Die alte Dichterin, die Literatur und die Kunst.
Roman von Ruth Aspöck (2016, Löcker).
Besprechung von Helmut Schönauer , 19.10.2016:

Die alte Dichterin
Einer Dichterin verzeiht man in unserer ewig jungen Konsumkultur vielleicht noch am ehesten, dass sie alt wird. Die Leserschaft erwartet sich von ihr eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Literaturbetrieb und Geschichten, die von Lebenserfahrung gespeist sind.

Ruth Aspöck geht ironisch ernst der Tatsache auf den Grund, dass Dichterinnen lange jung bleiben, wenn sie im literarischen Diskurs stehen, und gleichzeitig alt werden zusammen mit dem literarischen System, in dem sie verankert sind. Für ihre poetische Analyse eines Schriftstellerinnenlebens wählt sie eine gewisse Elizabeth Schwarz als ausgelagertes Ich.

Angespornt von der Erkenntnis, dass das Leben jetzt verlässlich im Herbst angekommen ist, stellt sich die Protagonistin immer wieder die Frage, was wird bleiben? Diese Frage ist deshalb so quälend, weil sich das ganze Leben in der Schriftstellerei gegen den Zeitgeist stemmt und durch Literatur ja etwas Zusätzliches abgeliefert wird als bloß eine Dienstleistung.

Um die Stationen Theater im Zentrum und in der Peripherie, Studium, Journalismus, Feminismus und Schreibarbeit herum lagert die Heldin ihre Aufzeichnungen ab, stellt das damals Geschriebene mit dem weiteren Lebenslauf in Verbindung und kommt zu dem Ergebnis, dass viel Aufwand umsonst gewesen ist, dass viele Überlegungen in Sackgassen geführt haben und dass dieses Abtasten nach hellen Gedankengängen nie ein Ende haben wird.

Manchmal werden diese Erkenntnisse zu plastischen Szenarien, wenn etwa die engelsgleich verehrte Jelinek keine Namen kennt und alles als Einwegkommunikation auffasst, wenn Theaterstücke als Alltag ausgerichtet sind und den nächsten Tag nicht erleben, wenn sich alle noch schnell aufmachen in das nächstbeste Archiv, um den Vorlass zu deponieren in der Hoffnung, dass jemand freiwillig die abgelieferten Kisten in die Unsterblichkeit rettet.

Elizabeth Schwarz ist mit ihrem vagen Kummer der Vergänglichkeit nicht allein, sie holt sich zwei Zeitzeugen an Bord, die sie ein Leben lang beeindruckt haben. Einmal ist es Jean-Paul Sartre, der die politische Literatur eines halben Jahrhunderts so geprägt hat, dass Studenten-Delegationen während kubanischer Ernteeinsätze das Orangen-Klauben einstellen, um über Kunst zu diskutieren. Der andere ist Andreas Okopenko, der mit dem Lexikon-Roman ein eigens Universum geschaffen hat, um dem Zeitgeist zu entsteigen.

Von beiden ist nichts mehr zuhören, auch von den Theaterstücken der letzten Jahrzehnte nicht, auch ein kleiner Verlag hat nichts Unsterbliches bewirkt. Gegen Ende der Überlegungen packt die alte Dichterin ihre letzten Bücher ein und verlässt das Haus am Waldesrand, das sie sich nie hat leisten können. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man durch Schreiben letztlich mehr verdient, als man zum bloßen Überleben braucht.

Ruth Aspöck erzählt diese eingetrübten Bilder vom Altwerden in einer unaufgeregten jungen Form, indem sie die manchmal aufkeimende Verdrossenheit klug auf viele Fallbeispiele verteilt. Seltsam abgeklärt spricht sie vom Feuer, das man in der Literatur mit bloßen Händen fassen muss, das aber letztlich nicht versengt, weil das literarische Feuer Körpertemperatur hat. – Eine melancholisch ausgeklügelte Erzählung vom Altwerden in der Literatur.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 1216 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Helmuth Schönauer