Die bekannte Welt von Edward P. Jones, 2005, HoCa

Die bekannte Welt.
Roman von Edward P. Jones (2005, Hoffmann & Campe - Übertragung Hans-Christian Oeser).
Besprechung von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 18.8.2005:

Ein Schwarzer kauft sich eigene Sklaven
Edward P. Jones‘ Roman „Die bekannte Welt“ über eine unbekannte Seite der US-Geschichte

Henry Townsend will ein guter Mensch sein, obwohl er Sklavenhalter ist. Aber ein „besserer Master als alle Weißen“, ein schwarzer Sklavenhalter. Er lässt seine Schwarzen weniger auspeitschen, reduziert ihre Ernährung nur, wenn er klamm ist, und als der Sklave Elias flüchten will, aber gefasst wird, lässt er ihm zur Strafe nur ein Drittel von dessen Ohr mit dem Rasiermesser absäbeln; ein weißer Master hätte ihm das ganze Ohr genommen. Sklavenflucht gilt als Diebstahl, schließlich hat der Master den Sklaven gekauft, er ist - Mitte des 19. Jahrhunderts - sein Eigentum.

Aus der Tiefenpsychologie wissen wir, dass alles zu seiner Zeit aus dem kollektiven Unterbewussten hervordrängt. Die Deutschen haben das jetzt, im sechzigsten Jahr nach Kriegsende, mit den vertriebenen Landsleuten erlebt, deren Erinnerungen auf einmal gefragt sind. Die Amerikaner erleben das mit den Afroamerikanern, die als Sklavenhalter Afroamerikaner hielten. Ein historisches Faktum, dem bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Edward Jones (54) hat über dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte einen monumentalen Roman geschrieben. Zehn Jahre hat er gebraucht, jüngst erhielt er dafür den renommierten Pulitzer-Preis.

Die Recherchen über die historischen Ereignisse waren so gründlich, dass es Jones mühelos gelingt, den Leser in die Welt des 19. Jahrhunderts hineinzuziehen. Es geht um den langen Weg aus der Sklaverei in die Freiheit. Der Autor ist aber, und deshalb wurde er ausgezeichnet, sein Thema sehr eigenständig angegangen. Er überwölbt die historische Erzählung mit einer packenden Imagination, schreibt in ständig wechselnden Perspektiven und kunstvoll verschränkten Erzählsträngen, die auch die US-Gegenwart betreffen. Zudem begnügte sich Jones keineswegs mit dem, was bekannt war, sondern verschanzte sich regelrecht in den Archiven und fühlte sich als Afroamerikaner so intensiv in die Welt seiner Brüder und Schwestern ein, dass sein Erzählen Farbigkeit und Spannung bis zur letzten Seite hat.

Sein Protagonist Henry bewirtschaftet „mehr als fünfzig Morgen Land“ in Manchester County/Virginia mit 33 Sklaven. Er war selbst als Sklave geboren, wurde freigekauft, war geschäftstüchtig als Schuster und konnte seinem einstigen Besitzer Land abkaufen - und Moses, seinen ersten Sklaven für 325 Dollar. Moses wird später, nach dem Tod des Masters, mit dessen Frau anbandeln. Und dabei feststellen müssen, dass er zwar Sex mit der Witwe haben kann, aber nie selbst Master werden wird. Das ist nur eine der vielen verrückten und lebendig geschilderten Geschichten.

Das Buch ist reich an Episoden. Jones beschreibt die kleinbürgerliche Welt der Schwarzen, die frei geworden sind, die Verstrickung von Sklavenhändlern und Sklaven in Liebschaften und sexuellen Affären, das Dasein im Dunkel der Leibeigenschaft, gekennzeichnet von exakt den Bedürfnissen freier Menschen. Tiefe Einblicke gibt es in die scheinbar festzementierte Gesellschaft der Sklavenhalter, die seinerzeit zu erodieren begann.

Skrupelloser Sohn

Tragisch die Freiheitskämpfer unter den Sklaven, die es teilweise schafften und dann doch wieder in Ketten gelegt wurden. Ergreifend die Szene, in der Henry und sein Vater Augustus aneinander geraten. Der skrupellose Sohn erzählt ihm von seinem Sklavenkauf, woraufhin der Vater die Schulter des Sohnes mit einem Stockschlag bricht. „So fühlt sich ein Sklave!“ brüllt er außer sich. Henry entreißt ihm den Stock und bricht ihn übers Knie. „So fühlt sich ein Herr“, sagt er.

Edward Jones ist Sohn einer Analphabetin und schrieb fast 20 Jahre lang „Tax Notes“, Zusammenfassungen von Artikeln über das Steuerrecht. Er war arbeits- und zeitweise obdachlos. Ein Einzelgänger, befasst mit dem Überlebenskampf. Über einen Kurs in Creative Writing kam er zum Schreiben. Sein Roman bringt eine versunkene Welt zurück. Wer die Geschichte Amerikas verstehen will, sollte ihn unbedingt lesen.

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