Die Ameisenzählung von Daniel Glattauer, 2001, Deuticke1.) - 2.)

Die Ameisenzählung.
Kommentare zum österreichischen Alltag von Daniel Glattauer (2001, Deuticke).
Besprechung von Günter Traxler aus Der Standard, Wien vom 23.9.2001:

Es ist zwar noch nicht kollektivvertraglich abgesichert, aber dennoch eine längst unverzichtbar gewordene soziale, weil dem geistigen und seelischen Wohlbefinden zuträgliche Errungenschaft: die Umrahmung der Arbeitswoche durch dag. Montags und freitags ist ihm auf Seite 1 des STANDARD eine kleine literarische Parzelle zugewiesen, und was macht er daraus? Elysäische Felder der Raunzerei über österreichische Zustände zu Lande, zu Wirtshaus und in der Luft. Nein, sagen wir nicht Raunzerei - nichts zwingt uns, ästhetischen Einschätzungen aufgebrachter Gastronomen zu folgen. Sagen wir lieber: landeskundliche Betrachtungen, deren stilistische Explosivkraft jene engen Grenzen nicht selten zu sprengen droht, die ihnen ein unerbittliches Layout zieht. Aber bei elysäisch bleibt's.

Daniel Glattauer kennt sein Volk, begnadet für das Schöne; er macht kein Hehl daraus - was mutig ist, und er lässt es uns auch spüren - was auf Übermut schließen lässt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er damit auf Seite 1 einer pädagogischen Sendung folgt, der er sich in seiner auf strenge Objektivität abgestellten Gerichtssaalberichterstattung im Blattinneren enthält. Leider ist festzustellen, dass er mit seinem Appell an das Gute im Österreicher weit weniger Erfolg hat als mit dem an den Geschmack seiner Leser: Die lassen sich seine Kolumne auf der Zunge zergehen.

Nicht so - um im Bezirk der Gaumenfreuden zu bleiben und ein schon angedeutetes Beispiel aufzunehmen - die Gastwirte, nebst dem Kleinhandel. Wüsste man nicht, dass Daniel Glattauer gelegentlich auf dem Gericht weilen muss, weil er danach gelegentlich auch in der Redaktion weilt, um das dort Erlebte ins Blatt zu heben, man müsste annehmen, er kommt aus den Wirtshäusern dieses Landes niemals an die frische Luft, so reich - und leidvoll - sind seine Erfahrungen mit dieser Branche.

Ob es nun der herrliche Toast Hawaii ist, dieser gastronomische Triumph ostalpiner Kreativität, oder der Zigeunerspieß, Küchenbeispiel unserer ethnischen Unvoreingenommenheit, ob es um Bolognese geht oder um Schnaps vom Haus, ihm passt einfach gar nichts. Und wenn man sich schon bemüht, es ihm recht zu machen, indem man die Herausgabe der Ware vorbeugend verweigert, bricht er gleich eine mehrteilige Serie "Hamma net" vom Zaun, mit der er die heimische Wirtschaft in die Rezession, sich selber aber in die Herzen einer teilnehmenden Konsumentenschaft schreibt.

Und er wächst sich zum Staatsfeind Nummer 1 aus, wenn er nicht nur das Wesen heimischer Gastronomie im Allgemeinen umreißt, sondern das Rückgrat der heimischen Wirtschaft brechen will (dass es sich jemals biegen lassen wird, kann er doch nicht annehmen): den Fremdenverkehr. Natürlich ist dort alles tipptopp und einzig und allein auf das Wohl des Gastes ausgerichtet. Aber wenn dag sonst nichts auszusetzen hat, dann untergräbt er die Branche, indem er die Konsumenten vor dem "Wirtskonjunktiv" schützen will. Der Wirtskonjunktiv ist jener Sprachmodus, mit dem eine liebevolle Gastronomie dem Gast nahe zu bringen versucht, dass seine Existenz, so lange sie währt, zwischen "Hamma" und "Hamma net" oszilliert. Oder wie Glattauer es formuliert: "Im gastronomischen Konjunktiv steckt entweder Absage oder Gönnertum." Eine Art philosophischer Lebenshilfe, für die man sich gern auch etwas teurer unterbringen und verpflegen lassen soll, ohne daraus besondere Ansprüche abzuleiten.
Jeder andere wäre dafür dankbar - aber nur, weil es ihm an Glattauers feinem Ohr für die unphilosophischen Zwischentöne gebricht. Jetzt, in der Blüte seines Lebens kann sich dag das noch leisten. Aber wo man ihm in vorgerücktem Alter dereinst Speis, Trank und vielleicht gar für eine Urlaubsweile ein Dach über dem Kopf bieten wird, daran denkt er - doch! Da wird er auf einmal ganz klein und äußert unter dem Titel "Lustig essen für Senioren" seine Hoffnung für das Jahr 2050: "Wie wär 's schlicht mit ,kleinen Portionen' für Menschen jedes Alters, denen große Portionen zu groß sind? Rüstige 90-Jährige würden sich dabei mündiger vorkommen." Dafür sind ihm die Wirte auf einmal gerade recht, aber er wird dereinst, wenn er so weiter macht, nicht lustig essen, sondern schön schauen. Hoffentlich macht er weiter.

