1.) - 2.)
Detektivgeschichte.
Roman von Imre
Kertész (2004, Rowohlt - Übertragung Angelika und Peter Maté).
Besprechung von Ina
Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 24.11.2004:
Detektiv der Grausamkeit
Eine Parabel von Imre Kertész
Eigentlich sei es nicht seine Art, "eine
Geschichte aus dem Ärmel zu schütteln", schreibt der
Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2002, der soeben unter viel Anteilnahme
seinen 75. Geburtstag feierte, im Vorwort zu seiner Detektivgeschichte.
Er musste die Story innerhalb von zwei Wochen niederschreiben, im Jahr 1976,
damit der sozialistische Plansoll erfüllt wurde, denn die Geschichte "Der
Spurensucher", mit der zusammen sie 1977 in Budapest erschien, war zu
schmal, um ein Buch zu füllen. So schrieb also Imre Kertész, damals 47 Jahre
alt, mitten in der Diktatur lebend, geduldet zwar, aber täglich aufs Neue von
Depression erfüllt, diese Detektivgeschichte, die nun erstmals in
deutscher Übersetzung erscheint, knapp dreißig Jahre nach ihrer Entstehung.
Damals hatte Kertész gerade seinen inzwischen weltberühmten Roman eines
Schicksallosen abgeschlossen. Die Idee zur Detektivgeschichte lag in ihm
bereit, war gewissermaßen wieder zum Vorschein gekommen, was als solches nicht
erwähnenswert wäre, handelte es sich nicht um einen Seitenwechsel, den Kertész
hier erzählerisch vollzieht. Nicht die Wahrnehmungsperspektive des Opfers - die
er in Kafka'scher Verschränkung von Arglosigkeit und Verurteilung so grandios
zu seinem Markenzeichen gemacht hat - spielt in der Detektivgeschichte
die Hauptrolle. Kertész wagt es, sich in die Täterseite der Diktatur, in den
Folterer höchstselbst, einzufühlen und zu hineinzudenken. Denn die Detektivgeschichte
ist gar keine; die Genrekennzeichnung scheint eher ein Köder zu sein, ein
Trick. Diese "Detektivgeschichte" ist eine Parabel auf den
Polizeistaat im Allgemeinen und ein philosophisches Schelmenstück im
Besonderen.
Angesiedelt in einem imaginären lateinamerikanischen Land, lässt Kertész als
Protagonisten einer gerade untergegangenen Diktatur auftreten: Martens, einen
Geheimpolizisten der weichen Sorte, und Enrique Salinas, ein Opfer der harten
Sorte. Was heißt das? Es heißt, dass Martens zwar Geheimpolizist ist,
Folterer, ein mieser Typ ohne Ideale, der aber doch einen Rest von Sittlichkeit
in sich verspürt - ablesbar an den symbolhaften "Kopfschmerzen", die
ihn ab einem bestimmten Moment heimsuchen: einem Moment des Zweifels. Seine
Kollegen Diaz und Rodriguez dagegen sind gefeit gegen derlei Sentimentalität:
Sie stellt Kertész dar als die geborenen Folterer, kalt und perfekt. Für sie
ist die Folter eine Triebentladung, die sie dem Verhängnis weihen. Und die
Herren über das Verhängnis sind sie selbst. Bis das System zusammenstürzt, so
wie es jeder Diktatur eines Tages ergeht. Dass nicht sie, sondern Martens im Gefängnis
sitzt, nachdem die Zeit jenes Verhängnisses vorbei ist, versteht sich dabei
fast von selbst. Diaz, der geborene Polizist, werde niemals gefasst werden,
davon ist Martens überzeugt.
Das Innere nach außen gekehrt
Das alles klingt einfacher, als es ist. Denn Kertész hat sich - natürlich - eine literarische Komplikation gegönnt. Martens schreibt ein Tagebuch, und Kertész betreibt Mimesis an einen Illiteraten Typ, dem ausschließlich zugute gehalten werden kann, dass er gelegentlich Kopfschmerzen bekommt. In dieses Täter-Tagebuch, das wiederum Martens' Pflichtverteidiger "uns" vorlegt, sind einmontiert Tagebuch-Ausschnitte des Opfers Enrique Salinas, eines jungen, hübschen, intelligenten Rebellen; Sohn eines der reichsten Männer und einer der schönsten Frauen des Landes. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann Enrique in die Hände der Folterer gerate, heißt es.[...diese
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2.)
