1.) - 3.)
Die
Arbeit der Nacht.
Roman von Thomas
Glavinic (2006, Hanser).
Besprechung von Daniela
Strigl in Der Standard, Wien vom
5.8.2006:
Wenn der Schläfer erwacht
Der erste Mensch oder der letzte? Thomas
Glavinics großer Roman über das Selbst, die anderen und die Brüchigkeit der
Realität
Jetzt sind wir mit Jonas kaum noch überrascht, dass er auch telefonisch niemanden erreichen kann: Alle Menschen sind aus der Stadt verschwunden, die Tiere auch, spurlos, rückstandfrei, man sieht keine Unordnung, keine Zerstörungen. Mit Erklärungsversuchen gibt Jonas sich nicht lange ab - sicherlich eine Katastrophe, ein Atomangriff vielleicht. Aber wenn die Bewohner evakuiert wurden, warum hat man gerade ihn vergessen? Wo bleiben die Raketen? "Und wer sollte sich die Mühe machen, so teure Technologie ausgerechnet an diese alte, nicht mehr wichtige Stadt zu verschwenden?"
Was tut jemand, der Grund hat anzunehmen, er sei
der letzte Mensch auf dieser Erde? Marlen
Haushofer hat ihre Ich-Erzählerin in die Waldeinsamkeit gesperrt: Eine
durchsichtige Wand ist über Nacht - es ist immer die Arbeit der Nacht, die
verstört - zwischen der Frau und dem Rest der Welt gewachsen, dahinter ist
alles menschliche und tierische Leben erloschen.
Nun heißt es für die Städterin, mit ein paar zugelaufenen Tieren in der
Wildnis überleben. Glavinic' Jonas ist dagegen geradezu ein Anti-Robinson. Vom
Selbstversorgerstandpunkt aus sitzt er in der Stadt wie die Made im Speck, er
genießt alle Bequemlichkeiten der Zivilisation und muss nicht fürchten zu
verhungern, wenn man davon absieht, dass die Tiefkühlkost in den Supermärkten
doch auch ein Ablaufdatum hat. Das Alleinsein in der Großstadt hat freilich
eine andere, noch deprimierendere Qualität als das im Wald.
Jonas, von Beruf Einrichtungsberater, ist ängstlich und kein besonders heller Kopf. Wenn er seine Furcht, vor versteckten Angreifern etwa, wegzubrüllen versucht, wirkt er komisch. Er pflegt den schönen Brauch des Selbstgesprächs (schon bevor er entdeckt, dass er ohne Gegenüber ist) und flucht ausgesprochen kultiviert, er neigt zu Halsschmerzen und schwört auf Aspirin, er trinkt gern Bier und ist in Haushaltsdingen sichtlich wenig erfahren, weshalb er es vorzieht, in Gasthäuser einzubrechen und dort Tiefgekühltes aufzutauen.
Am Anfang durchkämmt Jonas die Stadt, um dem Rätsel
auf die Spur zu kommen und da und dort Nachrichten für etwaige
Schicksalsgenossen zu hinterlassen. Diese rasenden Fahrten durch das unheimlich
stille, heiße, menschenleere Wien, die Streifzüge durch verlassene Bahnhöfe,
die Exkursionen zum Flughafen und auf den Donauturm schildert Glavinic so
schaurig schön, dass der fantastischen Welt des Romans ungeheure Überzeugungskraft
zuwächst. Später fährt Jonas (das Tanken funktioniert problemlos) über die
Grenze, er kommt bis Laibach, um festzustellen, dass auch dort keiner ist. Weil
er sich beobachtet fühlt und unerklärliche Dinge geschehen, rüstet er auf. Er
beschafft sich eine Batterie von Videokameras, postiert sie in der ganzen Stadt
und im eigenen Schlafzimmer: Am unheimlichsten ist die Nacht an der Arbeit, während
er schläft. Erinnern kann er sich in der Früh nur an seine Träume. Und was er
auf den Bändern sieht und hört, ist nicht wirklich beruhigend.
Andererseits bedeutet die neue Anarchie auch die Erfüllung von Bubenträumen:
einmal den Wurstelprater für sich allein haben, einmal Lokführer der
Liliputbahn sein! Jonas bewaffnet sich mit einer Pumpgun (obwohl er Waffen nicht
mag), er beschafft sich einen Sportwagen (obwohl ihm schnelle Autos nie wichtig
waren). Mit ihm durchbricht er Glastüren, braust er durch Baumärkte: "Es
war ein seltsames Gefühl, mit einem Auto durch die Gänge zu fahren, wo sonst
schweigsame Männer mit breiten Händen ihre Einkaufswägen schoben und für die
Lektüre von Etiketten ihre Lesebrillen aufsetzten." Zur männlichen
Version der Problembewältigung gehören groß angelegte Wohnungsräumungsaktionen.
Solange der Schweiß fließt, hat das Schreckliche keine Macht.
