Die Analphabetin, die rechnen konnte.
Roman von Jonas Jonasson (2013, carl’s books - Übertragung Wibke Kuhn).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger Nachrichten vom 19.11.2013:

Gott hat vermutlich viel Humor
Jonas Jonasson legt seinen zweiten, vergnüglichen Roman vor

Mit "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" hat Jonas Jonasson die Leser begeistert. Der zweite Roman von Jonas Jonasson, „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, könnte wieder ein Mega-Bestseller werden.

Mehr als zwei Millionen Bücher wurden von Jonas Jonassons Debüt „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ allein in Deutschland verkauft. Der Roman des 1961 geborenen Schweden ist in 23 Sprachen übersetzt worden, es gibt Hörbücher und Theaterversionen. Derzeit wird das Buch verfilmt, der Streifen kommt im März 2014 in die Kinos. Denn das Bedürfnis nach guter Unterhaltung, mit Witz gewürzt, ist weltweit enorm.

Nun erscheint Jonassons zweiter Roman. Die gleiche Masche, eine nochmals gesteigerte Turbulenz, ein ganz anderes Thema. Das Buch wird garantiert Millionen Leser finden.

Mit fünf Jahren wird Nombeko im südafrikanischen Soweto, dem größten Slum der Erde, Latrinenarbeiterin. Mit zehn ist sie Waise, weil ihre Mutter zu viel betäubende Lösungsmittel einnahm. Mit 15 kommt sie unter Autoräder und überlebt knapp. Mit 25 kann sich Nombeko zum ersten Mal satt essen. Da kann die Hochbegabte lesen, schreiben und rechnen. Sie durchbricht ihr Schicksal, in Not zu leben und früh zu sterben wie die Mutter. Die pfiffige Nombeko weiß mehr aus ihrem Leben zu machen. Viel mehr.

Jonasson ist ein Meister der akrobatischen Burleske. Nichts darf man ernstnehmen an diesem Buch, außer seiner Botschaft, dass es ungewöhnliche Menschen gibt, die Außergewöhnliches zu leisten imstande sind. Das wird nicht pastoral vermittelt, sondern als 450 Seiten langer Ulk, zuweilen auch überzogen.

Frisch, frech und kokett ist der Roman geschrieben, mit überraschenden Wendungen in der Handlung und keinen allzu tiefen Seelenbetrachtungen seiner Protagonisten. Sie erklären sich durch ihr Tun.

Da traut sich ein Autor, über die Langstrecke die Fantasie walten und immer wieder mal über jedes Maß hinausschießen zu lassen. Ohne Kopfgeschwurbel und Tiefenanalyse, sondern strikt am optimalen Vergnügen orientiert. Wer von der Literatur Lebensberatung erwartet, findet sie hier nicht. Wer lachen will über serielle Pointen, seltsame Erlebnisse und gut dosierten Spott über die Politik und die derzeit so gefürchteten Geheimdienste, für den ist das Buch ein Volltreffer.

Nombeko ist eine Sympathieträgerin. Sie rackert, wird mit 14 Chefin der Latrinenreiniger und lernt den seltsamen Thabo kennen, der Diamanten in seinen Zahnlücken verbirgt.

Als Thabo Opfer eines Raubmords wird, fallen ihr die Diamanten zu. Sie verlässt den Slum aus Bildungshunger. Als sie bei einem einfältigen Ingenieur Putzfrau wird und ihm beim Bau nuklearer Sprengköpfe hilft, weil sie klüger ist als er, ist ihr Schicksal vorgezeichnet.

Ein Bombenproblem

Da kommen Weltmächte ins Spiel, Israels Geheimdienst Mossad, Amerikaner, Chinesen und zuletzt das neutrale Schweden, in das Nombeko fliehen muss, als es gefährlich für sie wird. Zuvor hat sie noch eine Bombe außer Landes gebracht. Sie lernt Holger kennen, ihre große Liebe, muss aber das Bombenproblem lösen, denn alle sind bis in die skandinavische Provinz der Atomkraft hinterher. In einem irren Showdown werden Schwedens König und Ministerpräsident mit hineingerissen. „Im Krieg, in der Liebe und in der Politik war schließlich alles erlaubt“, kommentiert der Autor.

Jonas Jonasson setzt sich mit dem Fundamentalismus in allen seinen Erscheinungsformen auseinander. Er hat eine Heldin geschaffen, die immer durchkommt, weil sie sich aus ihrer misslichen Lage herauswindet und gleich die Welt noch mitrettet. Erzähleinfälle und die Lust am Fabulieren zeichnen den Autor aus.

Nebenbei ist das Buch eine sehr sachkundige Darstellung der Geschichte des letzten Jahrhunderts bis in unsere Zeit hinein. Es handelt von Respekt und Gerechtigkeit für Menschen, doch das würde Jonasson nie sachlich formulieren. Lieber schreibt er im Blick auf die Weltgeschichte: „Wenn es doch Gott geben sollte, hat er wahrscheinlich Humor.“

Die vollständige Besprechung inkl. Abb. von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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