Die amerikanische Katze von Barbara Bongartz, 2001, Klett-Cotta1.) - 2.)

Die amerikanische Katze.
Roman von Barbara Bongartz (2001, Klett-Cotta).
Besprechung von Uwe Pralle aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Sphinxblicke, Andeutungsdschungel
Barbara Bongartzs ambitionierter Roman "Die amerikanische Katze"

Die USA sind schon immer das Land der großen Verheißung gewesen, den Ballast alter Geschichten hinter sich lassen zu können. Doch wer solchen Geschichten so zu entkommen sucht, kann nicht sicher sein, ihnen dann nicht plötzlich in noch viel unheimlicheren Halluzinationen wieder zu begegnen. Auch die Hauptfigur des Romans Die amerikanische Katze, wie Barbara Bongartz in den 60er Jahren in Deutschland aufgewachsen, leidet an dem Gefühl, in ihren Problemen festzustecken. "Amerika war das Land, mit dem sich immer schon meine Hoffnung, meine Sehnsucht, mein Entkommen aus der Dunkelheit verband", lässt Barbara Bongartz sie auf den ersten Seiten des Romans sagen.

Zu dieser Zeit - im Juni 1998 - ist Barona Busch, Schriftstellerin und Erzählerin des Romans, gerade in New York angekommen, in der "Stadt der Städte" oder (noch eine Nummer größer) der "Hauptstadt der Welt". Sie hat sich bei ihren Freunden George und Maxim in Manhattan einquartiert. Während die beiden verreist sind, soll sie deren Katze versorgen und für George außerdem "die Tradition und Geschichte der Frauenhotels in Manhattan" recherchieren.

Barona Busch ist die ebenso überraschende wie pragmatisch begründete Einladung sehr willkommen, weil ein "traumatischer Winter" hinter ihr liegt. Von seinen düsteren Schatten mag sie hoffen, in der Sommerhitze von New York erlöst zu werden. Doch schon als sie sich kurz nach ihrer Ankunft einmal im Spiegel betrachtet, befallen sie Zweifel, ob sich die große Verheißung der transatlantischen Flucht für sie erfüllen wird: "Ich sah mir an, dass ich geflohen war. Irgend etwas, irgend jemand reiste mit."

Motive für ihre Flucht nach New York hat die Erzählerin einige, von denen manche sehr verständlich, andere rätselhaft sind. Dass sie Abstand von einer Krise ihrer Ehe sucht, die auch durch ihre 91-jährige Schwiegermutter ausgelöst ist, gehört zu den verständlicheren Fluchtgründen. Darüber hinaus hat sie sich mit ihrem Literaturagenten überworfen, der an ihrem letzten Buch kein gutes Haar gelassen hat, einem Wälzer mit dem Titel Die Melancholie des Vergeblichen.

Merkwürdiger ist allerdings schon, dass sie, nachdem sie die Publikation so tapfer erkämpft hat, "die öffentliche Reaktion" fürchtet. Als Schriftstellerin ist sie offenbar ein gebranntes Kind. "Man hatte mir schon einmal nachgesagt, ich sei das Produkt fremder Geister, meine Notate ausschließlich den Einflüsterungen fremder Stimmen zu verdanken, sämtliche meiner Worte Zitate. Da meine Herkunft dunkel ist, ist es schwer, all dieses zu widerlegen."

Der gefürchtete Vorwurf, ihr fehle die eigene Stimme, würde neben ihrer literarischen Auffassung wohl auch einen anderen empfindlichen Punkt ihrer Existenz treffen: Sie ist bei Zieheltern aufgewachsen und hat ihre Herkunft nie klären können. Um so seltsamer ist es deshalb, dass sie von dieser Herkunft andererseits gar nicht so viel wissen zu wollen scheint. Als ihr im Winter ein gewisser Stroheim mit Telefonanrufen nachzustellen begann und sich als Verwandter vorstellte, der ihr alles offenbaren werde, reagierte sie mit panischer Ablehnung. Nicht zuletzt auch vor ihm ist sie nach New York geflohen, um sich dort nicht mehr mit ihrer konfusen Seelen- und Familienlage herumplagen zu müssen, sondern höchstens mit der Hitze, den Eigenwilligkeiten der amerikanischen Katze sowie den "ehemals noblen Herbergen für höhere Töchter und Damen besserer Kreise".

