Die befreite Braut von Abraham B. Jehoschuas, 2003, PiperDie befreite Braut.
Roman von Abraham B. Jehoschua (2003, Piper - Übertragung Ruth Achlama).
Besprechung von Sulamith Sparre aus Rheinischer Merkur, 11.12.2003:

Abraham B. Jehoschuas neuer Roman „Die befreite Braut“
Was der Frieden kostet

"Die Unwissenheit ist nicht nur die Grundlage der arabischen Dichtung, sie ist auch die Grundlage des Universums.“ Ein Satz wie ein Motto über A. B. Jehoschuas neuem Buch über die Erschütterungen und Risse in der gepflegten Fassade einer Familie. In dem Roman „Die befreite Braut“ des israelischen Autors, der auch in Deutschland zu den bekanntesten Schriftstellern seiner Generation zählt, geht es um die Sehnsucht nach Harmonie, Frieden und Liebe – und um den Preis dafür.

Allerdings ist, so zeigt das Buch, auch die Wahrheit nicht umsonst zu haben: Wer sich auf den Weg macht, die Ursache der Konflikte zu ergründen, muss auf schmerzhafte Erfahrungen gefasst sein.

Nach nur einem Jahr ist die Ehe von Ofer Rivlin plötzlich zerbrochen. Was seinen Vater Jochanan verwirrt, ist, dass sein Sohn und die ehemalige Schwiegertochter sich beharrlich in Schweigen hüllen. Schlimmer noch: Ofer ist nach wie vor emotional an Galia gekettet, trotz seiner Flucht nach Paris. Mit dieser Situation kann sich Jochanan Rivlin, Professor für Orientalistik in Haifa, nicht abfinden. Er ist die Hauptfigur des Romans, die Person, aus deren Sicht die Geschehnisse geschildert werden. Als Wissenschaftler will er für alles den Grund wissen. Darum beginnt er fünf Jahre später, als der Vater Galias überraschend stirbt, das Geheimnis der Trennung zu ergründen – und stößt dabei an eine eisige Mauer des Schweigens.

Um diesen roten Faden der Geschichte rankt sich ein geschickt komponiertes Tableau von Nebenhandlungen, Personen und Beziehungen, ineinander gewirkt wie eine kunstvolle Arabeske. Märchen werden ausufernd erzählt – so ausufernd wie die Lügen der arabischen Magisterstudentin Samaher, die immer noch nicht ihre Prüfung bei Rivlin absolviert hat. Lange wird überlegt, wie sie doch noch zu ihrem Examen gelangen kann – trotz „Depressionen“, „kranker Großmutter“ oder „beginnender Schwangerschaft“. Die Familie berät sich, und schließlich bietet Rivlin Samaher Hilfe an.

Ein Student, der bei einem Attentat ums Leben kam, hat seine Arbeit, die Übersetzung arabischer Gedichte und Zeitungstexte mit politischem Inhalt, nicht fertig stellen können. Samaher soll eine Auswahl treffen – natürlich mit genauer Quellenangabe der Texte. Das schrittweise Verfertigen der Arbeit bei gelegentlichen Treffen mit dem Prüfer liest sich wie eine anspielungsreiche Parallelhandlung zum sukzessiven Entdecken der Wahrheit in Rivlins komplizierter Familiengeschichte.

Beide Handlungsstränge sind geschickt ineinander verwoben. Und nebenbei werden wir mit großen arabischen Dichtern bekannt gemacht, zum Beispiel Hussein Ibn Mansur al-Halladsch aus dem Ende des ersten Jahrtausends, dessen wunderbar präzise Gedichte bei einem öffentlichen Vortrag von Chagit Tedeschi übersetzt werden, der Frau eines Kollegen Rivlins. Aber auch diese Szene ist nicht allein um ihrer selbst willen da: Chagit ist zermürbt von ihrer Ehe. Geplagt von echten und eingebildeten Krankheiten fordert ihr Mann ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ein. Einmal nur, angestiftet von Rivlin, bricht sie aus. Da stirbt – womit niemand gerechnet hatte – ihr Mann.

Seine Leiden, so stellt sich heraus, waren nicht nur eingebildet. Die Figur von Rivlins Kollege wirkt als Kontrapunkt: Was ist echtes, was eingebildetes Wissen, was ist bloße Mutmaßung? Rivlins Weg führt ihn von der Vermutung zum Wissen. Dabei erleidet er Verletzungen: Samahers Hochzeit, zu deren Feier er eingeladen wird, weckt in ihm blanken Neid und vertieft die Scham über sein vermeintliches Versagen angesichts der so schwer verständlichen Scheidung des Sohnes.

In einem bestürzenden und kunstvoll in der Spannung gesteigerten Monolog erklärt Ofer selbst das Zerbrechen seiner Ehe: Er schreibt einen Brief an Galia – auf seinem Computer. Dann drückt er die Löschtaste.

Zuletzt sind es die beiden Araber Rasched und Fuad, die Rivlin der unfassbaren Wahrheit über seine defekte Familie näher bringen. Nur so viel sei hier verraten: Es geht um Inzest, ein Geheimnis, das von den anderen Mitgliedern der Familie Galias gedeckt wurde. Wie Jehoschua dieses Geheimnis offenbart, wie er die Fäden der mäandernden Handlung – es werden die Geschichten von nicht weniger als drei Familien mitgeteilt – löst und wieder zusammenknüpft, ist meisterhaft: Die Spannung bleibt bis fast zum Schluss des 671 Seiten starken Romans erhalten.

Dabei wird eine Vision beschworen: die des freundschaftlichen, ja intimen Miteinanders von israelischen und arabischen Familien, ein Thema, scheinbar ferner denn je – und als Beschwörung humaner Möglichkeiten ebendarum wichtig und dringend. Es gibt nichts, was die sittliche Forderung, die dieser Roman enthält, überholen oder widerlegen könnte.

„Ich habe die Arbeit in einer relativ friedlichen Phase begonnen, und als die zweite Intifada ausbrach, habe ich mich trotz allem entschlossen, in meinem Roman mit dieser Atmosphäre der Ruhe und Harmonie fortzufahren, weil es das ja gegeben hat, und ich glaube, dass es das wieder geben wird. Ich sage nicht, dass Frieden kommen wird, aber der Pegel der Gewalt kann reduziert werden“, erklärte Abraham B. Jehoschua kürzlich in einem Interview.

Ob er mit seiner Prognose Recht behalten wird, ist zumindest derzeit mehr als fraglich. Trotzdem hat der Autor als Dichter Recht: Es geht um das Gestalten der Utopie, es geht darum, Möglichkeiten eines besseren menschlichen Daseins aufzuzeigen. Darum ist auch Jehoschuas Schreiben ein eminent politischer Akt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0304 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur