Deutschlandalbum von Axel Hacke, 2004, KunstmannDeutschlandalbum.
Buch von Axel Hacke (2004, Kunstmann).
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 28.7.2004:

Rassehühner, traurige Seelen
Wenn Männer nicht ins Meer wollen: Axel Hacke versöhnt uns - fast - mit der deutschen Volksseele

Wer kennt den Axel-Hacke-Effekt? Freitags in der S-Bahn kichert man bei der Lektüre von Hackes wöchentlicher Glosse "Das Beste aus meinem Leben" im SZ-Magazin vor sich hin oder bricht, durchaus zum Befremden der Mitreisenden, in lautes Lachen aus. Stunden, Tage oder sogar Wochen später fallen einem bestimmte Pointen wieder ein, und man wird erneut von Gelächter geschüttelt. Meistens in Situationen, die den Abenteuern Axel Hackes fatal ähneln. Zum Beispiel bei dem verzweifelten Versuch, eine kaputte Lampe durch starkes Ruckeln wieder funktionstüchtig zu machen oder ein passendes Ersatzteil für die Glühbirnenfassung aufzutreiben. Oder bei der schleichenden Erkenntnis, dass eine bestimmte Liedzeile ganz anders lautet, als man sie seit Jahren im Ohr hat. Oder bei der Erfahrung, seine Wohnung zu renovieren. Oder bei Erziehungsversuchen.

Denn Axel Hacke widmet sich genau diesen Vertracktheiten des Alltags; er ist ein Experte für die Zwischenräume des Existenziellen: eben jene Momente, in denen sich augenscheinlich gar nichts Entscheidendes zuträgt, die dennoch tagaus, tagein unser Leben prägen. Keine Häme, sondern der Gefallen an unvermuteten Absurditäten breitet sich in seinen Texten aus, und dabei hantiert Hacke mit der Sprache wie mit einem Fernrohr: vergrößert, verkleinert, verzerrt die Missgeschicke oder lässt sie ins Groteske münden. Er ist ganz einfach komisch und steckt uns damit an.

Aber Axel Hacke kann noch mehr. Der gebürtige Braunschweiger interessiert sich nämlich für Menschen verschiedenster Provenienz, er hat einen Blick für Schicksale und das Besondere unter der Oberfläche des Normalen. Anlass genug, einmal der deutschen Volksseele auf die Schliche zu kommen. In seinem neuen Buch Deutschlandalbum unternimmt Hacke Ausflüge in das eigene Land: dokumentiert durch vielsagende Fotos, schaut er sich 32 Mal seine Heimat näher an, steht in Kneipen herum, fährt zum ehemaligen Grenzübergang nach Marienborn, unterhält sich mit Leuten, besucht einen Pfarrer, eine Dame aus der jüdischen Gemeinde in München, einen Straßenfeger, Arbeitslose und einen gewesenen DDR-Geschäftsmann.

Die erste Pizzeria

Dabei heraus gekommen ist ein kleines Kompendium deutscher Lebenswege. Die Reportagen zeichnen kein beschauliches Idyll, sondern halten beiläufig fest, wie sich die historischen Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts in Biographien ablagern. Anhand der geglückten Ehe von Maria und Franz Lamer ist vom Zweiten Weltkrieg die Rede, von Entwurzelung und Familiensinn. Soziale Milieus gewinnen an Prägnanz, wenn Hacke von den Kiezläufern Werner Blesing und Peter Menasse erzählt, die im Berliner Wedding die Straßen abwandern und ein Auge auf die Nachbarschaft haben. Man erfährt Details über den Alltag von Fensterputzern und Sozialhilfempfängern.

Eine der schönsten Geschichten handelt von Nick di Camillo aus Abruzzen, der in Würzburg die erste Pizzeria Deutschlands gründete und sie wie eine blaue Grotte auskleidete. Das kalte Grauen packt einen, wenn Hacke aus Recherchegründen auf ein "Lachseminar" in Bielefeld fährt, wo der muffige Ernst mit einem befreiten Lachen vertrieben werden soll - auf Kommando, versteht sich. Allesamt deutsche Erfahrungen. Nur an wenigen Stellen will Hacke literarisch sein und verfällt einem allzu blumigem Stil: "Er hat den Menschen die Heimat geraubt und sie zu Schiffbrüchigen auf der Suche nach einem Strand werden lassen", heißt es über den Krieg, und ein anderes Mal skandiert er in Abwandlung des berühmten Buchtitels von Christa Wolf "kein Trost, nirgends". Na ja. Verwirrend ist allerdings, warum der Autor unter die vielen authentischen Personen mit ihren oft anrührenden Lebenswegen eine erfundene Gestalt mischt, nämlich den New-Economy-Manager Harry. Dadurch entsteht eine eigentümliche Schieflage, Skepsis macht sich breit: Gibt eine fiktiv überformte Erzählung doch mehr her als eine wahre Geschichte? Handelt es sich nun um recherchierte Schicksale oder haben wir es mit Phantasiegebilden zu tun? Aber spätestens bei der Lektüre des Kapitels über Rassegeflügel verzeiht man dem Experten für die Auswüchse der deutschen Provinz seine kleine Mogelei.

Sympathisch ist vor allem die Haltung, mit der Axel Hacke den Akteuren seiner Sozialreportagen begegnet. Er versteht zu fragen und zuzuhören, will wissen, warum jemand Pfarrer oder Geschäftsmann wurde, was den Vorsitzenden eines Kleingartenvereins umtreibt und wie es auf einem Schlachthof zugeht. Gönnerhafte Herablassung ist ihm fremd. Ohne den selbstgerechten Geifer der Nachgeborenen macht er auf die Beschädigungen durch den Zweiten Weltkrieg aufmerksam und schildert zum Beispiel den quälenden Ordnungswahn seines kriegsversehrten Vaters.

Natürlich kommt auch im Deutschlandalbum die Groteske nicht zu kurz. Zum Beispiel wenn es um die "Stoßstangenwiederverwertungsübergangsordnung" geht oder um deutsche Männer, die sich nicht ins Meer trauen. Außerdem ist Axel Hacke ein großer Wortliebhaber und bringt uns etwas über den Reichtum deutscher Fachsprachen bei. Wer kennt zum Beispiel Berliner Langlatschige Tümmler, Bergische Zwerg-Schlotterkämme oder Westfälische Totleger? Hackes Bilderbogen versöhnt uns mit den Eigenarten unserer Heimat. Fast.

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