Wenn Glattauer den Gastwirten eine Freude machen will, dann schreibt er über das Wetter. Er ist ein unerbittlicher Gegner des Wirkens welcher Jahreszeit auch immer. Wenn er über den Jännerfrust schreibt, dann wissen die Gastronomen erst, wie gut sie davonkommen. Das Wetter an sich stellt sich ihm als "Tragödie" dar, und da wir jeden Tag Wetter, also Tragödie, ham, kann man erst erahnen, warum er so fleißig über "Hamma net" schreibt: Es ist ein Schrei aus tiefer Seelennot.

Also im Sommer ist es ihm zu heiß, außerdem ist es die Saison der Sommergrippe, im Winter ist es ihm zu finster, November sowieso ganz schlimm, da muss er daran denken, wie Landeshauptleute alte Fichten schlachten und der Wiener Bürgermeister dem Baumfrevel auf dem Rathausplatz Vorschub leistet. Und wenn er ein "Frühlingsgefühl" verspürt und zu Papier bringt, sollten sich Leserinnen und Leser, die zu Depressionen neigen, therapeutisch des STANDARD-Angebotes "Softstorno" erinnern.
Das tun sie aber ebenso wenig wie alle anderen, denn so wie manche an der Nadel, hängen sie an dag, der nun nicht nur die Woche mit einem Mondag und einem Freidag würzt, sondern viele Dage mit seinem neuen Buch, das natürlich nicht nur von Wetter und Wirten, sondern auch von vielem anderen handelt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

Leseprobe I Buchbestellung 1001 LYRIKwelt © Der Standard

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Die Ameisenzählung von Daniel Glattauer, 2001, Deuticke2.)

Die Ameisenzählung.
Kommentare zum österreichischen Alltag von Daniel Glattauer (2001, Deuticke).
Besprechung von Gerald Schmickl aus Rezensionen-online *LuK*:

Buchdeckel statt Reißwolf / Über den Trend Zu Glossen-Bücher //

Solch einen Publikumsandrang hatte das Wiener Literaturhaus schon lange nicht mehr zu verzeichnen wie im Dezember vergangenen Jahres, als ein »Abend der Kolumnisten« veranstaltet wurde. Gut 150 Leute strömten in den wenig attraktiven Souterrainsaal in der Zieglergasse, als dort Zeitungsautoren aus ihren jeweils zu Büchern gebundenen Glossen lasen: Daniel Glattauer (»dag«, »Standard«), Klaus Nüchtern (»Nüchtern betrachtet«, »Falter«), Günter Traxler (»Blattsalat«, »Standard«), Thomas Maurer (»Medien-Manege«, »Kurier«) und Angelika Hager (»Polly Adler«, »Kurier-Freizeit«), die sich freilich durch eine Schauspielerin vertreten ließ. Über drei Stunden dauerte der kurzweilige Lesereigen – und wäre es nach dem kolossal erheiterten Publikum gegangen, hätte es ruhig noch eine Zeitlang weitergehen können.

In dieser Zusammenballung war das Ereignis zwar (bisher) einmalig, aber es verdeutlichte nur einen Trend, der schon seit einigen Jahren zu beobachten ist. Glossen werden zu Büchern – und somit zu Literatur: Aus dem Gefüge ihres periodischen Erscheinens genommen und über den Tag hinaus »gerettet«, entsteht aus Kolumnen eine Art Kurzprosa, die einen gewissen poetischen Mehrwert besitzt, der sich am literarischen Markt behaupten kann. Zu den oben Genannten, von denen die meisten im letzten Herbst ihre Glossen als Bücher auflegten, traten zuletzt auch noch »Profil«-Chefredakteur Christian Seiler mit seinen »Barolo«-Geschichten (aus der »Kurier-Freizeit«) und schon die Jahre zuvor Herbert Hufnagl (»Kurier«), Peter Vujica (»Standard«) – und die beiden Großmeister des Metiers, der Schweizer Martin Suter (»Business Class« in der »Weltwoche« und »Richtig leben mit Geri Weibel« im »NZZ-Folio«) und der Deutsche Axel Hacke (»Das Beste aus meinem Leben« im Magazin der »SZ«).

