Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten.
Buch von Hans Magnus Enzensberger (2004, Suhrkamp).
Besprechung von Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten vom 10.11.2004:

Man darf nicht alles immer so verbissen sehen
Einflussreicher Dichter und Denker: Der vielseitige Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger wird 75 Jahre jung

„Ich gehe nirgends hin. Keine Lesungen, keine Podiumsgespräche, keine Vorträge“, heißt es in einem neuen Text von Hans Magnus Enzensberger. Das sei doch alles Zeitverschwendung. „Aber wenn ich schon unter Leute gehe, dann am ehesten zu Freunden. Oder zu einer Frau. Die sogenannte Öffentlichkeit eignet sich eher fürs Fernsehen.“ In dem fiktiven Dialog drückt Enzensberger wohl auch sein eigenes Unbehagen am Kulturbetrieb aus, zu dessen treibenden Kräften er paradoxerweise seit fünf Jahrzehnten gehört.

Zur Zeit ist der Dichter und Denker ungewöhnlich oft in der Öffentlichkeit (auch im Fernsehen) präsent, denn in diesem Herbst rührt er die Werbetrommel für eine gute Sache beziehungsweise für ein lange verkanntes Genie: Völlig überraschend hat Enzensberger den Universalgelehrten Alexander von Humboldt (1769-1859) wieder auf die Tagesordnung gesetzt, weil er findet, dass Deutschland wieder andere Vorbilder braucht als zum Beispiel Daniel Kübelböck.

Die Humboldt-Kampagne

Drei klassische Schriften des weitgereisten Wissenschaftlers werden in einer clever inszenierten, konzertierten Aktion derzeit unters Lesevolk gebracht. Mit erstaunlichem Erfolg: Allein der Bildungsbrocken „Kosmos“, eine umfassende Bestandsaufnahme der Welt, ist innerhalb kürzester Zeit über 25 000 Mal verkauft worden, die dritte Auflage wird gedruckt.

Mit dieser Bildungskampagne hat sich der Herausgeber Hans Magnus Enzensberger das schönste Geburtstagsgeschenk wohl selbst gemacht. Am 11. November wird der junggebliebene Vor-, Nach- und Querdenker 75 Jahre alt. „Da kann man halt nichts machen“, wiegelt er Gratulanten ironisch ab. Lobreden und Ehrungen, von denen er jede Menge erhalten hat, sind ihm nach wie vor suspekt.

Der Mann ist einfach nicht zu fassen. Enzensberger, kurz und respektvoll HME genannt, zählt neben Günter Grass und Jürgen Habermas zu den international bekanntesten Intellektuellen Deutschlands. Verblüffend bleibt sein ungeheurer Arbeitseifer, sein Wissensdurst, seine Belesenheit und seine Vielseitigkeit. Bis zum heutigen Tag hat er sich eine jugendliche Neugier und Offenheit bewahrt, die ihn auf Trab und jung hält. HME ist in der Geisteswelt längst ein Markenname, er steht für eine hierzulande ungewöhnliche Kombination aus literarischem Ernst, intellektueller Brillanz und spielerischer Attitüde. Seine fast schon provozierende Botschaft lautet: Bildung macht Spaß! Der anklagende Ton von früher ist inzwischen heiterer Gelassenheit gewichen. Auch zornige junge Männer sind vor Altersweisheit eben nicht ganz sicher. HME hat sich immer wieder in politische (Tages-)Debatten eingemischt, aber nie vor einen Karren spannen lassen. Die geistige Unabhängigkeit, das Recht auf Zweifel, Widerspruch

und Irrtümer sind ihm wichtiger. Damit hat er nicht wenige seiner linken Weggefährten aus der 68er Generation vor den Kopf gestoßen. Aber die reine Lehre, der orthodoxe Weg waren seine Sache nie.

Geboren 1929 in Kaufbeuren wuchs Enzensberger von 1931 bis 1942 in Nürnberg auf. In verschiedenen Texten tauchen Erinnerungen an diese Zeit auf. Er besuchte Gymnasien in Gunzenhausen, Oettingen und Nördlingen und studierte Anfang der 1950er Jahre u. a. in Erlangen. 1967 erhielt Enzensberger den Kulturpreis der Stadt Nürnberg. Seit 1979 lebt er in München.

Der Lyriker und Essayist, Herausgeber und Übersetzer, Kultur- und Gesellschaftskritiker ist in vielen Disziplinen zu Hause. Er begründete die wegweisende Zeitschrift „Kursbuch“ und gibt seit 1985 „Die andere Bibliothek“ heraus, die renommierteste Buchreihe in Deutschland. Er hat Theaterstücke, Hörspiele, Jugendbücher und mit dem Mathematik-Brevier „Der Zahlenteufel“ einen internationalen Bestseller geschrieben.

Seine wahre Meisterschaft aber zeigt HME als Lyriker, der in seinen Gedichten Gefühle und Gedanken gleichermaßen geistreich auf den Punkt bringt. Der Skeptiker, der sich in der Naturwissenschaft fast genauso gut auskennt wie in der Kulturgeschichte, hat in seinen jüngsten Gedichten „Die Geschichte der Wolken“ wunderbar beschrieben. So leicht und luftig wie die Wolken selbst. 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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