Die anders rote Fahne von Ricarda Bethke, 2001, S. FischerDie anders rote Fahne.
Roman von Ricarda Bethke (2001, S. Fischer).
Besprechung von Ulrike Baureithel aus der Wochenzeitung, Zürich, 15.3.2001:

Vom Aufwachsen Candides in der DDR: ein gelungenes Beispiel, wie sich grosse, kollektive Geschichte im kleinen, individuellen Leben spiegelt.

Nach dem Biografieboom der achtziger Jahre, der in der historischen Forschung eine kaum wahrgenommene, doch sehr fruchtbare interdisziplinäre Auseinandersetzung über den Zusammenhang von Biografie und Geschichte angeregt hat, macht sich in den letzten Jahren die Memoirenwut auch im östlichen Teil Deutschlands breit. Dass die Erinnerungsgeschichten aus der DDR meist in mehr oder weniger ambitionierter literarisierter Form daherkommen, dürfte eine Reminiszenz an die sich eigensinnig verteidigende DDR-Literaturgesellschaft sein. Die Tatsache selbst wiederum verdankt sich dem nachvollziehbaren Wunsch, eine vom historischen Parkett abgetretene Epoche vor dem Vergessen zu bewahren und ins kollektive Gedächtnis zu retten.
Derartige Sinnstiftungsunternehmen sind risikoreich: Einerseits muss sich der oder die Erzählende sozusagen zum «letzten Zeugen» erklären und die Gültigkeit seiner Geschichte verbürgen; andererseits ist er/sie aufgefordert, die eigene Lebensgeschichte stellvertretend und kohärent für die «grosse», unwiderruflich vergangene Ära zu entwerfen. So es sich um eine «Ausnahmeperson» handelt, die als biografischer Sonderfall in Erscheinung tritt, wird der Markt dann ganz traditionell mit anekdotischen Heldenepen versorgt; doch wenn es sich um den so genannten «Durchschnittsmenschen» handelt, muss dessen Lebens- und Karrieregeschichte «sprechend» gemacht werden für die Kollektivbiografie, deren Tücke sich in dem zeigt, was retrospektiv zur Sprache gebracht und was ausgeblendet wird.
Ein in der Literatur oft gewählter Ausweg ist dann die Perspektivenverengung, die Günter Grass in der «Blechtrommel» vorgeführt hat. Diesen Versuch der verkleinerten Perspektive unternimmt auch die in Berlin lebende Autorin Ricarda Bethke in ihrem autobiografischen Roman «Die anders rote Fahne», wenn sie sich 1944 als Fünfjährige mit dem merkwürdigen Namen Candide einführt, auf dem Bett der Grossmutter liegend beim Mittagsschlaf. Es ist Krieg, doch er kommt für das Kind unsichtbar und willkürlich von der Sirene vom Nachbardach, die gelegentlich den häuslichen Frieden in der thüringischen Kleinstadt stört und die BewohnerInnen in die Keller treibt.
Candide, das «Kuckucksei» ohne Vater, lebt in einer Welt der Frauen, einer Mütterwelt, die ihren Sinn im mündlichen Erzählen herstellt. Mit Ausnahme des wortkargen Grossvaters, des überzeugten Sozialisten, sind es die Frauen, die nicht nur für das tägliche Leben sorgen, sondern die Deutungsmacht haben über die Ereignisse im kleinen Leben des Mädchens und im grossen der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der es neben der Politik auch um erfrorene Kartoffeln, erschlichene Blutwurst und zerstörte Familien geht. Aus der «naiven» Sicht des Kindes erschliesst sich das Kriegsende, das in der Familie nicht «Zusammenbruch» oder «Befreiung» heisst, sondern «Umsturz», für den «die anders rote» – nicht Nazi-rote – Fahne steht, die Candide eines Tages im Wäscheschrank ihrer Grossmutter entdeckt.

Warum findet Opa «alles Scheisse»?

