Deutsches Wörterbuch.
Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (2004, 2004, Hirzel-Verlag/dtv).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ vom 24.8.2004:

150 Jahre Grimmsches Wörterbuch

Die deutsche Sprache - das ist ein heißes Thema in diesem Sommer. Die Frage, wie man was schreibt und wie man schreiben soll, erregt die Gemüter gewaltig. Gemse oder Gämse, das ist die Frage. Die Brüder Grimm hatten damit kein Problem, sie schrieben "gemse", übrigens klein, wie alles außer Eigennamen.

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm wird in diesem Jahr 150 Jahre alt, und es ist zwar nicht so populär wie die Märchensammlung der beiden Philologen, doch wer es besitzt, weiß: Er wird nie wieder Langeweile haben. Dieses Buch ist eine Quelle der Freude, und mit mehr als 250 000 Stichwörtern in 32 Bänden erschöpft sie sich nicht so leicht.

Nein, dieser Spaß ist nicht elitär. Man muss nur blättern. Von a - "der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend" - über ä - "weheruf von weinenden kindern" bis "zmasche - "eine sorte feiner Lammfelle".

Die Brüder hatten einen hohen Anspruch: Sie wollten eine Hauspostille schaffen, ein Nachschlagewerk für die ganze Familie, in dem die gebräuchlichen Wörter in ihrer Entwicklung seit dem 15. Jahrhundert verzeichnet wären, samt Belegstellen aus der Literatur. Das, so meinten sie, könne der "sprachgabe" dienen und das Geschichtsbewusstsein fördern. Ihren Beitrag zur Rechtschreibung lieferten sie mit der Einschätzung, dass "der alberne gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva" nicht einleuchte.

Seit 1854 erscheint das Wörterbuch, stückweise. In jüngerer Zeit war es ein seltenes Beispiel für gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern in Ost und West; niemand könne unterscheiden, schwören Experten, ob eine Bearbeitung von der Wissenschaftsakademie in Göttingen oder der in Berlin-Brandenburg stamme.

Die Brüder hatten noch geglaubt, in zehn Jahren werde die Arbeit getan sein; mit sechs, sieben Bänden rechneten sie. Doch Jacob, der 1863 starb, kam nur bis "Frucht", und Bruder Wilhelm ereilte der Tod schon 1859 bei der Arbeit an "Biermolke". Das schöne Wort "Biermörder" musste er schon einem Nachfolger überlassen ("potator. der das bier mordet, tilgt, aufzehrt" - dazu muss man allerdings wissen, dass der Potator ein Trinker ist.) Viele Wissenschaftler haben an Grimms Wörterbuch gearbeitet, und weil es nie ein grundlegendes Konzept gab, hat jeder seinen Erkenntnisstand und seine heimlichen Vorlieben hineingebracht. Die Grimms selbst leisteten sich einige private Späße; unter dem Stichwort "amtmännin" setzten sie ihrer Familie ein Denkmal: "unsere sel. mutter (der sel. vater war hessischer amtmann zu steinau an der strasze), hiesz beim volk nur die framtmännin, d. i. fer oder frau amtmännin." Und dem Wörterbuch-Autor Adelung zu Ehren erfanden sie das althochdeutsche Wort "adalunc".

1961 lag erstmals eine komplette Fassung des Grimmschen Wörterbuch vor. Doch es wird immer weiter gearbeitet, Sprache hat es so an sich, dass sie sich immer weiter entwickelt. Bis 2012 sollen die Buchstaben A bis F vorsichtig überholt werden.

Für viele Wissenschaftler ist das Buch unersetzlich, für andere eine Bereicherung. Denn jeder Griff macht Freude - ob es um "strollen" geht (strolchen), "umzwingen" (umarmen) oder verzwunzen ("das mäulchen verziehen, geziert sprechen"). Wunderbar ist auch manches Zitat. Unter "königlich" in der Bedeutung "herrlich, vortrefflich" findet man den Literaturhinweis: "gestern ging einer königlich besoffen den platz entlang. Zelter an Göthe" (!).

"grimm" (klein geschrieben auch am Satzanfang!) erklärt das Wörterbuch übrigens als "wütend, wild, furchtbar". Auch: "mit den zähnen knirschen". Vielleicht täten die Brüder das ja angesichts der derzeitigen Debatte um die Rechtschreibreform. Apropos Debatte - Fremdwörter kommen im Deutschen Wörterbuch kaum vor. Und die Gämse stammt vom althochdeutschen staingaiz, gamiza, gamaz, wurde aber schon mittelhochdeutsch "gemse" geschrieben. So, und jetzt können wir weiter streiten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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