Das Gefühl, dass jemand oder etwas mitgereist sei, erweist sich als zutreffend. Bei ihren Recherchen in den oft längst zu tristen Pensionen verblichenen Frauenhotels, wo alte Damen den Abglanz ihres einstigen Ruhms in der mondänen Welt kultivieren, stößt die Erzählerin immer wieder auf den Namen dieses Stroheim. Wie das Menetekel eines ungeklärten Verbrechens leuchtet er auf, wo immer sie hinkommt, und niemand gibt mehr als rätselhafte Andeutungen, was es mit dem Magnaten Stroheim und seiner Familie auf sich hat.

Im wohlsituierten 21. Bezirk von Manhattan, wo Bettler und Stadtstreicher eigentlich nicht geduldet werden, trifft sie schließlich auf die Bettlerin Estelle. Ihre Geschichte ist nicht etwa nur mit den Stroheims und ihren ebenso reichen Rivalen, den Schwabs, durch ein Verbrechen verflochten, sondern Barona Busch auch aus einer in ihrer Kindheit kursierenden Erzählung geläufig.

Dass sich in diesem Roman die Geflechte ihrer deutschen Misere noch einmal durch den New Yorker Sommer ziehen, ist offensichtlich. Einen Teil davon löst die Erzählerin, bevor sie am Ende nach Deutschland zurückkehrt und ihre Geschichte des Sommers erzählt, recht pragmatisch auf. Etwa durch eine sehr schnörkellose Affaire mit einem jüngeren Mann, die ihr später offenbar erleichtert, sich von ihrem Mann zu trennen. Dass dieser Roman darüber hinaus auch eine - zuweilen recht fremdenführerhafte - Hommage an New York gibt, ist ebenso offensichtlich.

Das Dilemma dieses Romans liegt vor allem in den Rätselspielen mit der halluzinativen Präsenz, die auf der Projektionsfläche dieses New Yorker Sommers die seltsamen Figuren und Scherben ihrer ungeklärten Herkunft - und eines wackligen Selbstbewusstseins - gewinnen. Sicher, wer eigenen Geschichten zu entkommen versucht, begegnet ihnen leicht in verwandelter Form wieder. In dieser Hinsicht sind die Bettlerin Estelle mit ihrer Stück für Stück durchleuchteten Familiengeschichte, aber auch der ominöse Stroheim, dem sie zum Schluss sogar leibhaftig begegnet, auch Gestalten ihrer eigenen Fragen.

Doch vor allem der Gestus der Verrätselung und Mehrdeutigkeit, den Barbara Bongartz erzählerisch bevorzugt, bekommt diesem Roman nicht allzu gut. Ihn erzeugt nicht so sehr die Fülle von Zitaten aus Literatur und Film, Zeitungen, Philosophie und Literaturwissenschaft, die in den Text montiert und in einem Literaturverzeichnis nachgewiesen ist. Allerdings stellt sich die Frage, ob das mehr als nur Ornamente von Belesenheit sind. Viel schwerer wiegt, dass mit Barona Buschs New-York-Visite nicht nur vom "Entkommen" aus einer existenziellen Dunkelheit erzählt wird, sondern auf eine jederzeit zu spürende, aber recht opake Weise eine Parabel über den Ursprung des Erzählens aus dem Chaos von Konfusion und fremden Stimmen eingefügt ist. So ambitioniert diese Parabel auch sein mag: Letztlich starrt sie mit katzenhaften Sphinxblick aus dem Dschungel von Andeutungen dieses Romans, und es ist zweifelhaft, ob auch für Leser gilt, was die Erzählerin einmal für sich reklamiert: "Es ist angenehmer, mit den Rätseln als mit der klaren Wirklichkeit umzugehen."

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Die amerikanische Katze von Barbara Bongartz, 2001, Klett-Cotta2.)

Die amerikanische Katze.
Roman von Barbara Bongartz (2001, Klett-Cotta).
Besprechung von Claudia Kramatschek in der Wochenzeitung, Zürich, 21.6.2001:

Zwei verwandte Bücher, zwei Dokumente weiblicher Selbstermächtigung: Eleonore Frey und Barbara Bongartz lassen ihre Protagonistinnen in Übersee die eigene Stimme wiedererlangen.

