auch die Eltern einst zu Opfern habe werden lassen. Er begibt sich auf die Suche nach den Urgründen dafür, daß seine Eltern so geworden waren, wie sie ihm erscheinen mußten: zur Liebe zwar willig, aber womöglich nicht fähig. Bergman erforscht die eigene »Vorgeschichte« in einer Familientrilogie; im Zeitraum von sechs Jahren entstehen die Erzählungen und Filmszenarien „Den goda viljan,„Söndagsbarn“ und „Enskilda samtal“.

In „Söndagsbarn“  und „Enskilda samtal“ meint der Leser einem souveränen Epiker zu begegnen: Erzählerbericht und szenische Darstellung verbinden sich nahtlos zu einer poetisch-dichten Sprache. Im ersten Teil der Trilogie allerdings ist der Dramatiker zu erkennen, der seine Herkunft von Theater und Film sowie vom Bild gar nicht verleugnen möchte, zumal der Text seine Entstehung der Detailversessenheit eines Regisseurs im Ruhestand verdankt, der die Geschichte der Eltern unbedingt verfilmt sehen möchte. Aus diesem Grunde folgt der Aufbau von „Den goda viljan“ dem Schema eines Drehbuchs - wenngleich der Autor diese Struktur durch Betonung beschreibender Elemente verfeinert, besonders überzeugend durch Rollenausstattung des Erzählers, der zurückblickt, vorausdeutet, kommentiert. Dieser Erzähler wiederum findet seinen Anlaß zum Berichten im konkret Bildhaften, nämlich in der Betrachtung von Familienfotos unter dem Vergrößerungsglas. Bergman dringt ein in die magische Welt zahlloser Momentaufnahmen, er studiert Gesten, Mimik, Positionen und immer wieder die Gesichter der Eltern, und er beginnt die Geschichte von Vater und Mutter aufzuzeichnen - von deren erster Begegnung bis zur Geburt des zweiten Sohnes. Inhalt und Dramaturgie dieses Berichts über »Lebensentscheidungen« und »Lebenskatastrophen« werden in hohem Maße durch das bestimmt, was die Familienalben dem Betrachter zu erzählen vorgeben und was dessen Phantasie ausgestaltet - wohlwissend, daß der »Tonfall . . . wichtiger sein kann als die Worte«. Nach seinem Theologenexamen hatte der mittellose Henrik Bergman die gutbehütete Anna Åkerblom geheiratet - gegen den Willen ihrer wohlhabenden Eltern. Der Autor schildert einfühlsam die Stationen dieser Partnerschaft, den Frühling ihrer Liebe, die erste Probe ihrer Bewährung, den Beginn des Ehealltags in der Einöde Nordschwedens, der einhergeht mit Gemeindearbeit unter klimatischen wie sozialen Härten. Belastender noch als die berufsbedingten Mühsale erweisen sich die Spannungen, die aus den Unterschieden der Charaktere erwachsen. Anna mit ihrem lebensfrohen Naturell und der von Versagensängsten geplagte Henrik finden immer seltener zu einer gemeinsamen Sprache. Die Konfrontation der Mentalitäten mündet in einen Streit, der die Fesseln der Ehe zu sprengen droht: Anna verläßt den verunsicherten Ehemann, wohl ahnend, daß sie nicht leben kann mit ihm, aber auch nicht ohne ihn.

Bergmans Stärke als Erzähler liegt in der geduldigen Neugier, mit der er noch so feinnervigen Regungen in der Entwicklung seiner Helden nachgeht. Anders als in etlichen seiner Filme läßt er seine Protagonisten in einem realistischen Umfeld agieren, bestehend aus einer Vielzahl von Menschen in sozialen Funktionen. Andererseits wirken manche dieser Nebenfiguren wie bloße Träger einzelner Eigenschaften des ungleichen Paares; in dieser Rolle erscheinen einige seiner Mitmenschen holzschnittartig angelegt – als Blutsverwandte nahezu wie der Fluch des Erbes von antiken Ausmaßen wirkend. Vielleicht ist diese Funktionalisierung der Personenkonstellation der Preis, den der Autor zahlen mußte, um möglichst anschaulich von den Eheszenen zweier Persönlichkeiten berichten zu können, die zwar stets beanspruchten, für sich allein verantwortlich zu sein, jedoch nie die Kraft aufbrachten, sich zu befreien aus einem System, das auf Verinnerlichung moralischer Kategorien setzt und folglich auch diejenige Sanktionsform einschließt, die zu den subtilsten wie grausamsten zählt: die lebenslange Selbstbestrafung.

