Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, 2005, SuhrkampDie Ästhetik des Widerstands.
Roman von Peter Weiss (2005)
Besprechung von Jürgen Weber:

“Nach Peter Weiss' eigenen Worten befasst sich die “Ästhetik des Widerstands” u.a. mit den Ausdrucksmitteln, mit denen sich die Erfahrungen der Benachteiligten und Erniedrigten gestalten lassen. Es geht ihm um die Rückgewinnung der Kultur für diejenigen, ohne die es keine Kultur gäbe, und die dennoch von ihr ausgeschlossen sind. Peter Weiss' Buch ist ein Lehrstueck eingreifender Erkenntnis, das sich nicht mit der Erkenntnis kultureller Vorgänge begnügen will. Als Schlüsselprozess dieser Wiederaneignung der Kultur bestimmt er die Individuierung, die Ausbildung einer persönlichen Stimme.”, so fasste Dr. Wolfgang Bialas seinen Vortrag zur "Ästhetik des Widerstands" auf der im Mai 2006 in Istanbul stattfindendenden Konferenz Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands – Annäherungen an einen „Jahrhundertroman“ zusammen. Die Uebersetzung vorliegenden Buches ins Tuerkische fand im Jahr zuvor statt und schon fanden sich genuegend auch tuerkische Wissenschaftler die sich zu dieser vom Goethe-Institut organisierten Konferenz in Istanbul zusammenfanden.

Çağlar Tanyeri, die mit Turgay Kurultay den Roman uebersetzte, ist in Istanbul geboren und hat ihre Doktorarbeit mit dem Titel “Verstehens- und Transferprozesse der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss” an der Istanbuler Universitaet geschrieben. “Die Diskussionen um den Roman fanden auch unter denjenigen statt, die für die Übersetzung İnteresse zeigten. Später erschienen in Zeitungen und Zeitschriften mit einem breiten Publikum Kritiken über die Übersetzung. Der Rezeptionsprozess dauert noch an. Sowohl die von Goethe İnstitut und Yapı Kredi Verlag gemeinsam veranstaltete Konferenz als auch weiter geplante Veranstaltungen sind Bestandteil dieses dynamischen Rezeptionsprozesses.”

Mediha Göbenli, geboren in Malatya, schreibt ueber Weiss’ Roman „Die Ästhetik des Widerstands“, dass er als “ästhetische und politische Bilanzziehung der vergangenen Erfahrungen und Erkenntnisse zur Erschließung und Auswertung der vergangenen Kämpfe bewertet warden” koenne. Sie vergleicht Vedat Türkalis Roman „Güven“ (Vertrauen) mit Peter Weiss: “So geht es Türkali und Weiss um die Herausbildung eines historischen Gedächtnisses, was im Falle von Weiss nicht nur über das Aufgreifen bzw. ans Tageslichtbringen von verdrängten Themen geschieht. Es ist hier insbesondere die Rolle von Kunstwerken, angefangen mit dem Pergamon-Altar, über die Weiss eine marxistische Geschichtsschreibung entwickelt und die ihm als ein Stück ‘Erinnern’ dienen. So setzen die Romanfiguren Kunst und Literatur als Erkenntnisinstrumente ein, um ihre Wahrnehmungen zu erweitern. Sie untersucht das Aufgreifen von geschichtlichen Themen in der „Ästhetik des Widerstands“ und in Türkalis’ „Güven“. Weiss’ und Türkalis’ Aufarbeitung von geschichtlichen Themen kann als ein Gegenentwurf zur offiziellen Geschichtsschreibung betrachtet werden, oder, wie es Benjamin ausdrückte, als ein Verfahren, um die Geschichte „gegen den Strich“ zu bürsten.

Dieses „gegen den Strich bürsten” Peter Weiss’ finden Sie auch in einer Rezeption von Beat Mazenauer. “Um sich das notwendige begriffliche und perzeptive Instrumentarium anzueignen, vertiefen sich in den ersten beiden Bänden der ‘Ästhetik des Widerstands’ das Roman-Ich, Coppi und Heilmann immer wieder in die Betrachtung von Kunst, um sie ihrer Bürgerlichkeit zu entreißen und ‘gegen den Strich’ aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus zu verstehen. Diese kulturpolitische, pädagogische Optik ist erst im dritten Band aufgegeben, wo der Faschismus offen zutage tritt. Mit der direkten Konfrontation erlahmt aber der optimistische Gestus der ersten beiden Bände, bis zuletzt sogar das über den Roman hinweg sorgsam aufgebaute kollektive ‘Wir’ verschwindet und das erst 30jährige Roman-Ich sich eingesteht, daß es den künftigen Sieg nicht mehr selbst erleben würde.” “(…)Es würde kein Kenntlicher kommen, den leeren Platz [von Herakles] zu füllen, sie müßten selber mächtig werden dieses einzigen Griffs, dieser weit ausholenden und schwingenden Bewegung, mit der sie den furchtbaren Druck, der auf ihnen lastete, endlich hinwegfegen könnten.”

