Die
Aussicht auf das Wort.
Gedichte zum 60. Geburtstag von Richard
Pietraß (2006, Verlag Ulrich Keicher - mit einer Grafik von Christof
Meckel).
Besprechung von Stefan
Heuer aus dem titel-magazin,
2007:
Blick zurück nach vorn
Ein eindruckvolles, natürlich sehr subjektives „Best of
Richard Pietraß“ zum 60. Geburtstag des Autors
Mögen sie auch – günstigstenfalls – zeitlose Texte verfassen,
generationsübergreifend dem Zahn der Zeit eine lange Nase zeigen – auch die
Mitglieder der schreibenden Zunft sind der Regie des Lebens unterworfen und
werden älter. Möchte man einem Schriftsteller von Bedeutung zum runden
Geburtstag gratulieren, so gebietet der Anstand ein wenig mehr als den
obligatorischen „Auf-die-nächsten-x-Jahre“-Ausruf und einen feuchten Händedruck:
Da muss schon etwas Handfestes her, etwas Bleibendes, etwas mit Gewicht. Der
Verleger Ulrich Keicher aus Warmbronn war sich dessen bewusst, und so erschien
im Juni 2006, pünktlich zum 60. Geburtstag von Richard Pietraß, der
liebevoll ausgestattete Band Die Aussicht auf das Wort, eine von
Freunden aus seinen Büchern zusammengetragene Sammlung von 33 Gedichten, die
in ihrer Chronologie einen wunderbaren Einblick in sein bisheriges lyrisches
Schaffen gewährt.
Ein Blick auf die Liste der Einzelpublikationen von Richard Pietraß offenbart
eine eindrucksvolle Zwischenbilanz. 1974 debütierte er mit Band 82 der
Lyrikreihe „Poesiealbum“ im Verlag Neues Leben (eben der
Lyrikreihe, die nach Jahren des Dornröschenschlafs zur Zeit mit der Peter
Huchel gewidmeten Ausgabe 277 eine viel beachtete Wiederauferstehung feiert),
seitdem erschienen zahlreiche Lyrikbände, aber auch Prosa und ein Kinderbuch.
Neben festen Einbänden und Taschenbüchern finden sich immer wieder auch
bibliophile Kunstwerke in Kleinauflagen, handgebunden, oftmals mit Schnitten
und Lithografien illustriert. Nicht vergessen werden dürfen auch die vielfältigen
anderen Arbeiten am Wort, die neben seinen eigenen Gedichten im Zentrum seines
Schaffens standen – seine Zeit als Lyriklektor und Herausgeber des
„Poesiealbums“ (1977–1979), die redaktionelle Arbeit an der Zeitschrift
„Temperamente“, seine Nachdichtungen und Übersetzungen (u. a. zu Seamus
Heaney, Lars
Gustafsson, Wladimir Majakowski und
Adam Mickiewicz) und seine
Herausgaben (u. a. Hans Arp,
H. C. Artmann).
Eine Hommage von 33 Freunden
Und nun also Die Aussicht auf das Wort, eine Hommage von 33 Freunden
(unter ihnen Elke Erb, Wulf
Kirsten, Thomas Rosenlöcher und Jürgen
Rennert),
die mittels ihres Lieblingsgedichts gratulieren (und Christoph
Meckel, der
dies mit einer Grafik tut).
Da findet sich das exzellente „Am Abend verwandeln“ aus dem 1980
erschienenen Band Notausgang, ausgewählt von Kathrin
Schmidt:
Am Abend verwandeln wir uns / und werden Vögel, Mauersegler, die mit
schrillen / Schreien den ungeteilten Himmel befliegen / und lautlos
streichende Eulen, steigen / unter die höchsten Türme, nisten / des Nachts
und bleiben ertappte Vögel, denen / der Morgen die geborgten / Federn nimmt.
Da findet sich auch „Die Einführung in die Metaphysik“, das Gedicht
„Barometer“ (Ich bin das Barometer. Man kommt / ohne mich aus. // ...)
und auch der von Peter Geist nominierte Wortverdreher „Generationen“ (aus
dem 1982 im Aufbau Verlag erschienenen Lyrikband Freiheitsmuseum) ist
vertreten. Richard Pietraß sorgte mit der Qualität seiner Gedichte dafür,
dass seine Freunde aus dem Vollen schöpfen und hier ein eindruckvolles, natürlich
sehr subjektives Best of herauskristallisieren konnten.
Die Aussicht auf das Wort – das ist die Aussicht, die Sichtung des
bislang Geschriebenen, eine Bestandsaufnahme der besonderen Art. Es ist aber
auch die Aussicht auf das, was da noch kommen mag. Und darauf darf man
gespannt sein.
[...diese und weitere
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