Die Asche meiner Schwester von Corneia Travnicek, 2008, Literaturedition NiederösterreichDie Asche meiner Schwester.
Roman von Cornelia Travnicek (2008, Literaturedition Niederösterreich).
Besprechung Evelyn Polt-Heinzl aus Rezensionen-online *Literatur und Kritik*, 2008:

Zwei erstaunliche Debüts
Ein Roman und Erzählungen von Cornelia Travnicek

Radek Knapp hat in seiner Literaturbetriebssatire "Papiertiger" 2003 beschrieben, wie das ist mit dem Druck, der nach einem erfolgreichen Debüt auf dem Autor lastet, der die Arbeit am zweiten Buch hemmt und hinauszögert, bis der Verlag das nächste erfolgreiche Debüt hypt und eigentlich niemand mehr auf sein zweites Buch wartet. Radek Knapp hat das mit viel Witz und Ironie geschildert - und ist bei der Kritik mit diesem seinen zweiten Roman, den er bescheiden "Eine Geschichte in fünf Episoden" nannte, prompt durchgefallen. Ein freundlicher Kritiker riet ihm gar, er solle einen Ratschlag aus seinem eigenen Werk befolgen und statt Autor lieber Milchmann werden.

Das kann der 1987 in St. Pölten geborenen Cornelia Travnicek so nicht passieren: Sie präsentierte 2008 gleich zwei Bücher in verschiedenen Verlagen, und mit beiden Bänden gelingt ihr ein überzeugender Auftritt.

"Aurora Borealis" sammelt neun Erzählungen aus drei Jahren von überraschender Bandbreite und homogener Qualität. Sie erzählen von verlorenen Alkoholiker-Vätern, verzweifelten Heiratsanträgen, Sandburgen bauenden kleinen Mädchen, verwitterten und dementen alten Männern oder verwirrten Mördern und orientierungslosen Jugendlichen aus desolaten Verhältnissen. Dunkel und verloren sind sie alle, die Helden dieser Geschichten. "Aurora Boralis", das Nordlicht, gilt schließlich als Vorzeichen drohenden Unheils. Obwohl die Autorin verschiedene stilistische und kompositionelle Techniken erprobt, zeigen die Erzählungen eine erkennbare Handschrift. Das ist für einen ersten Erzählband beachtlich, und Cornelia Travnicek hat für einzelne dieser Erzählungen bereits eine Reihe von Auszeichnungen bekommen: 2006 den Marianne von Willemerförderungspreis, 2007 das Hans Weigel-Stipendium und 2008 den Theodor Körner-Förderungspreis. Dass dem Band erstaunlich mitteleuropäisch wirkende Fotos von Hinterhof- und Innenraumszenearien aus China beigegeben sind, hat mit dem Sinologie-Studium der Autorin zu tun, die von diesem Clash der Kulturen eindeutig auch als Beobachterin menschlichen Gebarens profitiert.

In ihrem Roman "Die Asche meiner Schwester" entwirft Travnicek mit leichter Hand die Geschichte einer unkonventionellen Reise; es ist ein überstürzter Aufbruch und er passiert nicht ganz freiwillig. Die Reisegesellschaft besteht aus dem blassen, kekssüchtigen Psychologen Joshua, dem kleinen Hund ihrer Schwester und einer Urne mit deren Asche, das Reiseziel ist Marokko, der Weg dorthin führt mit manchen Umwegen quer durch Italien, Frankreich und Spanien. Joshua scheint nicht viel zu können, auch nicht Auto fahren, sehr gesprächig ist er auch nicht, dafür kann er zuhören, was für den Ausgang der Geschichte nicht unwichtig ist.

Nach und nach entsteht ein Bild der komplizierten Beziehungsgeschichte der beiden Schwestern, die sich aus ihrer völlig konträren Interpretation der gemeinsamen Kindheit heraus bewusst von einander distanzierten und dennoch verquer auf einander bezogenen blieben. Das gemeinsame Unglück der Schwestern beginnt mit dem Verschwinden der Mutter, doch es wird kein gemeinsames Schicksal daraus. "Nachts weinte sich meine Schwester in den Schlaf und beorderte damit unseren Vater zum Dienst." Das ist und bleibt die Perspektive der Erzählerin, und die führte wohl auch Regie bei einem prägenden Erlebnis im Pubertätsalter. Wie der Vater scheint auch der erste Freund der Erzählerin zur hilflosen kleineren Schwester übergelaufen zu sein; ein Zusammenprall der Erzählerin mit dem wankelmütigen Jüngling hatte Folgen, physische für den jungen Mann und psychische für die Schwestern: er besiegelte sozusagen den endgültigen Bruch zwischen ihnen.

Bis die Erzählerin beim Notar mit dem Erbe ihrer Schwester konfrontiert wird: Es besteht aus der Urne, dem wenig repräsentativen Hündchen mit Namen Napoleon und dem Auftrag, gemeinsam mit dem lebensuntüchtigen Joshua den Inhalt der Urne im Rifgebirge auszustreuen. Joshua hat die jüngere Schwester bei einem einigermaßen absurden Entwicklungshilfeprojekt kennen gelernt, allerdings nicht sehr gut und eher unglücklich. Trotzdem erfahren wir aus diesen Episoden einiges von ihrer Sicht der Dinge.

Dass nun die kleine Schwester wünscht, ihre Asche just im fernen Marokko verstreut zu sehen, sieht ihr, aus Sicht der Erzählerin, absolut ähnlich. Aufmerksamkeit und Zuwendung einzufordern, das verstand die Kleinere immer schon und eben auch noch über ihren Tod hinaus. "Ich bin dafür, dass letzte Wünsche abgeschafft werden", ist die erste Reaktion der Erzählerin. Aber der Tod setzt die Überlebenden immer ins Unrecht, außerdem ist Joshua ein ernsthafter, pietätvoller Mensch, und so beginnt die gemeinsame Reise. Sie verläuft grotesk genug, ohne dass Cornelia Travnicek daraus billigen Gewinn zöge. Sprach- und Bildregie hält diese junge Autorin fest in der Hand. Keine Episode gerät daneben, keine Formulierung überinstrumentiert - eine wirklich außergewöhnliche Autorin, vielleicht auch ein perfekter Lektor. Auf Handlungsebene endet das Reisegeschehen für Napoleon schlecht, nämlich letal, für den Rest der Reisegemeinschaft scheinen sich hingegen durchaus Perspektiven zu eröffnen. Joshuas Zögerlichkeit und die praktische Lebenstüchtigkeit der älteren Schwester passen gut zusammen. Der Autorin aber müssten nach diesem Doppelstart die großen Verlage offen stehen. Talente zu entdecken war und ist Aufgabe und Schicksal der renommierten österreichischen Kleinverlagsszene.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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