Die Abschaffung der Arten.
Roman von Dietmar Dath (2008, Suhrkamp).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 30.9.2008:

Menschen, Tiere, Evolutionen
Dietmar Dath packt in seinen Roman "Die Abschaffung der Arten", was ihm so einfällt.

Die Handlung in Dietmar Daths neuestem Roman klingt vertraut: Die Menschen haben die Herrschaft über die Erde verloren, nur wenige vegetieren noch. Hochintelligente Tiere, Gente genannt, sind ihnen gefolgt. Sie können sich mit Gerüchen verständigen, ihre Körper verändern und sich nach Belieben paaren. Ein Löwe ist ihr Oberhaupt. Doch die politischen und sozialen Zustände sind weder stabil noch ideal. Nicht nur gibt es die verelendeten Menschen und den Geschlechterkampf. Da kreiert im Regenwald des Amazonas auch noch eine künstliche Superintelligenz namens Katahomenleandraleal - dies ist nur einer der nervig eingesetzten Namen - eine neue Art von Lebewesen, die in den Krieg gegen die Gente ziehen. Diese emigrieren auf den Mond und nach weiteren Konflikten auf Mars und Venus. Und so reiht sich Generation an Generation, Buch an Buch.

Mit Rührbesen und Mixer geschrieben

Klingt, wie gesagt, vertraut: Die Verwendung traditioneller Gattungselemente sorgt dafür. Die Fabelliteratur, zum Beispiel. Und in der Tat sind Löwe, Wolf, Fuchs, Affe und Esel wichtige Handlungsträger. Auch die Utopie, sowohl in ihrer idealisierenden wie abschreckenden Variante, gehört dazu. Sie kritisiert die Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Welt und entwirft idealere, oft auch totalitäre Formen möglicher Institutionen. Vor allem aber ist es das Genre der Science Fiction , das die schriftstellerische Phantasie zu entfesseln vermag: Alles, was vorstellbar ist, logisch oder phantastisch, ist ihr Material.

Dath nutzt dies weidlich. Nicht mit Tinte und Feder oder dem Computer, sondern mit Mixer und Rührbesen scheint der Roman geschrieben. Schon was geradlinige Handlungsführung zu sein schien, ist nur Folge der verkürzenden Darstellung des Rezensenten. Daths Handlungsverlauf gleicht einer Hasenflucht: kein Haken, kein Sprung wird ausgelassen. Neue Figuren, Themen, Konflikte werden eingeführt, wann immer es dem Autor einfällt.

Und es fällt ihm oft viel ein: zur Evolutionstheorie, zur zyklischen oder apokalyptischen Geschichtsvorstellung, zu alten Mythen und neuen Maschinen, zur Mathematik, zur Musik sowohl Spezielles zu Mahler und Xenakis als auch spintisierend Allgemeines. All dies wird in Figuren verkörpert, in vielerlei Handlungen ausagiert. Es wird mit Zitaten - allen voran Shakespeare und die Bibel - bildungsstrotzend belegt. Oder auch in Sätze gegossen, die häufig rätselhaft, vage klingen. Wie dies auch das Ende tut, das wohl hoffnungsfroh nach Neubeginn schmecken soll, ohne dass der Handlungsverlauf anderes nahe legt als die Wiederkehr des (beinahe) Immergleichen. Was alles in den Möglichkeitswelten der Science Fiction seinen Platz haben mag. Weder sprachliche, noch thematische, noch Handlungsökonomie aber ist Sache dieses Autors. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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