Die Ängstlichen.
Roman von Peter Henning (2009, Aufbau Verlag).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz in den Nürnberger Nachrichten vom 12.8.2009:

Peter Hennings neuer Roman "Die Ängstlichen"
Das spannende Familienepos erzählt von einer trügerischen Kleinbürgeridylle

Beklemmender Alltag in einem Roman über deutsche Gegenwart in einer Mittelstadt: In «Die Ängstlichen« thematisiert Peter Henning die Lebensangst.

Hand aufs Herz: Haben wir nicht alle unsere Ängste, wenn wir von der Furcht bedrängt werden, zu versagen oder wenn die Diagnose einer körperlichen Bedrohung einen Strich durch unsere Pläne macht. Jeden Tag setzen wir uns Ziele. Ständig drohen wir unterzugehen und zu scheitern.

Das beherrschende Thema von Peter Henning (50) in seinem großen Familienroman «Die Ängstlichen« ist die Lebensangst. Der Einzige, der furchtlos scheint, ist ein Schizophrener, der in der Psychiatrie lebt und nur ein Verlangen hat, aus der Anstalt auszubrechen und in die Stadt seiner Kindheit zu fliehen. Alle anderen Mitglieder der Familie kommen mit ihrem Leben nicht zurecht. Ihre Kleinbürgeridylle wird zerstört.

Ein Sprachmagier

Schon Martin Walser hat Hennings außergewöhnliche Sprachkunst gerühmt: «Wie die Sensation allein durch das Vermögen der Sprache entsteht, das muss jeden Leser freuen.« Eine Einschätzung, die den bisher vorliegenden Erzählungen gilt, für die Henning mehrfach ausgezeichnet worden ist. Er gilt als Sprachmagier unter den Erzählern seiner Generation.

In seinem lange erwarteten großen Roman schafft er einen mehrschichtigen Hintergrund. Zum einen ist es die Heimatstadt des Autors, Hanau, die als Schauplatz dient, zum anderen sind es aufziehende Unwetter, die über Taunus und Rhön mit sintflutartigen Regenfällen hereinbrechen. Der Sturm treibt auch die Familie Jansen vor sich her, zwingt sie auf engem Raum zusammen und nach der Entladung wieder zurück in ihre beklemmenden Einzelschicksale.

Von Hanau heißt es: «Die Brüder-Grimm-Stadt drohte an ihrer selbstgemachten Spießbürgerlichkeit genauso langsam und qualvoll zu ersticken wie die beiden Stechpalmen auf dem Fensterbrett der in die Jahre gekommenen Vorzimmerdame des Bürgermeisters.«

Stadtporträt von sarkastischer Genauigkeit

Die rigorose Stadtplanung hat die einst liebenswerte Mittelstadt kaputt gemacht. Die spürbare Gewitterstimmung wird durch die Kraft der Sprache gegenwärtig: «Spiralförmig wanden und drehten sich die Luftmassen über der Sechzigtausendseelenstadt und warfen die mitgeführten riesigen Wassermengen mit unerbittlicher Wucht über die in ein flackerndes Licht getauchten Häuser, Straßen und Plätze.« Allein schon die wortreiche Darstellung von Hanau in sarkastischer Genauigkeit könnte ein Buch füllen. Wäre da nicht noch eine weit ausholende Romanhandlung von drei Generationen einer getrennt lebenden Familie mit ihren Lebensläufen und Lebensängsten.

Johanna, die Patriarchin, hat sich mit 78 Jahren zum Umzug in ein Heim entschlossen. Bevor es dazu kommt, erhängt sie sich in ihrer Wohnung. Sie hatte zuletzt noch ihre Kinder Helmut und Ulrike mit dem Enkel Ben zu einem Fest eingeladen, das in erbitterter Streitsucht endet. Der selbstgefällige Tennislehrer Helmut macht seiner Mutter Vorwürfe, dass sie ohne seinen Rat ihre vertraute Umgebung verlassen will. Er hat soeben einen Eingriff zur Beseitigung eines Tumors glücklich überstanden. Schon ist er wieder obenauf.

Hang zum Widerspruch

Sein Sohn Ben ergreift Partei gegen den Vater, mit dem ihn der Hang zum Widerspruch verbindet. Ben ist Journalist wie übrigens auch sein Schöpfer Henning. Ihn tragen und begleiten die Sympathien des Autors. Johannas Tochter Ulrike hat ihren Karriere-Mann bei Seitensprüngen überrascht. Ihre Ehe zerbricht.

Die Szenen sind wie Filmschnitte aneinander gefügt. Der Leser hält den Atem an. Ihm wird bewusst, was auch ein Fazit von Henning sein könnte: «Der Mensch durchschreitet die Gegenwart mit verbundenen Augen und kann allenfalls erraten, was er gerade erlebt.« Alles scheint dem Zufall überlassen. Nichts ist planbar. Stürmisch geht es zu in der kleinen Stadt.

Peter Henning hat ein großes Buch geschaffen. Der Leser findet jede Menge Selbstbestätigung in den durchgespielten Figuren. Die kunstvolle Verflechtung des Geschehens in einer aufgeladenen Atmosphäre macht die Lektüre spannend bis zum bitteren Ende.

Die komplette Besprechung von Wolf Peter Schnetz mit Abb. unter Nürnberger Nachrichten

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