Übersee sprich Amerika – dies galt Europa immer schon als glimmernde Chiffre der Erlösung am Horizont der Sehnsucht nach einem besseren, zumindest neuen Leben. Auch Dora Blum und Barona Busch, die beiden Reisenden in den Romanen von Eleonore Frey und Barbara Bongartz, sind beseelt von der Verheissung des amerikanischen «Anderswo». Doch als sich ihr Traum verwirklichen lässt, geschieht dies nicht allein aus der Flucht heraus vor den Schreckgespenstern beider Vergangenheit. Beiden Frauen gerät der Übergang ins imaginierte Paradies zur Desillusionierung – und Heilung zugleich.
«Ich möchte sie zumalen, zuschütten, zum Verschwinden bringen», dies gesteht Dora zu Beginn ihres «Berichts aus Übersee» von jener Zeit, die wie ein dunkles Loch aus ihrer Erinnerung herausgeschnitten ist und in der doch zugleich jener «Vorfall» sich ereignet hat, der Ende und Anfang ihres Lebens war: das Ende einer weiblichen Reise in die eigene Finsternis und der Anfang, aus dieser herauszutreten, da sie der Einladung einer Freundin nach Amerika folgt. Dort lebt sie nun in bescheidener Schlichtheit, arbeitet am Art Institute – und malt das Vergessen mit jenen zarten Strichen und Flecken, die die frühen, grossflächigen Blumenbilder abgelöst haben. Doch dann erreicht sie ein Brief aus der Heimat, von Franz, einem Kinder- und Jugendfreund, der früh ihre Sehnsucht nach Amerika mit seinen Erzählungen geweckt hat und selber dem Reisen vor einer Anstellung als Arzt den Vorzug gab. Befragt nach den wahren Motiven ihres Weggangs und dem Hergang des ominösen «Vorfalls», wird Dora in einem langen Brief Antwort geben: ihrem «Bericht», in dem sie so offen wie ungeschützt dem Freund und somit sich selbst Zeugnis ablegt.

Leben im «als-ob»

Es ist die Geschichte einer so stetigen wie unausweichlichen weiblichen Auslöschung, das Entgleiten des eigenen Lebens von einer, die nur jene Nichtexistenz vollenden wird, die ihr Platz von Kind auf war. Denn so vergittert, wie das Fenster jener Kammer, die ihr die Mutter zuweist, wird Dora auch das eigene Leben: ein Leben im «Als-ob». Alle Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter gilt dem Bruder, der früh verstorben ist und an dessen Grab sie Dora jeden Monat führt. Doch wer am Rande steht, wird eine gute Beobachterin. Und bald ahnt Dora, dass sich auch die Wahrheit der Familie – ihr Bruder lebt, ist aber wegen einer Behinderung aus dem Haus gegeben worden – «hinter Gittern» befindet: verborgen unter den Geschichten, die man ihr erzählt. Und sie lernt zugleich, dass nicht zu fragen die Sache der Tochter, ja der Frauen ist. – Eine fatale Lektion und zugleich die Einübung in jenen Fatalismus, mit dem sie fortan den Gang der Dinge hinnehmen wird. Verlust überschreibt dies Leben, und allein die Kunst wird Doras Sprache, um im Zeichnen «die Spur des Tages festhalten» zu können. Wen wundert, dass die Liebe ihr Verhängnis wird. Denn David, eine so flüchtige wie schattenhafte Existenz wie Dora selbst, verlässt sie nur einen Tag nach ihrer Heirat – und das für immer, spurlos, wortlos.
Wie da eine allmählich zum «Es» wird, «Überfluss und Mangel», nur noch hohle Erwartung und voller Leere zugleich ist, wie alles zerfällt; die Sprache und damit auch die Wirklichkeit, so dass es schlussendlich logisch ist, dies Leben wortwörtlich aus dem Fenster zu werfen und den Wahn der Wirklichkeit vorzuziehen. Leonore Frey, deren Prosa zumeist vom Verlust der Gewissheiten handelt, rekapituliert es mit erstaunlicher Nüchternheit, distanziert und doch eindringlich zugleich, da ihre Stimme, Doras Stimme, allein dem tastenden Faden der Worte sich anvertraut, um mit ihnen Lichtkegel in das Dunkel der Erinnerung zu werfen. Denn mag noch so sehr von Entwurzelung und Selbstverlust die Rede sein: «Aus Übersee. Ein Bericht» ist doch vor allem auch eins – das Dokument einer weiblichen Selbstermächtigung, die Wiedererlangung der eigenen Stimme im Spiegel der Schrift sprich der Kunst. «Übersee war rundum», vergegenwärtigt Dora am Ende ihres Briefs und ahnt, dass ihr nunmehr alle Wege offen stehen, wohin auch immer sie gehen mag.

