Der Zitronentisch von Julian Barnes, 2005, Kiepenheuer & WitschDer Zitronentisch.
Erzählungen von Julian Barnes (2005, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Gertraude Krueger) .
Besprechung von
Jan Bürger in Die Zeit, 13.10.2005:

Botschaften ins Nichts
Julian Barnes umkreist in seinen Erzählungen das größte Tabu

Ich sehe schon die Leute mit den Zitronen in den Händen«, jammert der Hauptmann in Büchners Woyzeck, »aber sie werden sagen, er war ein guter Mensch, ein guter Mensch!« Konnte Büchner noch damit rechnen, dass sein Publikum Zitronen sofort mit dem Tod assoziiert? Julian Barnes zumindest kann es nicht mehr. Er lässt den greisen Jean Sibelius auftreten, der regelmäßig ein Lokal mit einem »Zitronentisch« aufsucht, an dem erwünscht ist, was fast überall verdrängt wird: über den Tod zu sprechen. Und um Missverständnissen vorzubeugen, erklärt der 90jährige Komponist, dass die Zitrone in China als Todessymbol gilt.

Der Zitronentisch heißt der neue Erzählungsband von Julian Barnes. Der diesjährige Träger des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur und Mitfavorit auf den Booker Preis lässt sich 200 Seiten lang Zeit, um in der elften und letzten Geschichte zu erklären, warum dieser Titel so treffend ist. Bei aller Heterogenität gleicht sein Buch nämlich tatsächlich einer Versammlung von Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie können nicht umhin, über das Sterben zu reden. Sie gehen zum Friseur, und plötzlich fühlen sie sich alt. Sie begleiten ihre Männer und Eltern durch die letzten Monate. Obwohl sie todkrank sind, belasten sie am meisten die verpassten Chancen ihrer Vergangenheit. Oder sie suchen Scheinargumente für ihre Schaffensmüdigkeit, so wie der alte Sibelius. Die Musik müsse »aus Stille hervorgehen und dorthin zurückkehren«, behauptet er standhaft. Es gebe keinen Grund, jene achte Symphonie zu veröffentlichen, auf die ihn seine Bewunderer und Kritiker immer wieder ansprechen. »Die Logik der Musik führt letztendlich zu Stille.«

Die Stille ist nicht nur der Titel und das Thema dieser Erzählung – Stille ist auch ihr Formprinzip. Eindrucksvoll gelingt es Barnes, die Unbeweglichkeit und Ziellosigkeit des greisen Komponisten zu gestalten. Er lässt ihn in knappen Fragmenten sprechen, es könnte sich um Tagebuchnotizen handeln. Mit wenigen Sätzen baut Barnes eine dichte Atmosphäre auf, die eine fortschreitende Handlung, das geordnete Nacheinander des Erzählens, das immer auch ein Aufzählen ist, überflüssig macht. Der Autor schreibt hier, als wäre er bei Virginia Woolf in die Schule gegangen. Einmal mehr beweist er, dass Spannung nicht nur durch Konflikte erzeugt werden kann, sondern ebenso gut durch die genaue Darstellung hochkomplexer Charaktere. Barnes’ verzweifelt apodiktischer Sibelius, der mit einer Zitrone in der Hand begraben werden möchte, ist so eine Figur. Mit ihr ließe sich sicher ein ganzer Roman bestreiten, aber das wäre Barnes wohl zu einfach gewesen. Sein künstlerisches Potenzial beweist sich gerade in der verschwenderischen Kürze der Geschichte.

Alles entsteht aus der Stille, und alles kehrt dorthin zurück

Die Sibelius-Variation ist der Höhepunkt des Bandes, und leider wird an ihr auch deutlich, woran es den meisten anderen Erzählungen mangelt. Jede ist virtuos gestaltet. Barnes führt einen Formenreichtum vor, den ihm so leicht keiner nachmacht. Mal schreibt er rotzig wie Martin Amis, mal entführt er uns ins Schweden des 19. Jahrhunderts. Dann präsentiert er eine Folge von Briefen aus den Jahren 1986/87, deren Empfänger niemand anderes als der Autor selbst ist. Und schließlich schildert er detailreich den Alltag einer modernen »Altenlagerstätte«. Doch bei alldem gelingen ihm allzu selten Charaktere, die über die schriftstellerischen Kniffe und Tricks, über die bloße Könnerschaft hinausweisen.

Das Alter ist vor allem eine Verschwörung der Jugend

Aber man sollte Erzählungsbände weniger an den misslungenen als an den gelungenen Stücken messen, zu denen ohne Zweifel auch Der Obstbaumkäfig gehört. In dieser Erzählung bündelt Barnes die Themen und Probleme seiner Figuren wie mit einem Brennglas: Nachdem die Kirchen keine Bedeutung mehr haben, fehlen in der postmodernen Gesellschaft Institutionen, in denen sich die Menschen mit den Grundfragen des Daseins beschäftigen können. »Meine Mutter betrachtete die letzten Dinge von der praktischen Seite«, berichtet der Erzähler des Obstbaumkäfigs. »Das heißt, die letzten Dinge des modernen Lebens: ein Testament aufsetzen, für das Alter vorsorgen, dem Tod ins Auge sehen und nicht an ein Leben danach glauben können.«

Dieses Modell scheint erfolgreich, auch wenn der Sohn schon immer daran zweifelte, dass man von der Todesangst verschont bleiben kann. Die Eltern fixieren schriftlich, wo und wie ihre Asche ins Meer gestreut werden soll, doch der Sohn muss sich unweigerlich fragen, was er dann mit den leeren Urnen anfangen soll: »Man konnte sie ja nicht gut nach der Asche von der Klippe werfen; man konnte sie aber auch nicht behalten und, was weiß ich, Zigarren oder Schokokekse oder Weihnachtsschmuck darin aufbewahren.«

Angesichts des Todes wirken sogar die vernünftigsten Pläne absurd. Das muss letztlich nicht nur der Sohn einsehen, sondern auch die Mutter. Denn sie hat die Rechnung ohne ihren Mann gemacht, den sie seit einem halben Jahrhundert zu kennen glaubte. Er gehört zu denen, die schon die Leute mit den Zitronen in den Händen sehen. Und gerade deshalb entschließt er sich, seine Frau zu verlassen. Auf die hilflose Frage des Sohnes, was »Mum« ohne ihn anfangen solle, reagiert er mit deutlichen Worten: »Ihren eigenen Weg gehen.«

Während der Vater kurz vor seinem Tod die Liebe für sich neu entdeckt, wird »Mum« gewalttätig. Mit Der Obstbaumkäfig macht Barnes erschütternd deutlich, dass fast alles, was wir uns über das Alter erzählen, verlogen ist: »Wie komme ich zu der Annahme, dass mit den Genitalien auch das Herz den Betrieb einstellt? Weil wir das Alter als eine Zeit der heiteren Gelassenheit sehen wollen – sehen müssen? Inzwischen glaube ich, dass das eine der großen Verschwörungen der Jugend ist. Nicht nur der Jugend, auch der mittleren Jahre, und das geht so weiter bis zu dem Moment, in dem wir zugeben, selbst alt zu sein.«

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