Dichter an Hamburg von Andreas Greve, 2016, KJMDichter an Hamburg.
Reim-Reportagen von Andreas Greve (2016, KJM-Verlag, mit
Til Mette und Michel Löwenherz).
Besprechung von Hellmuth Opitz für die LYRIKwelt.de, 08/2016:

Solche Kerle braucht die Perle!
„Dichter an Hamburg“, eine gereimte Liebeserklärung an die Elbmetropole von Andreas Greve, Til Mette und Michel Löwenherz

„Hamburg, meine Perle“, diese Fußballhymne singt vor jedem Heimspiel des HSV der echte Hamburger Jung Lotto King Karl mit melancholischem Pathos. Heimatstadtliebe geht aber auch anders. Ganz anders. Mit einer rauen Hommage, die im Grunde keine seine will, einem fein gestalteten Augen- und Leseschmaus, kurz: einem Gesamtkunstwerk im Format 20 x 23,5 cm. Für dieses Kunstwerk haben sich drei zusammengetan, von denen zwei immerhin waschechte Hamburger sind: Da ist Andreas Greve, gebürtig aus dem Stadtteil Ottensen und nun in Altona lebend, ein Reimkünstler, der die markanten Märkte Hamburgs immer wieder mit seiner Librette heimsucht, einem Fahrrad, das gleichzeitig als Verkaufsstand für die Poesiebände Greves und als originelles Vehikel für Spontanlesungen des Meisters dient. Da ist zum anderen Michel Löwenherz, der aus dem gutbürgerlichen Eppendorf stammt und Ideengeber dieses Projektes ist, seine Gestaltung prägt diesen Band. Und zuguterletzt wäre da Til Mette, national bekannt als Karikaturist (z.B. im STERN), der hier aber mal seinem Affen Zucker geben und die Farben seiner Palette für opulente Bilder nutzen konnte. Er ist als einziger des Trios kein Hamburger, sondern Bielefelder, was aber insofern verzeihlich ist, als das die beiden Fußballvereine  - die Arminia und der HSV  - immerhin die gleichen Vereinsfarben, nämlich schwarzweißblau, im Wappen haben. Nun aber zu diesem Band. Um gleich mal Missverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich hier nicht um poetisch-künstlerisch verbrämte Tourismuswerbung für die Hauptstadt des Nordens, es ist kein Produkt hanseatischer Kreativwirtschaft und auch kein Projekt kulturellen Stadtmarketings. Gleichwohl ist es eine Liebeserklärung, aber, so die Autoren in einer Art Vorwort wohlweislich: „Wir leben gerne hier. Aber Liebe braucht nicht blind zu machen.“ So haben sich die drei Artisten mit offenen Augen auf den Weg durch Hamburg gemacht, haben fast jeden Stadtteil durchforstet und rempeln dabei auch Hamburger Wahrzeichen mit zärtlicher Respektlosigkeit an. Das Ergebnis sind bebilderte Reim-Reportagen, die es in sich haben. Da bekommt gleich zu Beginn die kommerzgeprägte Hamburger Innenstadt ihr Fett weg:

Wenn am Abend Kundenkaufrausch
Arbeitswut und Geldgier abebbt,
flutet Ödnis Hamburgs Altstadt,
während anderswo der Bär steppt.
Schade über alle Maßen!

Auch der neue Stolz Hamburgs, die aus dem Wasser gestampfte Hafencity, bekommt mit lyrischer Verve eins übergebraten:

Da, wo früher fremde Güter
Zünftig umgeschlagen wurden,
frönt man heute dem Absurden:
nagelneue Ladenhüter.

Eine Stadt will nicht erwachen.
Hafenflair, das war einmal.
Jetzt stehn hier am Windkanal
Bauten im Millionenfachen.

Nicht die Handschrift eines Gaudi
Prägt das überbaute Wasser,
denn es zeichnet als Verfasser
vielmehr Hamburgs Oberbaudi-
rektor Walter.
Jetzt mal ehrlich:
Geht’s noch, Alter?

Virtuos gereimt, möchte man meinen. Wie überhaupt Greve seine Reportagen poetisch meistert, verdient Hochachtung: Paarreim, Kreuzreim, umfassender Reim, alle Formen beherrscht er und das so unangestrengt, so mühelos, wie aus dem Handgelenk geschüttelt. Und wenn es ausnahmsweise mal kein Reim ist, dann eine metrisch perfekt getimte Aufzählung wie in „Hafenkante“. Der Reim ist allerdings der von Greve bevorzugte formale Kniff. Trotz phonetischen Gleichklangs dient er keineswegs der inhaltlichen Harmonisierung. Geradezu mit lakonischer Verachtung wird so etwa die Touristenfalle St. Pauli abgefrühstückt:

Fatal, fatal:
Selbst flach verflacht _
St. Pauli wurde trivial.
Na dann gut Nacht!
Vergnügungsviertel war einmal
- Vergnügungsachtel, maximal!

Abgesehen von dem hübschen rhetorischen Rausschmeißer zum Schluss sollte man hier auch auf die buchgestalterischen Feinheiten achten: Michel Löwenherz hat nahezu den ganzen Text in Rot gesetzt, ausgerechnet der Name des Rotlichtviertels St. Pauli bleibt aber schwarz. Da hat wohl schon der Letzte das Licht ausgemacht. Wie Poesie und Bild sich in diesem Band ergänzen, miteinander spielen und gegenseitig inspirieren, ist bemerkenswert. Keineswegs beschränken sich die Bilder von Til Mette nur darauf, das von Andreas Greve Gesagte nur zu illustrieren. Sie überspringen gern auch mal Seiten wie im Stück „Hafenrand“, wo zunächst eine Doppelseite komplett bebildert ist, der letzte Rest des Bildes  aber gemeinsam mit dem Text erst auf der nächsten Seite steht. So wird der Rand des Hafens auch visuell erfahrbar.

Anhand der hier aufgezeigten Beispiele könnte der unbefangene Leser vielleicht meinen, es handle sich bei den drei Künstlern lediglich um älter werdende Grantler, die früher alles besser fanden. Weit gefehlt. Im Unscheinbaren, in der Betonhässlichkeit eines zugepflasterten Viertels, entdecken sie oft Kleinode, die dann entsprechend besungen werden.   

Altona-Nord.

Von Blechlawinen zugesoßt.
Autos als Tort.
Das Viertel liegt verkehrsumtost.
Was für ein Ort!
Doch mittendrin gibt es dann Trost:
Versteckt im Karree
Das kleine Café
Eins zwei neun.
Scheun!

Der mittlerweile zum folkloristischen Klischee geronnene einstige Claim „Hamburg – das Tor zur Welt“ hingegen wird zum Abschluss sowohl poetisch als auch optisch noch mal ordentlich abgefeudelt. Neben einem Bild, dass das klassische Hamburger Stadtwappen quasi auf eine theatralische Bühne hebt, heißt es unter dem Titel „Eigentor“:

Hamburg nennt sich Tor zur Welt.
Dieses Wort ist gut gewählt,
wird mithin doch festgestellt,
dass man sich nicht zu ihr zählt.

Zum Schluss dem merkantilen kleinen Hanseaten-Karo, dem Pfeffersackigen och mal eins mitgeben, das hat den Rabaukencharme wahrer Liebe.  Deshalb hier zum Abschluss auch ein fast touristisch klingender Verkaufshinweis: „Dichter an Hamburg“ kann man nicht kommen -  ein fulminanter Band für Entdecker!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0613 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Hellmuth Opitz