In Haushofers Wand verrät der Albtraum des Eingeschlossenseins zugleich den durchaus aggressiven Wunsch nach Abkapselung. Der Jonas des Alten Testaments, der Zornbinkel und Jammerer, war erbost, als Gott die Bewohner der sündigen Stadt Ninive, wohin er den Propheten zwecks Warnung vor dem Untergang geschickt hatte, dann doch verschonte.
Auch Glavinic' Protagonist bekennt einstige misanthropische Fantasien von sich als dem einzigen Überlebenden grässlicher Unfälle. Nun lebt er tatsächlich in einer versteinerten Welt. "Ich träume jetzt viel von zerfallenen Städten und von Landschaften, in denen es keine Menschen mehr gibt, nur verwitterte Statuen. Ich gehe dann von einer Statue zur andern, und sie betrachten mich aus weißen Augenhöhlen", schreibt Marlen Haushofer in ihrem Roman Die Mansarde. - "Überall Statuen. . . . Nie zuvor war es ihm aufgefallen. Wohin er schaute, fast an jedem Haus entdeckte er steinerne Gestalten. Keine davon blickte ihn an", heißt es bei Glavinic. Anders als bei Haushofer spielen hier neben dem Überlebenden auch Mitmenschen eine Rolle: Jonas erinnert sich an seine Eltern und Schulkollegen, vor allem an Marie. Was Liebe bedeutet, wird ihm erst durch den Verlust klar.
Die Arbeit der Nacht ist ein kühner, ein
grandioser Wurf. Wenn die Freude darüber nicht ungetrübt ist, so liegt das an
der Sprache: Glavinic, der Formbewusste, ist hier, vielleicht allzu sehr
beansprucht von den Mühen der Konstruktion, nicht immer auf der Höhe seiner
Kunst. Am Werk ist ein personaler Erzähler, zugleich wird der Held immer wieder
von außen oder oben beobachtet. Die Absicht ist klar: eine schlichte Sprache,
mit kurzen, eindringlichen Sätzen. Doch man stolpert über hochgestochene
("gewahrte", "dürsten") oder unbeholfene Formulierungen
(wie "Die A1 hatte er oft befahren"), ohne dass man es auf die
Extravaganzen einer Rollenprosa schieben könnte. Es wird zu viel
"gestreift", "geschlichen" und "geschlendert", der
Held lässt immer wieder "den Blick schweifen", oft "linst"
er, "eisige Schauer" streichen ihm über den Rücken, ein Entschluss
"zuckt in ihm auf".
Auch der Lektor dürfte von der spannenden Story abgelenkt gewesen sein.
Zumindest hätte ihm auffallen müssen, dass der Autor ständig zwischen einem
mit dem Schauplatz (Österreich) kompatiblen und einem in Norddeutschland gängigen
Deutsch schwankt, zum Beispiel zwischen "war gestanden" und
"hatte gestanden". Oder dass er, in der Botanik nicht sattelfest, Äpfel
als "Steinobst" klassifiziert. Aber wer will schon angesichts der
Apokalypse Äpfel und Erbsen zählen: Mit diesem Buch hat Thomas Glavinic sich
mit markanter Handschrift in die Literatur des Existenzialismus eingeschrieben.
Sein eher praktisch veranlagter Held stellt sich zunehmend philosophische
Fragen: nach der Haltbarkeit der eigenen Identität über die Jahre hinweg, nach
dem Eigenleben der Dinge. Wie verändert sich die Realität ohne Zuschauer? Gibt
es die Zeit dann noch? Was bedeutet der Tod ohne Nachwelt? Und wer ist der
Doppelgänger, der ihm auf einer entvölkerten Erde in wechselnder Gestalt
begegnet?
Glavinic deutet übersinnliche Phänomene an ("etwas in ihm sagte ihm"), er erzeugt gekonnt Suspense, aber er liefert keine Lösung. Blinde Motive - wie der Anruf eines Unbekannten - bleiben blind. Die Welt bleibt beklemmend unbegreiflich, ein Wahngebilde vielleicht, vielleicht ein Scherz Gottes. Das Ende sei hier nicht verraten. Nur so viel: Der Stehsatz des biblischen Jonas, den andere Sorgen plagten, war: "Ich möchte lieber tot sein als leben."
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2.)
Die
Arbeit der Nacht.
Roman von Thomas
Glavinic (2006, Hanser).
Besprechung von Liselotte Leikermoser aus Rezensionen-online
*bn*, 2006:
Apokalyptisches Szenario, Lesegrauen inkludiert. (DR)
Die Rezensentin ist gefährdet, sich in Lobpreisungen zu verlieren, so angetan ist sie von diesem Buch. Was tut ein junger Mann, Jonas, ohne nennenswerte Eigenschaften, wenn seine gewohnte Umgebung ein riesiges Defizit aufweist - es gibt keine Menschen mehr. Über Nacht. Aus dem Radio tönt Rauschen, der Fernsehschirm bleibt dunkel, die Zeitung liegt nicht vor der Tür. Das gewohnte Leben bricht ab, aber warum? Ist eine nukleare Katastrophe passiert? Hat man evakuiert und auf Jonas vergessen? Jonas, eigentlich ein Anti-Robinson, streift durch Wien, bricht in Gasthäuser und Supermärkte ein, versucht dem Rätsel auf die Spur zu kommen, indem er Botschaften verteilt und Videokameras installiert, um vor allem die Nacht, die zerstörerische Kraft der Nacht zu kontrollieren. Was er auf den Bändern hört und sieht ist beunruhigend, erzeugt Furcht, wie auch seine Träume immer bedrohlicher werden. Jonas flüchtet in anarchische Aktionen der sinnlosen Zerstörung, die schleichende Verzweiflung lässt sich jedoch nicht aufhalten.