Sonntagskinder von Ingmar Bergman, 1996, KiWiAnna wird ihr zweites Kind, Ingmar, zur Welt bringen und mit Henrik zusammenleben, bis der Tod sie scheidet. In „Söndagsbarn“  tritt Bergman als Erzähler ein in die Landschaft seiner Kindheit, als er, Pu genannt, kurz nach seinem achten Geburtstag erstmals die Ferien im eigenen Sommerhaus der Bergmans in Dalarna verlebt. Wie mit den Augen dieses Jungen gesehen, stellt er uns die Mitglieder der Familie samt Hausangestellte vor. Unschwer lassen sich einzelne dieser Porträts erkennen als unerschöpfliche Quelle des späteren Filmregisseurs. Die enge Verbindung von Buch- und Filmwelt zeigt sich also erneut - wenngleich in anderer Gestalt als in „Den goda viljan“: in gemeinsamen Arbeitsmaterialien, im Motiv- und Figurengeflecht, aber auch auf der Ebene der Erzähltechniken. Der auktoriale Erzähler überblickt Zeiten und Räume zwischen 1926 und 1990, in der ersten (erwachsenen) und dritten (kindlichen) Person erzählend. Zumeist dient ihm sein Alter ego, der schwächlich erscheinende kleine Pu, als ein hochsensibler »Aufnahmeapparat«, der genauer und anders als seine Mitmenschen sieht, hört, riecht und fühlt, der aber auch lügt, phantasiert und noch rekonstruiert, wenn Sprechen oder Streiten nicht mehr akustisch, wohl aber atmosphärisch wahrzunehmen gelingt. Der Erzähler nutzt diese Fähigkeit zu feiner selektiver Wahrnehmung, um die »Ablichtungen« zu atemberaubender Erinnerungsprosa zu verdichten. Vergleichbar seinen besten Kinoarbeiten glückt es Bergman, Impressionen zwischen und unterhalb von Impressionen aufzuspüren. Der Erzähler schildert Konventionen und Konversationen, wie sie in vielen Familien gepflegt werden, doch er und seine Kindheits-Persona erkennen und erleiden die Risse im Gemeinschaftsgefüge, die Umschwünge im scheinbaren Gleichmaß der Familienidylle - so den fundamentalen Bruch in der Beziehung seiner Zweisamkeit heuchelnden Eltern. Aus diesem eingeschränkten Blickwinkel gewinnt das vor dem Auge des Lesers entstehende Bild der Sozialisationsinstanz Familie an Tiefenschärfe – als ein dicht gesponnenes Netzmuster mit womöglich nie wahrgenommenen Positionsfeldern.

Einzelgespräche von Ingmar Bergman, 1996, HanserIm Zentrum des letzten Teils, „Enskilda samtal“ (Einzelgespräche), steht die Mutter. »Wenn ich etwas beschließe, dann wird es so, wie ich es will«, teilt die 17jährige Anna ihrem Pfarrer mit, der wissen will, warum seine Konfirmandin nicht am Abendmahl teilzunehmen gedenkt. Sie werde sich bald der Bevormundung ihrer Mutter entziehen, um als Missionsschwester tätig zu sein. Gegen deren Willen wird sie später den Vikar Bergman heiraten; und sie wird noch einmal versuchen, so zu leben, wie es ihrem Empfinden entspricht, als sie auszubrechen plant aus der lieblosen Ehe, um mit dem Mann zu leben, den sie zu lieben glaubt: den Theologiestudenten Tomas. Eine Nacht voller Leidenschaft wird sie mit Tomas verbringen, an seiner Seite leben wird sie nicht, so wenig wie sie es schafft, Henrik zu verlassen. Den Schwesternberuf erlernt sie zwar, der Traum von der Mission wird sich nicht erfüllen. Und auch die Konfirmandin hatte beschlossen, am Abendmahl teilzuhaben, weil die zornige Mutter damit drohte, die geplante Auslandsreise zu  streichen.

