Die besseren Zeiten von Christian Haller, 2006, LuchterhandDie besseren Zeiten.
Roman von Christian Haller (2006, Luchterhand).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Zürcher Zeitung vom 10.10.2006:

Dialektik des Erinnerns
Christian Hallers Roman «Die besseren Zeiten»

An eine Szene von alttestamentarischer Dramatik erinnert sich der Erzähler: «So, spring endlich!» Vaters Stimme, die den Bruder des Erzählers zum Sprung aus der Schwebebahn auffordert, ist ungeduldig und fordernd. Der Bruder hängt an einer Sicherheitsvorrichtung. Nach dem Sprung würde er rechtzeitig den Bremshebel zu ziehen haben. Es wurde der erste und letzte Sprung mit Vaters Erfindung, einem Rettungsgerät von grotesker Untauglichkeit. Den Bruder lässt es nicht zerschellen, aber den Vater, Unternehmer und Verkäufer von Baumaschinen, rettet der Todesmut des Erstgeborenen nicht vor dem wirtschaftlichen Niedergang.

Der Bruder sagte Ja zu diesem Opfer. Er war bereit, seinen Weg als Grafiker aufzugeben, der ihn aus den Fängen dieser Familie hätte befreien sollen; bereit, mit dem Vater eine neue Firma zu gründen; bereit, seinem letzten Aufgebot zu folgen. Er war bereit zum Sprung, so wie auch der Vater immer bereit gewesen war, zu «springen» und den Befehlen des Grossvaters Hans H. zu gehorchen, wenn dieser die Familie zwang, ihr Leben aufzugeben im Interesse des Stahl-Imperiums.

Verlorener Widerstand

Abschied im Spannungsfeld von Kontinuität und Bruch, Anpassung und Widerstand ist das grosse Thema des Romans «Die besseren Zeiten», des letzten Teils von Christian Hallers Familien-Trilogie. Die Mutter versinkt immer mehr in der Erinnerung an ihre Jugend im eleganten Bukarest der dreissiger Jahre. Manchmal erwacht sie jäh in der neuen Dorfwelt. Ihre Fremdheit wird dann zu einer Form einsamen Widerstandes, der sie auch ihrem Mann immer mehr entfremdet. Auch der Grossvater ist verschwunden.

Dieser Tycoon mit der zwielichtigen Vergangenheit in der Fremdenlegion, der ruppige Autokrat von altem Schrot und Korn, dominiert nicht mehr Familie und Buch, wie noch im zweiten Teil der Trilogie. Im Zentrum stehen jetzt der introvertierte Vater W. und sein jüngerer Sohn, der Erzähler selber.

«Bessere Zeiten» sind nicht gute Zeiten. Allenfalls für einen skrupellosen Emporkömmling wie Hackler, den Kompagnon und Widersacher, der W. benutzt, demütigt und verdrängt. Wir sind in der Zeit des «Wirtschaftswunders» der fünfziger Jahre, die Haller in ihren Widersprüchen zügig, aber vielleicht etwas summarisch einbringt: Atombombe, Bikini, Kalter Krieg, Elvis. Was neu ist, braucht da keine Rechtfertigung. Was nicht mehr passt, verschwindet: Landschaften, Menschen, Werte. Zuletzt das Verschwinden selber, die Wahrnehmung der Veränderungen. Dass ein Wort nicht mehr ein Wort ist, bringt einen Geschäftsmann wie W. zu Fall. Für den Erzähler seinerseits ist es die Erfahrung, dass das Verlorene mit Worten nicht zurückzugewinnen ist. Auch er hat versucht, abzuspringen von der Welt, in die er nicht passt: zuerst in die Archäologie, dann ins Theaterfach. Zuletzt ins Schreiben. Aber gerade das bietet ihm am allerwenigsten Exil. Denn schreiben heisst: sich erinnern. Und erinnern heisst Widersprüchliches: zurückkehren und aufgeben.

Grossvater war durch einen polternden Treppensturz gestorben. W. stirbt nicht weniger einsam, aber lautloser: Er legt den Kopf zur Seite. Kein Flimmern, kein Zittern mehr jetzt in seinen Augen; die Stigmen der Angst sind erloschen. «Er war jetzt angekommen.» Angekommen im Tod oder in einem Leben, das er zu Lebzeiten nur in kurzen «Augenblicken» kannte: Wenn er, der in jungen Jahren fast das Augenlicht verloren hätte, sich seinen «Licht»bildern zuwenden konnte, dem Fotografieren, dem blossen Schauen. Unaufwendig und subtil versteht es Christian Haller, das prekäre, von Schuld und Zuneigung geprägte Verhältnis zu diesem Vater sichtbar zu machen. Mit Freund Armin geht der Erzähler einmal seinen archäologischen Funden nach. Auf einem Feldweg entdeckt er den Vater, wie er mit dem Fernglas Vögel beobachtet. Er schämt sich, hat das Gefühl, er müsste ihn beschützen und dabei seinen eigenen Schutz verlieren: «Als hätten wir Vater bei etwas Verbotenem ertappt, einer Schwäche, der er mitten am Nachmittag nachgab, indem er in die Bäume spähte, während Armins Vater arbeiten musste.»

Ein Abschied

Ergreifend präzis auch eine der letzten Szenen. In ihr findet Hallers Obsession für Genauigkeit ihre Begründung. Der Sohn besucht den Vater im Engadin, spaziert mit ihm zur Halbinsel Chasté im Silsersee. Es ist der letzte gemeinsame Spaziergang, und der Erzähler weiss, dass auch sein Erzählen zu Ende geht. Die Szene ist das Gegenstück zur Opferszene des Bruders, eine Versöhnung. In ihr werden die Augen des Vaters zu den Augen des Sohnes, des Erzählers. Die Wahrnehmung des Vaters, im doppelten Sinn, vereinigt nochmals alle Helligkeit und Dunkelheit seines Lebens: «Aus den Felsen drang der Stamm einer Föhre, ragte als ein Strang rötlicher Kraft über das Wasser, breitete die Äste aus, an denen in Büscheln die Nadeln sassen, filigrane Strahlen von Grün, aufgehellt von einem Strich Schnee über dunklem Wasser. Vater blieb stehen, schaute lang, schweigend, und ich spürte ein Würgen im Hals. Ich verstand das erste Mal wirklich, dass er nicht mehr lange da sein würde, dass in diesem Blick auch ein Abschiednehmen lag.» In diesem Blick und in diesen Sätzen.

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