Poetik in Praxis

Auch Barona Busch wird, im Land ihrer Sehnsucht angelangt, bald erahnen, dass Übersee nur ein anderer Name ist für ihr Begehren, woanders, nicht im eigenen Leben, verhaftet zu sein. Und auch sie flieht, in die Hitze eines New Yorker Sommers, da sie fürchtet, wegen der Anrufe eines ihr unbekannten Stroheims in Deutschland wahnsinnig zu werden. Doch die Flucht erweist sich als vergebliche Flucht nach vorne. Denn was sie hinter sich zu lassen trachtet, ereilt sie erst recht in New York, wo sie die Wohnung samt Katze eines befreundeten Paares hütet. Tatsächlich erzählt Bongartz, die in Deutschland mit ihren bisherigen (beim Berliner Galrev-Verlag erschienenen) Büchern bis dato eher als Geheimtipp galt, eine so rätselhafte wie trickreiche Geschichte, in der es von Wiedergängern und Vexierbildern nur so wimmelt und in der sich Vergangenheit und Gegenwart beständig ineinander spiegeln. Denn drei Geschichten, drei Lebenswege weiblicher Existenz sind es, die Bongartz miteinander verquickt und in gegenseitiger Erhellung korrespondieren lässt: Stösst doch Barona – auf der Suche nach sich selbst, da ihre Ehe zu scheitern droht und sie selbst «verdächtig», da von ungesicherter Herkunft ist – während ihrer Recherche in New York über die dortigen, legendären Frauenhotels, ein Gegendienst für die freie Logis, auf eine Obdachlose namens Estelle, die behauptet, jene Annabelle Schwab zu sein, deren Schicksal Baronas Ziehfamilie ihr stets als warnendes Beispiel mit auf den weiblichen Lebensweg gab ...
Tatsächlich erzählt Bongartz eine Geschichte des weiblichen Ungehorsams, eine Geschichte von unerhörten, da ungehörigen Frauen – wie jener Annabelle, die sich am Anfang des letzten Jahrhunderts «nicht an die vorgegebenen Regeln hält» und die persönliche Freiheit der Ehe vorzieht, die ihre Eltern für sie standesgemäss arrangierten. Dass der Preis für die Freiheit der Untergang der Frau sein wird – dies ist die offizielle Lesart, die dem kleinen Mädchen namens Barona eingeflüstert wird: Es ist eine jener leisen, aber beharrlichen Stimmen, aus denen sich noch die Geschichte einer jeden, ja eines jeden Geschlechts für gewöhnlich speist: Gelesenes, Gehörtes, so ununterscheidbar wie das Flickwerk der Identität aus Fremdem und Eigenem. Doch Bongartz, deren eigener Text ein Rätselraten vieler Zitate ist, wendet die Not zur Tugend: Was als warnende Stimme gedacht war, weist Barona den Weg, den Widerspruch selbst zur eigenen Stimme zu erheben – auch und vor allem als die eines spezifisch weiblichen Erzählens.
Denn als Schreibende ist Barona Busch das Alter Ego der Autorin selbst, die in diesem Buch eine Poetik in der Praxis vermittelt. Wie Barona, deren Agent ihr verschlungenes Erzählen kritisiert, verwirrt auch Bongartz ihre Leserschaft mit einer mal opulenten Ausmalung der Details, mal einer sprunghaften Auslassung, mal mit Fantastik, mal mit nüchterner Reflexion. Was sie erzählt, liest sich über lange Strecken wie der beständige Aufschub des Eigentlichen und hält doch fest, indem es irritiert. Es ist das Ornament, dem Bongartz literarisch huldigt und das sie in Kraft setzt als «Zeichen der Existenz von Verhältnissen, die selbst nicht sichtbar sind». Geschlechterverhältnisse? Machtverhältnisse? All das jedenfalls, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf – wie jene weibliche Freiheit, der Mut, der eigenen Stimme zu vertrauen, dem Bongartz mit ihrem Roman Ausdruck verleiht. Nur scheinbar ist Barona, als sie New York so unverrichtet verlässt, wie der Roman endet, mit ihrer Suche nicht vorangekommen. Was sie mitnimmt im Gepäck aus Übersee, ist das Wissen, «dass es nicht um die Geschichte, sondern um das Erzählen geht. Um die Stimme.» So begibt sie sich, wie Dora Blum, damit erst wirklich auf die Reise: Richtung Terra incognita, wo die Anstiftung zum weiblichen Ungehorsam die eigentliche Verheissung ist.

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