Die Autorenwitwe von Judith Kuckart, 2003, DuMontDie Autorenwitwe.
Erzählungen von Judith Kuckart (2003, DuMont).
Besprechung von Hans Christian Kosler in Neue Zürcher Zeitung vom 26.6.2003:

Vom Leben im Vakuum
«Die Autorenwitwe» - Erzählungen von Judith Kuckart

Sie liebt die kargen Parataxen und die Hohlräume zwischen den Sätzen, die viel offen lassen und in die man folglich auch viel hineinlegen kann. Manchmal lesen sich diese schlichten Beschreibungen wie Regieanweisungen, deren monotone Abfolge irgendwann von ausgesprochenen Hab-acht-Sätzen unterbrochen werden, an denen - verglichen mit dem Rest - viel zu lang und auffällig gefeilt wurde. Man merkt dann: Hier hat uns die Autorin etwas zu sagen, und was sie uns zu sagen hat, wiegt offenbar zentnerschwer. In der Titelgeschichte ihres neuen Erzählbandes skizziert Judith Kuckart das Leben einer auf ihren Mann wartenden Frau, der im märkischen Rheinsberg die Stelle eines Stadtschreibers antreten soll. Man erfährt, dass sie einen Hund besitzt, Fertigsuppen isst, Ränder um die Augen und Alkoholprobleme hat. Bis es dann schliesslich heisst: «Sie hat einen Mann, der immer nur glänzt in ihrem Leben. Durch Abwesenheit. Sie lebte einen ihrer Einsamkeit angemessenen Unsinn.»

Wir sind zwar erst auf Seite 15 und doch schon am «Knackpunkt» des ganzen Bandes angelangt. Kuckarts Erzählungen handeln von Menschen, denen etwas fehlt, die darunter leiden, zu kurz zu kommen. Beinahe müssig zu betonen, dass es Frauen sind, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Von allem, was ihnen fehlt, ist die Liebe das Auffälligste. Sie sind einsam, haben ihren Seelenhaushalt auf ein Minimum reduziert und leben, was ihre zwischenmenschlichen Beziehungen angeht, in einer Art Vakuum. Um in ihren Gefühlen nicht abermals (von Männern) verletzt zu werden, haben sie den berühmten Schutzwall um sich errichtet, der fast schon zur Grundausstattung des heutigen Normalmenschen gehört. «Keine Liebe, nur eine Liebesgeschichte, vielleicht nur eine Geschichte», redet sich die Protagonistin in der Erzählung «Die Blumengiesserin» ein, ehe sie mit ihrem «Auserwählten» schläft. Und die «Dorfschönheit» in der gleichnamigen Erzählung nimmt sich vor, das, «was sie sich in der Nacht hinüberreichen», nicht Liebe zu nennen.... Fortsetzung

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