Die Anatomie des Erwachens von Eleanor Catton, 2010, ArcheDie Anatomie des Erwachens.
Roman von Eleanor Catton (2010,
Arche - Übertragung Barbara Schaden).
Besprechung von Maren Schürmann in der WAZ, vom 9.4.2010:

Ein Gedankenspiel - und ein kluger Roman über Missbrauch
Als Eleanor Catton ihren ersten Roman schrieb, war ihr das Ausmaß der Missbrauchsfälle, die nun mehr und mehr an die Öffentlichkeit gelangen, noch nicht bekannt. Doch genau um diese Problematik dreht sich das Debüt der Neuseeländerin „Die Anatomie des Erwachens“: Missbrauch.

Eine Schülerin hat ein Verhältnis mit ihrem Lehrer. Von Missbrauch spricht der Schulpsychologe. Die Eltern fragen : Was hat der Lehrer getan? Die Mädchen überlegen: Was hat sie gemacht? Dabei lässt Eleanor Catton in ihrem Roman „Die Anatomie des Erwachens“ die Frage offen, ob es Missbrauch war oder ein erster vorsichtiger Liebesschritt – oder gar beides?

Der Autorin geht es vielmehr um die Reaktionen der Öffentlichkeit, um die Hilflosigkeit der Erwachsenen, um die Angst der gut behüteten Schülerinnen. Wozu auch die Furcht zählt, etwas Wichtiges zu verpassen. Denn mit der nun gezündeten Fantasie bekommen sie einen Vorgeschmack davon, was Sex sein könnte.

Saxophonspiel als Ausdruck des Gedankenspiels

Die Autorin verfolgt dabei zwei Erzählstränge, die sie nach und nach zu einem verwebt: Zum einen beschreibt sie die Schülerinnen, die sich ihrer Saxophonlehrerin anvertrauen. Wobei das „schmutzige, verschwitzte oder harte“ Saxophonspiel ein Ausdruck des Gedankenspiels wird. Die Lehrerin dazu: „Das Saxophon ist das Kokain in der Familie der Holzbläser.“

Zum anderen erzählt Catton von der benachbarten Schauspielschule, in der die Studenten die Affäre als Bühnenstück aufführen möchten. Noch mehr Mutmaßungen über das Verhältnis kommen dabei an die Oberfläche, die viel mit den Studenten und ihren Schicksalen und wenig mit der Realität zu tun haben.

Das Unausweichliche

Eleanor Catton zeigt dabei, was für eine gute Erzählerin sie ist. Mit Zeitsprüngen und unterschiedlichen Erzählperspektiven verwirrt sie nicht. Im Gegenteil: Sie gibt dadurch dem Leser mehr Wissen über das Unausweichliche, bevor es ihre Figuren nur erahnen.

Zudem ist sie eine kluge Beobachterin mit fast erschreckend gutem Röntgenblick, die sich in die Menschen einfühlt, ihre komplexe Psyche erfasst – und sie dann vorführt. Entlarvend, in einem oft sarkastischen Ton.

Antworten auf die aktuelle Tragödie liefert das Buch zwar kaum. Aber die Autorin lässt die Saxophonlehrerin nach einem Konzert einmal sagen: „Bei einer mittelmäßigen Darbietung denkt man nur daran, was . . .  man am nächsten Morgen anziehen wird. Aber bei einem wirklich großartigen Konzert kommen einem Dinge in den Sinn, die man früher niemals zu denken gewagt hätte.“ Das Wort „Konzert“ ließe sich hier gut durch das Wort „Buch“ ersetzen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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