Der Charme und die Überzeugungskraft der erzählten Welt des Kindes liegt darin, dass es gemeinsam heranwächst mit dem neuen Staat DDR, in dem das U-Boot-Spiel mit den gleichaltrigen Jungen eine ebenso grosse Rolle spielt wie die Ernennung des Grossvaters zum sozialistischen Bürgermeister der Stadt oder die ländlichen Widerstände gegen die Zwangskollektivierung. Als «Edelkommunist» hat der Grossvater sich nicht nur gegen die Anwürfe der städtischen BildungsbürgerInnen zu wehren, sondern auch gegen die «Bardei neuen Dybs», der er am Ende resigniert unterliegt. Dabei geht der Riss durch die Familie selbst, in der es neben den Kommunisten auch die Nazi-Mitläufer gibt und vielleicht Schlimmeres, denn von welchem französischen Mädchen sollte sonst das schicke Pelzmäntelchen stammen, das in der Familie von Schulkind zu Schulkind, auch an Candide, weitervererbt wird?
Derlei unscheinbare Kleinigkeiten sind es, die für das Mädchen die grossen Fragen brennend machen: warum der Grossvater «alles Scheisse» findet und nicht nur sein Bein meint, sondern auch die «umgedrehten Nazis»; warum im Geschichtsunterricht immer nur die «Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln» an allem schuld sind und warum lieb gewonnene Freunde plötzlich in «den Westen» verschwinden.
Dabei bleibt Candide, je mehr sie heranwächst, Aussenseiterin. Ihr fehlt nicht nur der Vater, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt Selbstmord begangen hat, ihr fehlen auch die passenden Kleider, die Kenntnis der gängigen Schlager und später der Umgang mit Männern – und der Geschmack, «das Wissen, das richtige Gefühl, der richtige Wille», wie die bürgerlichen Professoren beklagen. Auf dem Reforminternat, der Erweiterten Oberschule und auf der Berliner Humboldt-Universität, wo das ungelenke, grosse Mädchen mit den kurzsichtigen Augen Anfang der sechziger Jahre Kunst und Germanistik studiert, überall fühlt sich die künftige Kunsterzieherin nicht dazugehörig, fehlt es ihr an der nötigen Anpassungsbereitschaft, obwohl oder gerade weil sie das Vermächtnis der «anders roten Fahne» nicht aufgeben will. Als weiblicher Schwejk lässt sie ihre Schüler «das Rot im Leben der Arbeiterklasse» suchen – nach Ideen «der progressiven Künstler im kapitalistischen Lager».
Erst in der künstlerischen Subkultur Berlins findet die junge Frau eine Anschlussstelle an das Erbe ihres Vaters. Der Kontakt mit den Künstlerfreunden entfremdet sie zunehmend dem DDR-Staat, der nur nach «steifen Massen» misst und baut bis hin zur Mauer. Der Widerwille gegen Uniformen einerseits und gegen den «Westsachenwahn» andererseits macht Candide heimatlos, selbst die «erhöhten Gespräche über den wahren Zusammenhang über Kunst und Revolution», die sie mit dem haltlosen Malerfreund Hans führt, weisen keinen wirklichen Ausweg.

Retrospektive Verklärung?

Die Illusion der «anders roten Fahne» nicht aufgegeben zu haben, bleibt der Stachel im Fleisch der realsozialistischen Anpassergesellschaft. Doch – und hier wird dieser zweifellos feinsinnige und poetische, an der jeweiligen Erkenntnisfähigkeit des Mädchens ausgemessene Rückblick zum Problem – bergen auch Bethkes Erinnerungen an ihre thüringische Kindheit und Jugend und ihre wechselvollen Jahre in Berlin die Gefahr retrospektiver Verklärung. In der verkleinerten, mimetischen Perspektive des Kindes gerät aus dem Blick, dass die «grosse» Politik, gepaart mit dem alltäglichen Opportunismus, existenzielle, mitunter tödliche Folgen hatte und sich nicht überall eine «Müllertochter» wie Candide fand, die ihren Maler-Hans rettete.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WOZ]

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