Die Abenteuer des Joel Spazierer von Michael Köhlmeier, 2013, Hanser1.) - 2.)

Die Abenteuer des Joel Spazierer.
Roman von Michael Köhlmeier,
(2013, Hanser).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz in den Nürnberger Nachrichten vom 22.02.2013:

Übler Schelm, aber sympathisch
Michael Köhlmeiers grandioser Lügenroman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“

Michael Köhlmeier beschreibt in seinem fulminanten Roman „Joel Spazierer“ einen Großmeister in der Kunst der Lüge, die jedes Verbrechen heiligt.

Seit der „Blechtrommel“ von Günter Grass 1959 ist im deutschen Sprachraum kein vergleichbar sprachmächtiger und nonkonformer Roman mehr geschrieben worden wie „Die Abenteuer des Joel Spazierer“. Eine Auswahl der Werke von Michael Köhlmeier, der 1949 geboren wurde und als freier Schriftsteller und Musiker in Vorarlberg und in Wien lebt, präsentiert einen Autor, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens steht.

Zuletzt machte er durch „Abendland“ (2007) und „Madalyn“ (2010) auf sich aufmerksam, das sich nun als eine Art Einführung zu „Joel Spazierer“ erweist. Köhlmeiers Alter Ego, der Schriftsteller Sebastian Lukasser, erklärt dem Ich-Erzähler, wie man Geschichten schreibt. Die Kunst des Erzählens ist dabei untrennbar mit der Fähigkeit zur Lüge verknüpft. Der Religionslehrer und Pfarrer Rudolf Jungwirth doziert: „Wir besitzen die Lüge, damit wir frei entscheiden, wozu wir sie gebrauchen. Auch die Lüge kommt von Gott.“

Der Protagonist hatte bereits als Schüler mit der Lüge seine spätere Laufbahn als Hochstapler, Gauner, Fälscher, Spieler, Dieb und gewissenloser Mörder begonnen. Nachts war er in das Haus der reichen Familie eines Freundes eingestiegen, um sich Geld, für ihn das Wichtigste im Leben, zu beschaffen. Er wird von der Frau des Hauses beim Diebstahl überrascht: „Frau Lundin fragte mich, was denn in mich gefahren sei, ich sei doch kein Verbrecher. Ich sagte, ich wisse es nicht, riss ihr die Pistole aus der Hand und schoss ihr zweimal ins Gesicht.“

Der Junge mit dem Unschuldsgesicht eines Engels wird zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, aus dem er wegen vorbildlicher Führung nach acht Jahren entlassen wird. Die Freiheit beginnt mit einer neuen Identität. In einer zufällig aufgeschlagenen Zeitung wird von einem ranghohen österreichischen Politiker berichtet, der als Spion unter dem Decknamen „Spazierer“ enttarnt worden ist. Er will Spazierer heißen mit dem jüdischen Vornamen Joel, beschließt der Erzähler.

„Bin ich nur ein Monster?“

Durch Zufall kommt er mit dem Drogenhandel in Verbindung, wird Dealer mit Kundschaft aus den besten Kreisen und gerät immer tiefer in den Sog von absurden Verbrechen. Vor Gericht hatte der Staatsanwalt festgestellt: Er weise zu wenig Kennzeichen eines Menschen auf und dürfe somit nicht der Gemeinschaft der Menschen zugerechnet werden. Der Angeklagte fragt sich: „Vielleicht bin ich nur ein Monster.“ Geboren ist der Ich-Erzähler 1949 in Budapest. 1956 flieht seine Familie aus Ungarn. Österreich wird zur neuen Heimat. Der weitere Lebensweg führt auch in die DDR und reicht bis in die jüngste Vergangenheit.

Michael Köhlmeier entwickelt seine Erzählung, die er euphemistisch einen „Schelmenroman“ nennt, parallel zur Zeitgeschichte von Stalins Tod 1953 bis zum Ende der deutschen Teilung. Sein „Held“ ist immer auf der Flucht. In der DDR beantragt er politisches Asyl und gibt sich als Enkel von Ernst Thälmann aus. Dank seiner Hochstapelei wird er ordentlicher Professor für wissenschaftlichen Atheismus. Aller Gefühlskälte zum Trotz wird Janna, die Tochter der ermordeten Frau Lundin, seine Schutzbefohlene, der er am Ende verspricht, ihr seinen wahren Namen preiszugeben. Eine neue Lüge?