Der Verlust Maries, seiner großen Liebe, zeigt ihm sein ganzes Unglück auf. Jonas und die Videokameras schauen zu - es wird nichts erklärt, nichts gedeutet. Die LeserInnen, die Leserin werden in die Paranoia hineingezogen, können nicht mehr aufhören zu lesen, bis die Geschichte zu Ende ist und lassen die Nachttischlampe eingeschaltet. Thomas Glavinic hat Marlen Haushofers "Die Wand" nicht gelesen, ist auch nicht wichtig, er hat in seinem Roman eine heutige, männliche Gegenfigur meisterhaft geschaffen.
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3.)
Die
Arbeit der Nacht.
Roman von Thomas
Glavinic (2006, Hanser).
Besprechung von Erika Wurzenrainer in DUM
- Das alternative Magazin:
Ich war nicht in der angenehmen Lage unbefangen an jenen Roman heranzugehen, da der Besitz auf jenem Irrtum beruhte, es mit einem anderen mich vermeintlich mehr zu fesseln imstande seienden Buch verwechselt zu haben.
Ähnlich dem wie manche Menschen wissen, dass sie alles wissen, ähnlich wie manche Menschen glauben, dass sie nichts wissen, so bin ich der Erkenntnis verfallen zu wissen, dass ich mich irren kann. Siehe da, ich habe wieder einmal Recht.
Jemand wacht auf und ist allein. Jemand steht auf und ist allein. Jemand geht auf die Strasse, geht zum Bus. Jemand sieht sich um, jemand hört sich um. Jemand ist noch da während alle anderen weg sind. Spontan würden wir sagen Herrlich! und wir würden sagen Wunderbar! Recht würden wir haben, bis vielleicht drei Stunden vergangen sind und dann würde jede/r von uns sein eigenes Buch darüber schreiben müssen.
Denn es dauert nicht lange bis jemand seine Freundin vermisst, seine Bekannten und bald darauf schon jeden, der nicht hier ist.
Der Gedanke, mit dem Auto allein auf der Strasse fahren zu dürfen, mitten in der Stadt und endlich einmal so langsam wie ich will. Allüberall sein eigenes Vehikel, oder das eines anderen, der den Schlüssel stecken ließ, zu parken. Ich stelle mir vor, wie ich zur Konditorei Zauner nach Bad Ischl fahre und zum Meinl am Graben mich genau vor den Eingang mit meinem selbst geklauten Spider parke und diese wahnsinnig bunte amerikanische (Verzeihung!) 250g Packung Kaudragees in X-Sorten einfach aus dem Regal nehme. Lauthals schreiend ?Ich habe sie gestohlen!" in meine Tasche, die ich kurz zuvor was weiß ich, bei Intersport in Kufstein aus dem Schaufenster, das ich eingeschlagen habe, an mich riss. Also ich machs, einen oder zwei Tage, oder sei es eine Woche, ich machs.
Aber unser Jemand hier ist kein Filmstar. Er ist eine ganz normale Romanfigur die naturgemäß nicht mehr weiß und dieses nicht schneller als der/die Leser/in.
Glavinic's Schreibstil ist schlank, ist sportlich und hält sich nicht mit Firlefanz auf, der schon Gesagtes noch unterstreichen und verdoppeln soll. Das ist seine Kunst: nicht von Nichts kommt nichts, sondern von wenig kommt viel.
Die Handlung klammert sich nicht an schon Erwähntes, sie geht zügig. Und das Schlimmstbeste: dieses Buch ist schrecklich, grauenhaft. Der Roman, den Glavinic verfasst hat, ist entsetzlich. Ein Szenario, in dem sämtliche Handlungen zwar irr, doch situationsadäquat scheinen, will man für gewöhnlich nicht in seinem Leben.
Das Buch hat mir Fesseln umgelegt, die andauernd eng gewesen sind und das ist großartig gewesen, das ist so grausig gewesen.
Das Buch birgt Überraschungen, indem man nicht mit dem Herkömmlichen konfrontiert wird, was übrigens weniger fürchterlich wäre. Es tritt auch das vermeintlich zu Erwartende nicht wirklich ein. Wer dieses Buch liest, wird (vorübergehend?) zum Feigling, wer es nicht liest, ist schon einer.
Fazit: äußerst empfehlenswert.
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