Der Zeitpfeil.
Roman von Herbert J. Wimmer (2003, Sonderzahl Verlag).
Besprechung von F.Hs. in Neue Züricher Zeitung vom 3.07.2004:

Wiener Wut

Viel von Konrad Bayers und Oswald Wieners geistigem Blut fliesst in dem beachtlichen Roman «Der Zeitpfeil» von Herbert J. Wimmer . Vor allem dort, wo die pure Reflexion dem Erzählen den Rang abläuft - und in der Kleinschreibung, diesem rührend altmodischen Gewand der Avantgarde. Alte Zöpfe sind sonst aber nicht Wimmers Sache, sein Text ist auf dem neuesten Stand ganz an der Spitze des Zeitpfeils. Der saust durch die kleine Grossstadt Wien von heute (mit Abstechern nach Chicago, Berlin und Rom), zwischen dem «café interface» und dem «espresso schnittstelle». Monologe aus dem Bewusstsein von mehreren Figuren (Schriftsteller, Filmemacher, Malerin, Journalisten) lotsen den Leser mit theoriegestütztem Scharfsinn durch Strassen, Lokale und durch den Zeitgeist, der aus den populistischen Medien wie aus «senkgruben der gesinnung» quillt. Am besten ist dieser Roman jedoch dann, wenn er ablässt von der gelehrten Theorie («zwischen repräsentiertem und repräsentierendem») und sich dem praktischen Tagtäglichen widmet, zum Beispiel in angewandter Wirtshauskunde. Da gelingen dem Autor grossartige Szenen wie jene mit einem trinkenden Stammgast, einem rabiaten Nachfahren des Herrn Karl. Der rezitiert seinen Groll auf die Welt «aus den niederungen der wut» in einer brummenden Litanei, in einer kunstvoll geraunzten «wutmelodie». Oder in jenen Gesprächsfetzen aus «der nicht mehr privaten und noch nicht so ganz öffentlichen luft des stiegenhauses (?) in der peripherie der kleinen weltstadt». Mit einer mächtig atmenden Sprache zeichnet Herbert Wimmer hier das präzise EKG des abgründig goldenen Wiener Herzens.

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