Der Zweikampf von Heinrich von Kleist, Reclam, 1986Der Zweikampf.
Erzählung von Heinrich von Kleist (1811).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 4.8.2011:

Gottes Hilfe und des Menschen Beitrag
Gute Güte: Heinrich von Kleists Erzählung "Der Zweikampf"

Es bricht "ein Pfeilschuss aus dem Dunkel der Gebüsche": Bereits im zweiten Satz der Kleist-Erzählung Der Zweikampf (1811) wird dem Leben eines hochanständigen Herzogs gewaltsam ein Ende gesetzt. Soeben war Wilhelm von Breysach beim deutschen Kaiser zu Worms um die Anerkennung seines unehelichen Sohnes eingekommen - erfolgreich, denn er blickte bei seiner Heimkehr "freudiger, als während des ganzen Laufs seiner Regierung" drein.

Man schreibt das 14. Jahrhundert. Herzog Wilhelm liegt mit seinem Halbbruder Jakob der Rotbart in Fehde. Die "Nacht des heiligen Remigius" (der 30. September) bricht herein, und der weise vorausblickende Herzog, vom Geschoß "dicht unter dem Brustknochen" durchbohrt, haucht sein Leben aus. Kleist räumt dem Mordopfer gerade noch genug Zeit ein, seine Witwe zur Regentin einzusetzen, damit dem verhassten Rotbart der Herzogstuhl verwehrt bleibe.

Der vermeintliche Täter, als Mann "von abgeschlossener Gemütsart" beschrieben, tut alles, um den Verdacht von sich zu lenken. Kleist geht immerhin so weit, einzugestehen, dass dem unwirschen Rotbart durch den Verstorbenen ein "Unrecht zugefügt" worden sei. Nun ergeben aber die Nachforschungen zweifelsfrei, dass Rotbart die Herstellung des todbringenden Projektils auch wirklich selbst in Auftrag gegeben hat.

In den Armen der Tugend

Mit kriminologischer Logik kommt man in Kleists Text indes nicht weiter: Die Regentin erkennt den Indizien keine Beweiskraft zu. Rotbart selbst wiederum bietet allen Anschuldigungen frech die Stirn und gibt an, die bewusste Mordnacht zwar nicht auf seinem Schlosse, dafür aber in den Armen Littegardes von Auerstein, der schönsten und tugendhaftesten Frau ihrer Zeit, mithin also in sündhafter Ausschweifung zugebracht zu haben.

Wie so häufig versinkt die gebrechlich eingerichtete Welt in Chaos: Die wüsten Anschuldigungen gegen Littegarde treffen ihren Vater so heftig, dass er "mit gelähmten Gliedern auf den Fußboden niederschlägt". Die der sexuellen Ungereimtheiten Bezichtigte wird verstoßen. Ihre Unschuld findet erst in dem Edlen Friedrich von Trota einen glühenden Fürsprecher, der auch wirklich bereit ist, ihre Sache unter den Augen des Kaisers mit dem Schwert zu verfechten.

Der Schwertkampf, wiewohl auf die Geschicklichkeit der Kontrahenten gegründet, repräsentiert die göttliche Instanz: Dem Ergebnis der ritterlichen Keilerei wird absolute Beweiskraft zuerkannt. Es schlägt Frau Littegarde daher gewiss nicht zum Vorteil aus, dass sich ihr Streiter, eines "Fehltrittes" wegen, in den Riemen der Sporen verheddert und für den wüsten Rotbart eine leichte Beute darstellt.

Die "unerhörte Begebenheit" des Textes liegt in der Aufhebung aller hinreichenden Gründe: Weil Friedrich unterliegt, muss Littegarde glauben, dass sie tatsächlich gesündigt habe - das eigene Bewusstsein, mag es sich auch noch so begründet auf empirische Tatsachen stützen, reicht als Schiedsstelle nicht aus. Umgekehrt bedarf es einer regelrechten Aufhebung der Schöpfungsordnung, um das "Unmögliche", das zugleich die ganze Wahrheit enthält, zu rehabilitieren. Friedrich erholt sich nämlich von seinen Wunden, während der ruchlose Frevler an einer kleinen Schramme zum Tode hin erkrankt. Rotbarts eben noch unantastbarer Körper geht "in Eiterung und Fäulnis" über. Littegarde behält recht. Aber wer könnte sich eines solchen Triumphes erfreuen?

Die Reihe mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

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