Von dieser Wiederverwertung profitieren die Autoren, die Verlage und die Leser gleichermaßen. Die Autoren kommen auf recht billige Art und Weise zu eigenen Büchern – und damit zu einer kleinen Aufwertung. Denn trotz allgemeiner Marginalisierung des kulturellen Wertes von Büchern (was hauptsächlich der absurden Überproduktion von Büchern selbst verdankt ist, weniger der gerne behaupteten Konkurrenz anderer Medien wie Fernsehen oder Internet) ist und bleibt das Gebundene doch mit einer Restaura von Kultiviertheit und Dauerhaftigkeit versehen. Etwas, wonach sich Journalisten, geschlagen mit berufsimmanenter Vergänglichkeit von Gedrucktem, besonders sehnen. Denn üblicher Weise gilt für ihre Erzeugnisse, so bemüht sie auch über das Erscheinungsdatum hinaus konzipiert sein mögen, was der Kulturphilosoph George Steiner als Art ehernes Gesetz formuliert hat: »Das Äußerste an Schönheit oder Schrecken kommt in den Reißwolf, wenn der Tag sich neigt.« Zwischen Buchdeckeln kann es solcherart etwas länger in Zirkulation verbleiben.

Die Verlage nehmen Glossisten vor allem deswegen gerne ins Programm, weil diese Autoren bereits einen Namen haben, eine Art vorgefertigte Marke sind, mit der am Markt der Aufmerksamkeiten leichter zu reüssieren ist als mit unbekannten Schriftstellern, die sich buchstäblich erst einen Namen machen müssen. Dieses Prinzip der Prominenz und Popularität zeitigt freilich auch bizarre Blüten, wenn man betrachtet, wer da aller die letzten Jahre zu Buchehren gekommen ist: von Chris Lohner über Hannes Kartnig, Karin Resetarits bis zum »Wazinger« aus »Taxi Orange« reicht die Liste jener, die – wenn sie schon überall sonst nicht viel zu sagen haben – das wenigstens auch noch in Büchern tun müssen.

Kolumnisten können wenigstens schreiben. Außerdem stehen hinter ihnen die jeweiligen Zeitungen und Medienunternehmen, die für Verlage wiederum für Gegengeschäfte interessant sind. Die Werbung für die Glossenbücher muß nicht auf Umwegen betrieben werden, die Autoren werben für sich selbst. Und das klappt auch: Daniel Glattauers »Ameisenzählung«, die seine konzis-witzigen »dag«-Glossen versammelt, ist neben dem »Schwarzbuch Markenfirmen« die erfolgreichste Veröffentlichung des Deuticke-Verlages aus dem letzten Halbjahr. Und Lesungen des »Standard«-Autors, die er zuletzt österreichweit abhielt, waren stets gerammelt voll.

Das zeigt, daß auch die Leser dieses Angebot gerne annehmen. Anstatt Woche für Woche – oder gar Tag für Tag – Glossen aus der Zeitung auszuschneiden und in privaten Sammelmappen vergilben zu lassen, bekommen sie die Tagespoesie in Monats- oder Jahresrationen in der gleichermaßen bewährten wie kanonisierten Form eines kollektiven Druckwerkes. Vermutlich finden Leser darin mehr Unterhaltendes, Satirisch-Bedenkliches oder auch sie betreffend Alltägliches als in einem Großteil der heutigen Unterhaltungsliteratur, die – weil sie so offenkundig auf den Markt hin geschrieben ist – oft genau an diesem vorbeigeht. Damit ist natürlich schon so etwas wie ein Konkurrenzverhältnis zum angestammten, genuinen Bereich der Literatur gegeben. Was freilich kein neues Phänomen ist. »Der künftige Dichter und Philosoph wird über das Laufbrett der Journalistik kommen! Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß unsere Journalisten immer besser und unsere Dichter immer schlechter werden?« heißt es gewagt prophetisch in Musils »Mann ohne Eigenschaften« (geäußert von Paul Arnheim, Ulrichs intellektuellem Konterpart), also bereits 1930, dem Erscheinungsjahr des Mammutwerkes. Derart generalisiert wird man es wohl nicht konstatieren können, was einem seit diesen Tagen aufgefallen ist (eher schon vielleicht, daß beide gleichermaßen schlechter geworden sind), aber zweifellos besteht ein gewisses Verdrängungsverhältnis zwischen diesen beiden Agenten des Wortes, auch wenn man wiederum nicht so weit gehen muß wie Peter Turrini, der – ausgerechnet im »Standard« – von einer »natürlichen Feindschaft« zwischen Dichtern und Journalisten sprach. Demnach sei der journalistische Blick auf die Welt »ein völlig anderer als der dichterische. Der journalistische ist in der Regel hastig und oberflächlich, folglich wird das, was herauskommt, immer kürzer und nichtssagender.«

