Die alltägliche Physik des Unglücks von Marisha Pessl, 2007, S. FischerDie alltägliche Physik des Unglücks.
Roman von Marisha Pessl (2007, S. Fischer - Übertragung Adelheid Zöfel).
Besprechung von Ulrich Sonnenschein in der Frankfurter Rundschau, 25.4.2007:

Prüfe mich, ich bin keine Streberin

Es ist naiv zu glauben, dass Literatur die Welt erklären könnte. Wer sagt denn, dass sie überhaupt schon entdeckt ist? Eine logische Konsequenz daraus ist die momentane Hinwendung zum Phantastischen, zu einer Literatur, die ihre Erkenntnisse aus dem Immerschon bezieht und mit der Vermischung von Märchen und Mythen nicht erst seit der Verfilmung von Tolkiens Herr der Ringe große Erfolge feiert. Diesem gegenwartsabgewandten Genre steht eine Literatur gegenüber, die nicht minder phantastisch ist, sich jedoch darauf versteift, Zusammenhänge zu finden, Verbindungen zu schaffen und wenn schon nicht das Ganze, so zumindest einen Teil der Welt zu erklären. Und naiv ist diese Literatur, für die Autoren wie Jonathan Safran Foer, Dave Eggers oder Benjamin Kunkel einstehen, beileibe nicht. Marisha Pessl, 1977 geboren ist eine von ihnen, und doch ganz anders.

Ihr überbordendes Debüt Die alltägliche Physik des Unglücks ist ein Roman der alles will und überraschenderweise sehr viel davon schafft. Vordergründig ist es erstmal ein typisch amerikanischer College-Roman, eine Coming of Age-Geschichte in der halbklassischen Vater-Tochter Beziehung. Dann wird nach über 400 Seiten plötzlich ein Thriller daraus, dann der Roman einer Verschwörung und schließlich der einer Befreiung. Und ganz nebenbei haben wir einen völlig undidaktischen Kurs in Sachen Weltliteratur durchlaufen. Literatur aus der man etwas lernen soll, ist oft nicht minder naiv wie die Welterklärungsmodelle, deshalb versucht Marisha Pessl beides nicht. Hier ist Bildung, und von der gibt es in Die alltägliche Physik des Unglücks mehr als in so manchen Lebenswerken, nicht Mittel der Erkenntnis, sondern der subtilen Ironie.

Man liegt grundfalsch, wenn man in Blue van Meer, die mit ihrem Vater von College zu College reist und semesterweise die Schule wechselt, ein Alter Ego von Marisha Pessl sehen will, ebenso, wenn man dieses Buch als Streberliteratur bezeichnet und meint, all dieses Wissen, all die historisch-literarischen Anspielungen seien voller Stolz ausgestellt und damit Teil eines Imponiergehabes wie der scharrende Fuß des Stiers. Marisha Pessl kokettiert nicht mit ihrem Wissen, sondern benutzt es als Strukturmittel, für einen Roman, der nicht ein Bild der Welt, sondern eine Welt für sich darstellt. Denn ein Roman, der mit einer "Lektüreliste" beginnt und mit einer veritablen "Abschlussprüfung" aufhört, will gerade damit nicht ernst genommen werden.

Tatsächlich sind die einzelnen Kapitel des Buches mit Werken der Weltliteratur überschrieben und beziehen sich auch auf diese. Doch nicht im Hinblick auf ein besseres Verständnis des Textes, sondern eher hintergründig humorvoll. Da ist zum Beispiel eine Reise nach Paris, die im Ritz endet, mit E.M. Forsters Zimmer mit Aussicht betitelt oder die erste pubertäre sexuelle Erfahrung mit de Sades Justine. Nicht immer findet man die Parallele, aber immer handelt es sich um ein großes Werk. Bis auf eins, Die nächtliche Verschwörung, das einzig im Roman entstanden ist und außerhalb gar nicht existiert. Und auch das hat seinen Grund. Literatur ist schon immer ein Ergebnis der Lektüre gewesen, dieses Buch legt es dar. Zumal die Autoren nur im Inhaltverzeichnis, nicht aber in den Kapitelüberschriften auftauchen. Die alltägliche Physik des Unglücks ist eben keine ausgestellte Hommage.

Vielmehr wird in Blue van Meer eine Figur gemalt, pastos und grob gezeichnet, die wie in den romantischen Kunstmärchen eine Idee verkörpert. Sie ist überbegabt und einsam, lebt nach dem Tod der Mutter, an die sie nur blassblaue Schmetterlinge in Holzrahmen erinnern, beim Vater, der ebenso wie sie eine Kunstfigur ist. Er ist die Sprache, die Literatur, das Medium ihrer Welt. Er liest und schreibt und sträubt sich davor, sesshaft zu werden. Er ist ebenso Historiker wie Politikwissenschaftler, ein Außenseiter des Betriebes, und als Bezugspunkt für seine Tochter allumfassend.

Anschein von Naivität

Frauen umkreisen ihn wie Junikäfer, doch nur wenige kommen ihm nah genug, um sich zu verbrennen. Das eine dann in einem Eifersuchtsanfall die mütterlichen Schmetterlinge zerstört, ist Pessls Version pubertärer Emanzipation. Die alltägliche Physik des Unglücks ist ein modernes romantisches Epos, das die Welt jedoch fest im Blick hat. Um diese Verbindung von Realitätssinn und Künstlichkeit zu untermauern, häuft Marisha Pessl nicht nur Zitate aus Geschichte, Religion und Wissenschaft übereinander, sondern belegt diese beständig mit Quellenangaben im Text, von denen ein Großteil erfunden ist. "Ich bin lange nicht so belesen wie Blue" hat sie einmal in einem Interview gesagt.

Dass der junge Mann, dem Blues Vater in Berlin bei einer Demonstration über den Weg läuft, viele Seiten später als Benno Ohnesorg entlarvt wird, dass die Lebenserzählung den Gesetzen der Physik gehorcht oder das Gefühl denen der Dramatisierung, schafft eine ungeheure Welthaltigkeit. "Versuche nie die Erzählstruktur der Geschichte eines anderen Menschen zu verändern" sagt Blues Vater an einer Stelle, "verwende Deine Energien auf deine eigene Geschichte, dann wirst du mit deinem Leben nichts geringeres schaffen als ein Epos." In der Tat. Das Kapitel, in dem dieser Satz steht, ist mit "Schöne neue Welt" überschrieben.

Die alltägliche Physik des Unglücks ist auch deshalb ein so erstaunliches Buch, weil es das Grenzenlose der Literatur widerspiegelt ohne dabei prätentiös oder anmaßend zu sein. Voller Humor und Selbstironie entfaltet sich ein Text, der seine Abhängigkeit von anderen Texten braucht, um authentisch zu wirken. Wir wissen inzwischen alle, dass die Welt noch nicht entdeckt ist, doch der aufklärerische Zweifel ist ein literarisches Motiv, das vor dem Anschein der Naivität schützt. Das zumindest hat sich Marisha Pessl zunutze gemacht. Und uns bleibt einzig weiterzulesen.

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