Die 27ste
Stadt.
Roman von Jonathan
Franzen (2003, Rowohlt - Übertragung Heinz Müller).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 8.10.2003:
Es ist egal. Vollkommen gleichgültig, ob St.
Louis nun die 27ste, die 28ste oder werweißwievielte in der Rangliste der größten
amerikanischen Städte ist, im Jahr 1984, in dem dieser erste, im Original 1988
erschienene Roman Jonathan Franzens spielt. Bestürzend ist allein, dass es egal
ist. Es schien, als wäre Martin Probst, der Bauunternehmer, glücklich
verheiratet, eine hübsche Tochter, die Inkarnation des amerikanischen Traums,
eine unbefleckte Seele, einer der weiß, was er will, und der das auch
verwirklicht, immer ohne Fehl und Tadel, ein Vorbild für die Bürger von St.
Louis, im mittleren Westen der USA, im Herzen des Landes.
Doch die Stadt verfällt. Einst war sie die viertgrößte, jetzt laufen ihr die
Einwohner davon, ziehen ins Umland, ins County, wo auch die reichen Familien
sitzen, die die Fäden ziehen, die bestimmen, was in der Stadt geschieht oder
nicht, wer was wird oder nicht. Und Martin Probst macht die Augen zu. Er, der
den "Arch" gebaut hat, das Wahrzeichen von St. Louis, das Tor zum
Westen, das Architektur gewordene Versprechen einer glorreichen Zukunft, nimmt
lange, allzu lange nicht zur Kenntnis, wie die Stadt im Filz von Korruption und
Immobilienspekulation allmählich erstickt. Nun muss nur noch er, der
Unbefleckte, zugrunde gerichtet werden. Damit die Leere dieser Gesellschaft
sichtbar wird, in Ronald Reagans Amerika von 1984, werden Probst und seine
Familie zerstört.
Insofern funktioniert der Roman wie eine Versuchsanordnung. Fehlte eigentlich
nur, dass das Buch endet mit "quod erat demonstrandum." Auch Franzens
zweiter Roman Strong Motion von 1992, dessen deutsche Übersetzung sicher
auch noch kommen wird, folgt dem katastrophischen, verschwörerischen Muster,
gebannt in den Fokus einer auseinander fallenden Familie. In Strong Motion
erschüttern Erdbeben die Vorstädte von Boston, in Die 27ste Stadt
inszeniert Susan Jammu mit fingierten Bombenattentaten, Finanz- und Abhörintrigen
eine Verschwörung, die sich letztlich als vollkommen sinn- weil ziellos
herausstellt, aber dennoch das Netz der hohlen Phrasen, das den schönen Schein
zusammenhielt, nach außen stülpt.
Die Spur der Verwüstungen zieht sich mitten durch die Familie Probst, mit einer
Intensität, als hätte sich Franzen mit Jammu eine Art Stellvertreterrachegeist
schaffen wollen. Jammu, eine in den USA geborene Inderin, verwandt mit der
ebenso mächtigen wie korruptionstrainierten Familie Indira Gandhis, ist,
nachdem sie den gleichen Job in Bombay überaus wirkungsvoll ausgeübt hat, die
neue Polizeichefin von St. Louis geworden. Kurz zuvor hat ihre ebenfalls aus
Indien stammende Freundin Asha den Besitzer der größten Brauerei von St. Louis
und Umgebung geheiratet. Mit allen Mitteln, mit Gewalt, Verunsicherung und Verführung
- der Massen und der Einzelnen - versuchen Asha und Jammu zuerst die Elite und
dann die gesamte Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen.
Eine vermeintliche terroristische Gruppe von Indianern, den Osaga-Kriegern, die
vor geraumer Zeit in dem Gebiet gelebt haben, das heute die Stadt St. Louis
bedeckt, verübt Attentate auf diverse öffentliche Einrichtungen. Doch schon
bald darauf ist in Franzens umfangreichen Debüt nicht mehr die Rede davon.
Nichts in diesem Buch will der, als er den Roman schreibt, Mittzwanziger
Jonathan Franzen, dem Zufall überlassen, alles soll etwas bedeuten und die groß
angelegte Verschwörung bis ins letzte kleine Rädchen sauber abschnurren.
Der Roman als Maschine der Sinnentleerung, die sicher gehen will, das dem Leser
am Ende auch wirklich alle Illusionen über die Stabilität gesellschaftlicher
Werte ausgetrieben sind. Von den Indianern ist nichts mehr zu hören, dafür
umso mehr von dem Netz indischer Helfer, die Jammu in allen erdenklichen
Funktionen einsetzt. "Indians" heißt es im Original und das kann eben
beides bedeuten. Ironie dieser Qualität federt allerdings nicht ab, was Franzen
mit großer Intensität an Verwicklungen, Figuren und Details auffährt, um den
Leser dann doch zu düpieren.
Das Unwahrscheinliche der Konstruktion - die Inderin als Polizeichefin in den
nun nicht wirklich aufgeklärten Reagan-Jahren -, die Frage, warum eine Handvoll
reicher Inder den Verlust von Millionen von Rupien und von Dutzenden von
Menschenleben in Kauf nimmt, um eine - wie der Titel des Romans besagt -
vergleichsweise unwichtige amerikanische Stadt politisch und wirtschaftlich in
den Würgegriff zu nehmen und dann ebenso plötzlich wieder zu verschwinden wie
sie aufgetaucht sind - all das fiele als Einwand nicht ins Gewicht, wenn nicht
Franzen die Verschwörung dazu benutzen würde, die Intensität seines
eigentlichen Anliegens zu camouflieren: die Zerstörung von Martin Probst und
seiner Familie. Er lässt Probst sich identifizieren mit der verfallenden Stadt
und kann sich doch aus dieser bloßen, weil leeren und folgenlosen Analogie
nicht befreien: "Geboren in der finstersten Phase der Depression, hatte er
sich in eine Art Licht emporgehangelt und -gestrampelt, indem er abriss und
platt walzte und baute, immer höher baute, den Gateway Arch, Vorhaben, wie sie
jugendlicher und einträglicher nicht sein konnten, das goldene Zeitalter des
Martin Probst. Innerlich jedoch war er krank, und auch die Stadt war in ihrem
Innern krank, an unverdautem Ehrgeiz würgend, zerrüttet von Lügen."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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