Auch wenn diese Einschätzung – gerade in Österreich – zweifellos auf viele journalistische Produkte zutrifft, ist sie doch in ihrem ihrerseits verkürzten und oberflächlichen Blick letztlich jenes Klischee, das sie zu entlarven trachtet. Denn gerade die Kritik am journalistischen Blick und vor allem daran, wo er wie hinschaut, kommt vorzugsweise aus dem Journalismus selbst. Günter Traxlers »Blattsalat« ist ein Paradebeispiel jener institutionalisierten Kritik, die pointiert die Verfehlungen des in Österreich konzernbedingt geradezu auf Verfehlungen hin angelegten Pressewesens mittels simpler Zitierung kenntlich macht. Oder Thomas Maurers »Medien-Manege«, die auf fast ökologische Weise mit ihrer satirischen Schärfe und Persiflage einen Ausgleich zu den Unsäglichkeiten der Kleinformate und Buntblätter schafft. Mir will scheinen, daß gerade dieser Medienkritik in Buchform eine gesichertere Position und Plausibilität zufällt, als wenn sie aus Blättern herauskommt, die zu den kritisierten im (meist ungleichen) Wettbewerb stehen, was die Kritik ein wenig kalkuliert erscheinen läßt und somit indirekt abschwächt.

In strenger kulturkritischer Lesart könnte man natürlich bekritteln, daß diese Form der Häppchen-Literatur, wie sie die Glossenbände offerieren, allzu eilfertig dem Bedürfnis nach allgemeiner Zerstreuung entgegenkommt. Aber erstens werden nach wie vor auch Bücher, die auf Dichte(r) und Konzentration setzen, geschrieben, verlegt, gekauft und sogar gelesen (etwa Robert Menasses Roman »Vertreibung aus der Hölle«, der seit Monaten auf den Bestsellerlisten steht) – und wenn zweitens Menschen drei Stunden lang, wie im Beispiel eingangs erwähnt, kurzen Texten mit Hingabe lauschen, zeigt alleine die Bereitschaft, sich dem so lange auszusetzen (und es auszusitzen), eine gegenteilige Tendenz, nämlich zu Ausdauer und Konzentration.

Natürlich kommen derart ansprechende Kurztexte wie die Glossen von Daniel Glattauer, Klaus Nüchtern und erst recht jene des Profikabarettisten Thomas Maurer öffentlich besonders zur Geltung, sind aufgrund ihrer Pointiertheit und des rhetorischen Duktus für Lesungen besser geeignet als die meisten Romanausschnitte oder Erzählungen, mit denen sich Dichter vor Publikum abmühen. Deshalb changieren diese Glossen-Lesungen (die auch Herbert Hufnagl mit seinen »Kurier-Kopfstücken« seit Jahren erfolgreich absolviert) oft zwischen Cabaret und Pop-Events. Während in Deutschland mit großem Pomp und manch enervierend aufgesetzter Attitüde eine eigene »Pop-Literatur« künstlich geschaffen werden mußte, die sich dann entsprechend auf (Lese-)Tourneen in Szene setzt (wie beispielsweise Benjamin von Stuckrad-Barre), ist diese Art von Textkonzert und Showlesung in Österreich gemächlicher, fast natürlicher gewachsen – und buchstäblich hausgemacht.

Manchmal werden aus Kolumnisten auch »echte« Buchautoren. Daniel Glattauer etwa hat nicht nur seine Glossen (auch jene aus den Gerichtssälen) gesammelt und verlegt, sondern auch einen Roman geschrieben (»Der Weihnachtshund«) – und der nächste ist bereits in Vorbereitung. Auch Armin Thurnher hat seine Analysen österreichischer Zustände von seiner wöchentlichen »Falter«-Glosse (»Seinesgleichen geschieht«) auf zwei geistreiche Bücher ausgeweitet. Und der Schweizer Martin Suter ist als Romanautor bei Diogenes (»Small World« und »Die dunkle Seite des Mondes«, dieser Tage erscheint »Ein perfekter Freund«) längst so erfolgreich wie als Kolumnist. Fehlt nur noch der ultimative Roman über das österreichische Post(un)wesen von Herbert Hufnagl. »Aufgeben und verlegen« wäre vielleicht ein passender Titel…

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