Ein dickes Bündel von unglaublichen Geschichten schnürt Köhlmeier und gestaltet sie so realitätsnah, dass der Leser bis zur letzten Seite mitgerissen wird. Je absurder und grotesker die Verbrechen sind, desto mehr wächst die erstaunliche Sympathie zu einem Unhold, der sich keiner Sünde bewusst ist. Als er sich einmal aus reiner Neugier zu einer Beichte entschließt, weiß er nicht, was er bereuen soll. Er erzählt einfach seine Lebensgeschichte und überlässt es dem Geistlichen, über Recht und Unrecht zu entscheiden.

Michael Köhlmeier erweist sich als Großmeister des schwarzen Humors. Mit „Joel Spazierer“ hat er sich selbst übertroffen und an die Spitze der zeitgenössischen Erzähler geschrieben. Sein neues Werk liest man mit entzücktem Grauen.

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Die Abenteuer des Joel Spazierer von Michael Köhlmeier, 2013, Hanser2.)

Die Abenteuer des Joel Spazierer.
Roman von Michael Köhlmeier,
(2013, Hanser).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 21.3.2013:

Michael Köhlmeier Der Schelm als Mörder
Michael Köhlmeier präsentiert im Frankfurter Literaturhaus seinen neuen Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“. Ein Buch, in dem das Verhältnis von Lüge, Wahrheit und literarischem Erzählen, intelligent und unterhaltsam durchgespielt wird.

Da gibt es die Geschichte des Mitschülers. Ein braver Bub, den man mögen musste. Eines Tages wähnte er die Familie eines Schulfreundes im Urlaub; der Junge verschaffte sich, warum auch immer, Zugang zum vermeintlich leer stehenden Haus. Die Mutter des Schulfreundes war nicht verreist und überraschte den Bub, woraufhin dieser die Frau mit deren Küchenschürze erwürgte. „Das war unvorstellbar“, sagt Michael Köhlmeier heute, „dass einer von uns so etwas tut.“

Dieser reale Vorfall bildet den Nukleus zu Köhlmeiers neuem Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, den der österreichische Schriftsteller im Literaturhaus Frankfurt im Gespräch mit der Literaturkritikerin Sandra Kegel vorstellte. Ein so facettenreiches wie mit rund 650 Seiten auch umfangreiches Buch, in dem Köhlmeiers Grundthema, das Verhältnis von Lüge, Wahrheit und literarischem Erzählen, auf das Intelligenteste und Unterhaltsamste durchgespielt wird. Man könnte den Held einen Schelm nennen, wäre er nicht ein mehrfacher Mörder. Joel Spazierer, 1949 in Ungarn geboren, erlebt die Wirren der Weltgeschichte als eine Odyssee durch Europa. Er ist ein nach außen hin charmanter, innerlich eiskalter Schwindler, frei von jeder Anfälligkeit für Ideologien. Man kommt nicht umhin, ihn zu mögen, das ist das Perfide an Köhlmeiers Kunst.

Viele seiner Figuren, so Köhlmeier, seien Lügner, um sich als Individuen unantastbar zu halten. Das moralische Gebot der Wahrheit habe schließlich viel mit Machtausübung zu tun. Und Köhlmeier hat eine absolut einleuchtende Strategie entwickelt, um seinen notorischen Schwindlern die Absolution zu erteilen: „Je umständlicher und ausschweifender einer erzählt, umso glaubwürdiger wird er.“

Wie das gemeint ist, demonstrierte Köhlmeier anhand einer unglaublich komischen Passage aus dem Roman, die auf den ersten Blick hanebüchen wirkt, in ihrer Detailfreudigkeit allerdings sämtliche Zweifel auflöst: Unter dem falschen Namen Ernst-Thälmann Koch siedelt sich Joel Spazierer als angeblich illegitimer Enkel des Volkshelden in den 70er-Jahren in der DDR an und wird Professor für wissenschaftlichen Atheismus an der Humboldt-Universität. Die Inhalte seiner Seminare sind so dünn (Gott mit unbestimmtem oder bestimmtem oder ganz ohne Artikel?) wie seine Präsentation glänzend ist. Er wird zum Kultstar, selbst Margot Honecker tätschelt ihm die Hand. Das erfüllt Köhlmeiers Credo: „Wenn du eine private Geschichte erzählst, erzählst du im besten Fall die Weltgeschichte mit.“

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