“Die Befreiung kann uns nicht gegeben warden”, verkündet der Schriftsetzer Münzer in der “Ästhetik des Widerstands”, “wir müssen sie selbst erobern. Erobern wir sie nicht selbst, so bleibt sie für uns ohne Folgen.” (Peter Weiss) “Erst wenn der Mensch seine 'forces propres' als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“ (Karl Marx)

Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin (heute Potsdam) als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten ungarischer Herkunft und einer deutschen Schauspielerin, die bei Max Reinhardt spielte, geboren. Nach dem I. Weltkrieg wurde Weiss tschechischer Staatsbürger, ein Jahr spaeter nahm er in seiner Exilheimat Schweden die schwedische Staatsbürgerschaft an. 1939 musste seine Familie vor den nationalsozialistischen Ariergesetzen ins Ausland fliehen. Peter Weiss war aber nicht “nur” Schriftsteller, sondern auch Maler und Filmemacher. Der Malerei widmete er sich in den Dreissiger und Vierziger Jahren, dem Film mehr in den Fünfziger Jahren. Seine ersten Texte waren noch von Hermann Hesse inspiriert. (Etwa das im Exil erschienene “Från ö till ö”, “Von Insel zu Insel”) Surrealistisch inspirierte Prosa und Dramatik begleitete die filmischen Versuche - Experimentalfilme, Dokumentarfilme sowie ein Langspielfilm. In den Sechzigern erregte der bisher weitgehend unbekannte Weiss Aufsehen, als die Prosatexte “Abschied von den Eltern”, “Fluchtpunkt” und “Der Schatten des Körpers des Kutschers” erschienen. Danach erschienen die erfolgreichen Dramen “Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung von Herrn de Sade” und “Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen” über den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Peter Weiss formulierte in seinen “10 Arbeitspunkten eines Autors in der geteilten Welt” sein sozialistisches Credo zwischen Ost und West. Weitere Dramen bekräftigten den damit geschaffenen Weltruhm: ”Viet Nam-Diskurs”, “Trotzki im Exil”, “Hölderlin” und schliesslich “Der neue Prozess”.

Die letzten zehn Schaffensjahre widmete Weiss dem riesigen Romankonvolut “Die Ästhetik des Widerstands”, einer vielschichtigen Schilderung des antifaschistischen Widerstands, das hier in einer Neuauflage des Suhrkamp Verlages vorliegt. Diese Ausgabe folgt dem Text wie er 1975 (Band I), 1978 (Band II) und 1981 (Band III) in den Einzelbaenden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Peter Weiss arbeitete an der “Ästhetik des Widerstands”, einer Art “trilogischem Romanwerk über den kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus, über die Arbeiterbewegung und ihren widersprüchlichen, zerrissenen Verlauf von 1918 bis zum Ende von Krieg und Faschismus, ein Roman geschichtlicher Trauer- und Erinnerungsarbeit, der vor allem auch den Verbrechen des Stalinismus und ihren verheerenden Auswirkungen gilt” (Hans Hoeller), die letzten Jahre seines Lebens unermuedlich. “Aber dieser Roman ist zugleich eine Ästhetik des Widerstands, es gehört zum Schönsten, was je über Kunstwerke geschrieben wurde, mit dem Bewegendsten, was über den Widerstand zu schreiben war.”, wie Hans Hoeller in seiner Replik weiter ausfuehrt.

Am 10. Mai 1982 verstarb Peter Weiss in Stockholm, nachdem er Kafkas “Prozess” neu bearbeitet zu einer Auffuehrung gebracht hatte. Ueber den Jahrhundertroman “Die Ästhetik des Widerstands” spricht am besten der Roman selbst mit den Worten:

“Beim Einblick in unsere eigene Geschichte konnte manchmal scheinen, als seien wir immer die Unterlegenen gewesen, als habe sich nichts geaendert an den Gewalten, die uns gegenueberstanden, der Oktober dann aber war der Beweis dafuer, dass sich in all den Anlaeufen eine Kraft aufgespeichert hatte, die mehr Gewicht besass, als alles, was uns frueher gebunden hatte.”

Die in vorliegendem Buch von Peter Weiss besprochenen Bilder sind uebrigens auf einer eigens erstellten Homepage eines Fans des Buches zu besichtigen: http://www.kat.ch/bm/pw/asthetik.html

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter buchkritik.at]

Leseprobe I Buchbestellung I 0207 LYRIKwelt © Jürgen Weber