Die Ankunft des Frühlings von Walter Neumann, 2004, demand.verlagDie Ankunft des Frühlings.
Gedichte von Walter Neumann (2004, Lyrikedition 2000).
Besprechung von Hans-Jürgen Heise in der Eßlinger Zeitung, 9.7.2004:

Lyrik, die nie vergriffen ist
Ohne Ballaststoffe: Walter Neumanns Gedichtband "Die Ankunft des Frühlings" ist bei Books on Demand erschienen

Walter Neumann ist gleichermaßen von den politischen Zeitläuften wie von den Gegebenheiten der condition humaine geprägt. 1926 im lettischen Riga geboren wurde er als Angehöriger der deutschen Minderheit 1939 ausgesiedelt und zu Kriegsende noch in eine Uniform gesteckt, bevor er, wie Millionen anderer, als menschliches Treibgut nach (West-)Deutschland gelangte.

Sein Weg zur Literatur war beschwerlich. Er musste sich als Bauarbeiter, Maurer, Techniker, auch als Dolmetscher durchschlagen, schließlich aber wurde er in Bielefeld Diplombibliothekar und gelangte so auf jenes Terrain, dem seine Leidenschaft galt. Für seine Lyrikbände, mit denen er die Nachkriegspoesie mit einer eigen getönten Stimme bereicherte, wurde er unter anderem mit dem Andreas-Gryphius-Förderpreis und dem Eichendorff-Preis ausgezeichnet. Seine Texte, hart gefügt und mit keinerlei Ballast beladen, waren und sind formelhafte Verkürzungen von Erfahrungen, die keine Illusionen zulassen: "Die Geschichtsbücher / lehren: der Mensch / lebt von einem Krieg / zum anderen. // Die Wahrheit ist: / der Mensch lebt / zwischen / den Kriegen." In Abbreviaturen wie diesen war nichts vom Optimismus der bundesrepublikanischen Gründerjahre zu spüren; sie enthielten keine pathetische Beschwörung einer neuen pazifizierten Zukunft. Nicht der Friede, der Krieg bestimmte die Szenerie.

Solche Ansichten, bittere Einsichten, passten weder in das Bild konservativer Restauratoren, noch in die futuristischen Planungsideen der orthodoxen wie der Neuen Linken. Neumanns Weltsicht hat einen existentialistischen Anstrich. Doch die harten Konturen, die unübersehbar vor Augen stehen, führen zu keiner gefühlsmäßigen Verkarstung. Vielmehr bewirken sie ein Verlangen nach menschlicher Nähe, bergender Wärme: "Das Leben ist schön, / schön ist das Leben, / wenn die Liebe dich heimsucht und schlägt." Diese Verse sagen in der lakonischen Sprache der Gegenwart, was schon Vergil in seinen Eklogen verkündete: "Omnia vincit Amor" (Alles besiegt die Liebe).

Neumanns Lyrik ist nicht von forcierter Modernität, aber auch nicht von musealer Traditionsseligkeit. Sie bringt allgemeine Empfindungen in einer unserer Epoche adäquaten Weise zum Ausdruck, und der homo novus erscheint als Wiedergänger uralter Veranlagungen, der angesichts seiner kosmischen Verlorenheit eines Tons von Mozart oder Chopin bedarf, sozusagen eines seelisch-spirituellen Lebensmittels, das über "Die Ermattung der Jahre" hinweghilft und über die finale Einsicht, dass nichts ewig währt und "Leben und Tod (nur) Seiten eines Buches" sind, dessen Autor "nicht aus der Menschenwelt" stammt.

Dieser Lyriker, der sich anfangs den traumatischen Dingen des Zeitgeschehens verpflichtet wusste, hat sich mehr und mehr einer Art negativer Theologie zugewandt, die auch vor dem Abgründigen nicht zurückschreckt: "Grab - / perfekte / Vereinigung / mit dem Urzustand." In diesem Vierzeiler ist jede Unstimmigkeit zwischen Sein und Nicht-Sein sowie zwischen Naturwissenschaft und Metaphysik aufgehoben. Doch weil Erlebbarkeit nur diesseits des Todes möglich ist, hält sich der Dichter an die erkennbare Welt, und in ihr an die Erscheinungen, derer er habhaft werden kann - an den Mitmenschen und die Natur: "Nicht, weil die Haselsträucher grünen, // sondern weil jemand neben dir geht / und sagt: / Sieh, wie die Haselsträucher grünen, // hat sich die Jahreszeit / verändert."

Obwohl Lyrik als Gattung der kleinen Form- und Lektüre-Einheit eigentlich das praktikabelste Wort-Medium unseres an chronischem Zeitmangel leidenden Tempodroms sein müsste, ist sie fast hinter die Grenze des Verschwindens gedrängt worden. Da ist es umso verdienstvoller, dass seit dem Jahr 2000 Gedichtbände als Books on Demand, als Bücher auf Nachfrage, erscheinen können. Das Prinzip ist die ständige Bereithaltung von Titeln der klassischen Moderne wie auch von wichtigen Neuerscheinungen in der Reihe "Lyrikedition 2000", die von Wolfram Göbel als Verleger und von Heinz Ludwig Arnold als geistigem Gestalter verantwortet wird. Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Elfriede Jelinek, Günter Kunert, Harald Hartung, Hugo Dittberner und Richard Pietraß sind im Repertoire und werden aufgrund von Bestellungen umgehend hergestellt und geliefert. Zu diesen "Büchern, die nie vergriffen sind", gehört ebenfalls Walter Neumanns hier besprochener Band.

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Eßlinger Zeitung I Hans-Jürgen Heise