Die Augenblicke des Herrn Faustini von Wolfgang Hermann, 2011, HaymonDie Augenblicke des Herrn Faustini.
Roman von Wolfgang Hermann (
2011, Haymon)
Besprechung von Helmut Schönauer, 25.08.2011:

Je nach Interessenslage verstehen die einen unter Faustini einen Opernlibrettisten, die anderen einen italienischen Marathonläufer.

Der echte Faustini jedoch stammt von Wolfgang Hermann und ist ein aufmerksamer Zeitgenosse mit geradezu übersinnlichen Empfindungen für den Alltag. Die neuen Abenteuer des Herrn Faustini nennen sich schlicht Augenblicke. Damit ist einmal eine kurze Zeitangabe gemeint, zum anderen eine kurze Kontaktaufnahme zur Außenwelt.

Faustini irrt angewidert vom letzten Wahlsonntag in Vorarlberg herum, da zeigt er nach dem Zufallsprinzip auf dem Atlas auf einen Ort in namens Edenkoben in Rheinland-Pfalz und reist, nachdem ihn die Zugsauskunft persönlich betreut hat, dorthin.

Edenkoben hat den Höhepunkt des Städtedaseins schon hinter sich, jetzt wuchert es unauffällig zwischen Volksfesten, Weinlese und vergangenen Denkmälern dahin. Herr Faustini trifft auf den Parade-Einheimischen Emil, der es ähnlich wie er selbst auf die Kleinodien abgesehen hat. So ist Emil begeisterter Kleinbahn-Künstler und Liebhaber feiner Inschriften: „Pfalz, dich liebe ich / und Euch, Pfälzer, / wie ihr mich“ (55)

Überhaupt zeigen sich die Dinge in einem ganz neuen Licht, wenn man sie luzide genug durchdringt. So sind die in Plastik eingefrorenen Gewebsteile toter Tiere in der Gefrierlade nur auf den ersten Blick Lebensmittel, und auch das triviale Würstchen ist ein Individuum, das man erst nach einem Gespräch verzehren soll.

Manche Erkenntnisse Faustinis können gar als Faustini-Faustregeln gelesen werden. Etwa dass bei einem Breitgesicht die sechs vorderen Zähne in einer Linie stehen, während bei einem Spitzgesicht schon nach zwei Zähnen die Zahnreihe nach hinten abhaut.

Faustini gibt sich eine folkloristische Schifffahrt mit dem Rheingold nach Köln, bewundert Bahnhof und Dom ausgewogen und fährt, solange es geht, im Speisewagen nach Edenkoben zurück. Fein betreut von einer Modenschau zieht sich Faustini nach Würdigung des Pfälzer Waldes aus der Geschichte zurück.

Wolfgang Hermann erzählt die Abläufe Satz für Satz von innen her, quasi von der anderen Seite des Sichtbaren. Jede noch so unauffällige Kleinigkeit ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer großen Geschichte. Und was ist schon ein Augenblick, heißt es einmal, eine Sternschnuppe ins unendliche Nichts. (40)

Herr Faustini ist ein Held voller Romantik, kindlicher Aufgeregtheit und ungebrochener Entschleunigung. Gerade weil er so genau und schräg auf die Dinge schaut, entdeckt er überall nur Sachlagen, die beinahe aus den Fugen geraten sind. „Ein Fertigteilhaus, das seine Fertigstellung nicht erwarten kann“, heißt es gleich zu Beginn. Und auch der Leser in seiner ungeduldigen Hast wird immer wieder eingebremst und dennoch angespornt. „Er gab sich einen Ruck und ging weiter. Seine Beine folgten ihm.“ (16)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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