Detektivgeschichte.
Roman von Imre
Kertész (2004, Rowohlt - Übertragung Angelika und Peter Maté).
Besprechung von Christine
Diller im Münchner
Merkur, 04.02.2005:
Die Logik einer Diktatur
Imre Kertész' Erzählung "Detektivgeschichte" ist auf Deutsch
erschienen
Eine "Detektivgeschichte". Aber weder Täter noch Opfer werden gesucht. Beide sind recht früh in diesem schmalen Buch bekannt: Täter ist eine südamerikanische Diktatur, verkörpert in den Schergen der Geheimpolizei, dem "Corps". Opfer sind Männer aus dem Widerstand, darunter Enrique Salinas, Sohn eines reichen Kaufmanns. Gesucht werden: die unberechenbaren Gesetze, die das Räderwerk eines verbrecherischen Regimes in Gang halten. Und der Detektiv? Das ist eigentlich der Leser, der die in dieser Erzählung gesammelten Indizien zum vollständigen Bild einer prototypischen Diktatur zusammenfügen muss. Was den besonderen Reiz dieses Buches ausmacht.
Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre
Kertész hat 1976 diese Erzählung, die jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt,
"aus dem Ärmel geschüttelt", was ihm angeblich gar nicht lag. Im
Vorwort berichtet er, wie all seine Literatur davor aus einer existenziellen Not
heraus entstanden war. Die einzige Not im Fall der
"Detektivgeschichte" jedoch bestand darin, dass der staatliche
Buchverlag, bei dem 1977 Kertész' Roman "Der Spurensucher" erscheinen
sollte, mehr Manuskriptseiten verlangte. Also fügte Kertész seinem Roman
dieses Gleichnis auf eine kommunistische Diktatur hinzu, die er zum Schutz vor
den Zensoren nach Südamerika verlegte.
Die Macht der Menschenverachtung
Antonio Rojaz Martens, der Erzähler, war selbst
Mitglied des Corps und sitzt nach dem Sturz dieser Diktatur im Gefängnis. Mit
der Aufzeichnung seiner Erinnerungen versucht er, rückblickend "die
Logik" zu verstehen. Mit diesem Schlüsselwort meint der nicht sonderlich
helle Kopf das Verhängnis, das Schicksal. Als solches begreift Martens nämlich
aus seiner eingeschränkten Perspektive heraus die Machenschaften des Regimes,
und so sind Teil dieses "Schicksals" in seinen Augen auch die
Raffinesse und Verschlagenheit der Folterer. Geschickt, wie Kertész das
Verantwortungsgefühl des Erzählers für die eigenen Taten schmälert, indem er
dessen selbst gewählte Blindheit und Ohnmacht skizziert. Und noch geschickter,
wie in den Schilderungen des Täters auch die des Opfers zur Sprache kommen:
Martens ist nämlich im Besitz eines Tagebuchs des später gefolterten Enrique
Salinas. Es beschreibt die Umstände und Beweggründe des jungen Kaufmannssohns,
sich zum Widerstand zu entschließen. Ein Grund war auch ein gewisser Müßiggang.
Die wenig optimistische Botschaft dieses Buchs: Den einen wie den anderen, Opfer
wie Täter, haben Nachlässigkeit und der Mangel an Überzeugungen auf die
jeweilige Seite gespült. Bruchstückhaft, verschachtelt, mit vielen Andeutungen
und genauso vielen Leerstellen erzählt Kertész das. Aufzufüllen sind sie nach
Belieben mit historischem Wissen über Diktaturen aller Art. Und so erzählt
Kertész mit diesem Modell mehr von der Macht der Menschenverachtung als mit
jedem konkreten Fall.
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