Die Bedrohung von Gert Loschütz, 2006, FVADie Bedrohung.
Roman von Gert Loschütz (2006, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 18.10.2006:

Dies große Geschrei in mir
Mit seinem Roman "Die Bedrohung" setzt Gert Loschütz sein Projekt der neuen Unheimlichkeit fort

Joseph von Eichendorffs Gedicht "Waldesgespräch" hebt folgendermaßen an: "Es ist schon spät, es ist schon kalt, / Was reit'st du einsam durch den Wald? / Der Wald ist groß, du bist allein, / Du schöne Braut, ich führ' dich heim!" Matthias Loose, Hauptfigur und Ich-Erzähler in Gert Loschütz' neuem Roman, ist keine schöne Braut, zugegeben, doch alles andere stimmt. Der Wald ist groß, Loose ist allein. Man wird sehen, wohin ihn das führt.

Mit seinem faszinierenden Roman Dunkle Gesellschaft feierte Loschütz im vergangenen Jahr ein erfreuliches Comeback. Erfreulich, weil ein ganz offensichtlich starker Autor zurück zu seinem Stoff gefunden hatte. Und erfreulich auch, weil der immer mehr auf Jugend getrimmte Literaturbetrieb diese Rückkehr auch zuließ. Dunkle Gesellschaft spielte ganz eindeutig mit romantischen Motiven, im Mittelpunkt das Wasser als Symbol für den Fluss des Lebens. Nun, mit Die Bedrohung, kristallisiert sich heraus, dass Loschütz an einem literarischen Projekt der neuen Unheimlichkeit zu arbeiten scheint, ohne Geraune, ohne künstliche Mystifikationen. Nach dem Wasser ist es im neuen Roman der Wald, der als zentraler Ort des Geschehens fungiert, wiederum ein schauerromantisch aufgeladener Topos, ein erhabener Schauplatz, Projektionsfläche düsterer Ereignisse. Die Bedrohung ist in seinen Effekten weniger Aufsehen erregend, weniger spektakulär als der Vorgänger, jedoch nicht weniger beeindruckend.

Matthias Loose ist Redakteur im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung. Die Arbeit macht zusehends weniger Spaß; es kommt zu Streitigkeiten mit dem Chefredakteur. Eines Tages kündigt Loose, um endlich wieder frei zu arbeiten. Ideen hat er genug; er schreibt sie auf Zettel, die er in seinem Arbeitszimmer an die Wand hängt; er legt Ordner an. Allein, man kennt es und ahnt es - gelingen will ihm nichts.

Auf Drängen seiner Frau, die mittlerweile den frei gewordenen Redakteursposten angenommen hat, geht Loose auf das Angebot einer seiner ehemaligen Autoren ein: Maurer, Vorsitzender einer für Loose eigentlich uninteressanten botanischen Gesellschaft, lädt ihn in einen kleinen Ort ein, um im dortigen Hotel an der Tagung der Gesellschaft teilzunehmen und dieser, wie er schreibt, mit seiner Formulierungskunst gegen angemessenes Honorar zur Seite zu stehen. Loose lehnt das Angebot zunächst ab - bis er in der Zeitung unter Rubrik "Aus aller Welt" eine Notiz liest, nach der sich in dem unmittelbar an den Tagungsort grenzenden Wald eine Reihe von unerklärlichen Selbstmorden ereignet habe. Loose sagt nun doch zu. Und der Roman nimmt eine völlig neue Wendung.

Was ihn dorthin zieht, was ihn bindet? Journalistische Neugier, könnte man vermuten, das Interesse an einer großen Geschichte. Doch viel wahrscheinlicher ist es, dass jener Selbstmordwald der Echoraum eines Bewusstseins ist, das sich ohnehin in Richtung Schwermütigkeit entwickelt. Loose kippt, sein Leben kippt. Die Tagung zumindest ist deprimierend bis unfreiwillig komisch; erotische Verwicklungen unter den Teilnehmern bahnen sich an; Maurer entpuppt sich als eitel und herrschsüchtig. Doch ewig lockt der Wald. Die Recherchen, die Loose anstellt, lassen sämtliche Schlüsse zu.

Was sich in ihm aufbaut, ist jedoch der geradezu paranoide Verdacht, dass hier etwas vertuscht werden soll. Will man ihn von den vermeintlichen Todesorten fernhalten? Warum werden immer neue Zäune gebaut? Um Selbstmörder abzuschrecken? In sich selbst baut Loose ein System von Zeichen und Bedeutungen auf. Gibt es Aufpasser, die zur Abschreckung im Wald aufgestellt wurden? "Auf dem Rückweg - wieder über die Straße, die wie ein Tunnel durch den Wald führt - folgen mir im Abstand von etwa hundert Metern zwei Männer. Zuerst glaube ich an einen Zufall. Doch als ich mich bücke, um mir den Schuh zu binden, bleiben sie stehen und zünden sich eine Zigarette an, und als ich weitergehe, gehen sie ebenfalls weiter. Zurück im Hotel, stelle ich mich hinter die Glastür und warte darauf, sie auf der Straße vorbeikommen zu sehen. Aber nichts." Und wie lautet das Wort, das die Kinder ihm nachgerufen haben: "Eichenfäller", "Weichensteller" oder doch "Leichenfänger"?

Als die Tagung beendet ist, bleibt Loose vor Ort; als seine Frau ihn besuchen will, fährt er in die entgegengesetzte Richtung, um seine Sachen aus dem Haus zu holen. Spätestens jetzt wird klar, dass der Erzähler Loose den Leser in einer falschen Sicherheit gewiegt hat, dass seine Handlungen längst dem Sog einer unkontrollierbaren Abwärtsbewegung folgen und Die Bedrohung in Wahrheit der erzählerisch raffinierte Nachvollzug eines Krankheitsbildes ist; ein Text mit allerhöchstem Depressionspotenzial. Wie auch Thomas, der Binnenschiffer, Protagonist von Dunkle Gesellschaft, ist Loose ein Erdulder, einer, der glaubt, dass ihm die Ereignisse zustoßen, obwohl eigentlich er es ist, der die Situation zunehmend forciert. Seiner Frau schreibt er: "Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, eine Arbeit zu tun, die wichtig ist, eine Arbeit, die kein anderer tun kann als ich. (...) In einem Ausstellungskatalog, den vermutlich ein Hotelgast verlassen hat, habe ich ein Bild entdeckt, das ich seit langem kenne und das du ebenfalls kennst und auf diesem Bild einen Satz, der mir nie zuvor aufgefallen ist: Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur. So lächerlich es für dich klingen mag, ich fühle es auch, das Geschrei. Du weißt, wie oft ich eine Arbeit abgebrochen habe. Lass mich diese, wenigstens diese, zu Ende bringen."

So verdichtet sich zum Ende hin alles, Vollmond und Munchs "Schrei", Herbst, Droste-Hülshoff-Zitate, nächtliche Wanderungen. Loschütz' assoziationsreiche Sprache folgt dem Zustand des Protagonisten - zunehmend stakkatoartiger werden die Sätze, weniger kunstvoll, schmuckloser; nicht selten fällt das Subjekt einfach weg - ein Zerfall, der sich in Sprache niederschlägt. "Es ist schon spät, es wird schon kalt, / Kommst nimmermehr aus diesem Wald!" So endet das "Waldesgespräch". Gert Loschütz' spannender und mitreißender Roman zeigt einmal mehr: Die Bedrohung liegt nicht einfach so in der Welt. Sie ist in uns selbst.

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