Die 101 wichtigsten Fragen. Goethe
Buch über Johann Wolfgang Goethe (2006, Beck, hrsg. von Gero von Wilpert)
Besprechung von Thilo Castner aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.03.2007:

Als der Weimarer Geheimrat starb, waren seine letzten Worte nicht, wie häufig behauptet worden ist, «Mehr Licht». Sein Sekretär Kräuter hörte vielmehr, dass Goethe um sein Nachtgeschirr bat, und der Naturwissenschaftler Soret vernahm: «Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen!» Beide standen im Nebenzimmer und lauschten.

Untersuchungen und Studien über das literarische und naturwissenschaftliche Werk des Weimarer Dichterfürsten sind schier unendlich. Was Gero von Wilpert, Verfasser eines monumentalen Goethe-Lexikons, jetzt vorgelegt hat, sind ausschließlich Fakten über Goethe als Privatmann mit guten und weniger guten Eigenschaften, zusammengefasst als Antworten zu 101 Fragen. Und dabei kommt allerhand Überraschendes und Witziges zu Tage.

Egoistisches Genie

Wilpert zeigt: Der Dichterfürst war zweifelsfrei ein Genie, jedoch kein Sachverständiger für Bildende Kunst, und auch sein Verhältnis zur Musik blieb «vorwiegend theoretisch». Seine Sammelleidenschaft - er hatte 18 000 Mineralien und Fossilien sowie 26 500 Kunstobjekte hinterlassen - war eklektisch und enthielt manches Belanglose. Goethe konnte Brillenträger nicht ausstehen, über jeden ausgegebenen Pfennig musste Buch geführt werden, Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion waren ihm ein Graus - er diktierte grundsätzlich ohne Punkt und Komma. Goethe wird zudem als recht knauserig und egoistisch geschildert. So erhielt Eckermann «kaum Lohn, gelegentlich Mittagstisch und Einladungen, Theater-Freikarten und später einen Doktortitel aus Jena».

Der Geheimrat selbst legte immensen Wert auf vornehme Kleidung und üppige Mahlzeiten. 20 Prozent des Einkommens wurden in teuren Wein angelegt, eine Flasche bereits mittags war die Regel. Die anfängliche Verachtung gegenüber dem Adel legte sich mit zunehmenden Alter. Als «Fürstenknecht» bezeichnet zu werden empfand er nicht als ehrenrührig. Er hasste Revolutionen, insbesondere die französische, bewunderte Napoleon und schmückte sich gern bei feierlichen Anlässen mit seinen zahlreichen Orden.

Frauen gegenüber blieb er lange gehemmt, Liebschaften waren zunächst rein platonisch. Erst während der Italienreise kam es im fortgeschrittenen Alter von 37 zu einer intimen Liebesbeziehung, und auch später hatte er neben Christiane Vulpius keinerlei erotische Kontakte.

Erstaunlich lang ist die Liste seiner Krankheiten. 1768/69 Blutsturz in Leipzig, 1801 Gehirnhautentzündung, 1805 schwere Nierenkoliken, 1823 Herzbeutelentzündung und Infarkt, 1832 Lungenentzündung, nach 1775 häufig Katarrh, Verdauungsbeschwerden, später Rheuma, Kopfschmerzen und Schwindelanfälle, Herz- und Kreislaufbeschwerden. Krankheiten, das wusste er wohl, sind nun mal «das größte irdische Übel».

Mensch mit Schwächen

Viele Goethe-Verehrer werden einige von Wilperts sorgfältig recherchierten Antworten auf die 101 Fragen als Sakrileg empfinden. Doch Goethe war nun mal ein Mensch mit Schwächen, die seine Biografen bisher nur allzu gern ignoriert oder verschwiegen haben. Wer wissen will, wie Goethe wirklich war, zu seinen Kindern und Enkeln, zu Freunden und Feinden, ob er rauchte, Bier trank, Humor besaß, schwimmen konnte oder Sport trieb, wird dieses Büchlein mit großem Gewinn lesen.

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