Dichter gibt es nur im Himmel.
Leben und Werk von Hans Leip (2002, Dölling und Galitz, hrsg. Rüdiger Schütt).
Besprechung von Matthias Wegner in Neue Zürcher Zeitung vom 15.6.2002:

Vor der Kaserne, vor dem grossen Tor
Hans Leip - Romantiker zwischen den Stühlen

Die ersten Zeilen eines seiner frühesten Gedichte sind fast sprichwörtlich geworden, aber der Name ihres Autors ist weitgehend vergessen. Hans Leip, der vergnügt-träumerische Dichter von des Meeres und der Liebe Wellen, gehörte zu den letzten Troubadouren einer inzwischen von Technik und Kommerz vereinnahmten Hafen- und Seefahrtsromantik. Man hat ihn einmal viel geliebt und viel gelesen, aber ein gewandelter Zeitgeist und die langen Schatten der Hitler-Jahre, nicht zuletzt auch die Grenzen des Talents haben seine Bücher wohl für immer aus den Regalen vertrieben.

Hans Leip, am 22. September 1893 in Hamburg-Hohenfelde geboren, musste militärische Erfahrungen schon im Ersten Weltkrieg sammeln und brauchte sich an Hitlers Feldzügen nicht mehr beteiligen. Dafür verhalf ihm ausgerechnet das Dritte Reich zum endgültigen Durchbruch. Hatte er sich bis dahin schon als unterhaltsamer Erzähler, begabter Lyriker und anmutiger Zeichner einen Namen gemacht, so riss ihn die Vertonung einer bereits ein Vierteljahrhundert zurückliegenden lyrischen Liebeserklärung mitten im Krieg auf eine Woge der Begeisterung, die nicht einmal an den Grenzen Nazideutschlands Halt machte. Das aber lag weniger am Text als an der volksliedhaft einschmeichelnden Musik eines ebenso begabten, aber in seiner politischen Verirrung höchst problematischen Komponisten.

Eine sorgfältige, mit vielen bisher unbekannten Briefen und Details versehene Biographie von Rüdiger Schütt hat jetzt den Vorhang vor einem Leben weit geöffnet, das bisher hinter Klischees verborgen war - und damit auf spannende Weise an einen literarischen «Fall» erinnert, der interessante Einzelheiten über das Verhältnis von Kunst und Politik unter den Bedingungen der Diktatur erzählt.

KAPRIZIÖSE ANFÄNGE

Leip stammte aus beengten Verhältnissen. Kaum hatte er, widerstrebend, den Beruf des Lehrers erlernt, musste er in den Ersten Weltkrieg ziehen. Wegen eines Sturzes von einer Behelfsbrücke währte der Kriegsdienst nicht lange. «Schwankend zwischen Weltschwärmerei und desillusionierender Welterkenntnis» (Schütt), kehrte er nach der Entlassung zu seinem ungeliebten Lehrerdasein zurück. Er heiratete eine Jugendfreundin, schrieb und zeichnete viel: Einige Gedichte wurden gedruckt, einige Bilder ausgestellt. Leip wollte im Mittelpunkt stehen und das Leben geniessen - dazu bedurfte es des Erfolges. Auf die künstlerische Arbeit begann sich das einschränkend auszuwirken: Er schrieb und zeichnete hastig, voller kapriziöser Einfälle. Die Zahl seiner Ehen und Trennungen, seiner Geliebten und rücksichtslosen Lebensfluchten begann zu wachsen. Er schrieb erste, an den Vorbildern der Grossstadt- und Seeräuberliteratur orientierte Romane («Der Pfuhl», 1923, «Godekes Knecht», 1925) und galt nicht nur literarischen Heroen wie Thomas Mann (der ihm einmal zu einem Preis verhalf) oder Hans Henny Jahnn als vielversprechendes Talent. Dabei war er ein Mann der Gegensätze. Er begeisterte sich für die Dadaisten, liebte die Aussenseiter - und suchte doch immer die gesellschaftliche Anerkennung. Er pflegte Freundschaften zu jüdischen Kollegen, setzte sich etwa couragiert für den von Antisemiten in Hannover verfolgten Theodor Lessing ein - und fand gute Freunde in «völkisch»-reaktionären Kreisen, er machte nicht einmal vor einem Ausflug zu den deutschnationalen Freikorps Halt. Er liebte die Bohème - und baute sich und seiner Familie ein bürgerliches Haus über der Elbe. Handlungsreiche Romane wie «Tinser» und «Der Nigger auf Scharhörn» fanden begeisterte Leser. Dem hoch aufragenden nordischen Freund der Frauen und des Segelns gelangen wunderschöne, poetisch verträumte Verse. Doch er blieb in seinen Aussagen kantenlos unverbindlich und flüchtete sich gerne in die Idyllik....Fortsetzung

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