Es ist diese diffizile Dialektik aus freiem Willen und Gewissensarbeit, die Bergman am Schicksal Annas intensiver noch als vordem untersucht. Mit geschärftem erzählerischen Instrumentarium verfolgt er die Emanzipationsbestrebungen seiner Heldin; in der Beschreibung ihrer Sehnsüchte ließ er sich leiten von den Tagebuchbekenntnissen seiner Mutter. Bergman zeichnet dieses Porträt im wesentlichen in Gestalt von fiktiven Einzelgesprächen, die er Anna führen läßt: mit ihrem Pastor, ihrer Mutter, ihrem Mann, ihrer Freundin, ihrem Geliebten. Im Verlauf dieser Einzelgespräche - so bezeichnete Luther den Ersatz für die Beichte - wird dem Leser verständlich, daß diese Form des Geständnisses keineswegs vom Empfinden der Sündhaftigkeit befreit, vielmehr ein komplexes System der Kasteiung erst initiiert. Nicht vor strengen Gesetzen der Gesellschaft versagt Annas Lebensentwurf, sondern vor den eher latenten Zwängen, die sich die Absolution erhoffende Frau zu eigen gemacht hatte. So wird Annas Gratwanderung zwischen Wollen und Sollen scheitern aufgrund der Einflußnahme der drei Theologen in ihrer Welt, an deren Haltung, nur der Wahrheit dienen zu wollen: der Ehemann, der Geliebte sowie der »Beichtvater« Jakob, der den Bekenntnismechanismus auslöst. Mit ihrer Lebenslüge hätte Anna vermutlich leben können, doch bald schon beginnt das Gift der Wahrheit zu wirken - gnadenlos. Hinter Bergmans nuancenreichem Frauenporträt zeichnet sich das Bildnis des Vaters ab, der Opfer wird einer Intrige seiner Frau; denn Anna erscheint bereit, den ungeliebten Ehemann zu vernichten, um ihr Leben leben zu können. Henrik wird zum Opfer eines rigiden Systems und einer Frau, deren Enttäuschtheit kriminelle Energien freisetzt. »Was habe ich falsch gemacht?«, wird der alte Mann seinen Sohn - in „Söndagsbarn“ - eindringlich fragen. »Wie soll ich das wissen?«, wird dieser entgegnen. Der Erzähler von „Den goda viljan“ betrachtet ein vergilbtes Foto, das seinen Vater abbildet, und er will wissen, warum er in das Bild hineingehen möchte - vielleicht, um dem »jungen Mann eine späte Rechtfertigung angedeihen zu lassen?« „Enskilda samtal“ sucht überzeugende Antworten auf diese Fragen - noch in seinem achten Lebensjahrzehnt gibt Bergman nicht auf in seinem Bemühen, Vater und Mutter zu begegnen.

AUSGABEN: „Den goda viljan“: Stockholm 1992. – „Söndagsbarn“: Stockholm 1993. – „Enskilda samtal“: Stockholm 1996.
ÜBERSETZUNGEN: Die besten Absichten, H. Gimmler, Köln 1993. – Dass., dies., Köln 1996 (KiWi). – Sonntagskinder, V. Reichel, Köln 1996. – Einzelgespräche, dies., Mchn./Wien 1996.
VERFILMUNG: Den goda viljan, Schweden/Deutschland 1991/92 (Regie: B. August; Buch: I. Bergman; TV). – Söndagsbarn, Schweden 1992 (Regie: D. Bergman; Buch: I. Bergman). – ks>Enskilda samtal, Schweden 1995 (Regie: L. Ullmann; Buch: I. Bergman).
LITERATUR: Den goda viljan: B. Linton-Malmfors (Hg.), Den dubbla verkligheten. Karin och Erik Berman i dagböcker och brev 1907–1936, Stockholm 1992. – K. Witte, Abschied von der Angst (in Die Zeit, 30. 10. 1992). – R. Wright, The Imagined Past in I. B.'s »The Best Intentions« (in R. W. Oliver, I. B. An Artist's Journey, NY 1995, S. 116–125). – Söndagsbarn: C. James, I. B. Adds the Mosaic of Autobiography (in New York Times, 22. 4. 1994). – E. Schmitter, Kleines Lachen in die gespannte Stille (in SZ, 23./24. 3. 1996). – Enskilda samtal: H. Kurzke, Fürsorgliche Verlogenheit (in FAZ, 3. 4. 1997). – M. Reichart, Leise lügen (in SZ, 30. 6. 1997).

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