Der Zeitenspringer von Stefano Benni, 2004, WagenbachDer Zeitenspringer.
Roman von Stefano Benni (2004, Wagenbach - Übertragung Moshe Kahn).
Besprechung von Steffen Richter in Neue Zürcher Zeitung vom 04.01.2005:

Die Wunder des Belpaese
Stefano Bennis Roman «Der Zeitenspringer»

Zu den Wunderlichkeiten der italienischen Gegenwart gehört, dass politische Satire aus dem öffentlichen Raum weitgehend verschwunden ist. Freilich, Dario Fo sorgt vor einer vergleichsweise kleinen Theateröffentlichkeit mitunter für Furore. Das einschlägige Magazin «Cuore» wurde aber wegen Ermüdung bereits vor Jahren eingestellt. Und das Fernsehen als wichtigstes Massenmedium ist satirefreie Zone - wenn man von lauen, domestizierten Witzeleien absieht. So ist das, wenn ein Regierungschef den Löwenanteil aller Fernsehkanäle unter seiner Fuchtel hat. Einen wie Stefano Benni, Spottdrossel und Zukunftsforscher, vor allem aber Romancier, ficht das glücklicherweise nicht an.

Fast zwei Dutzend Bücher hat der 1947 in Bologna geborene Benni geschrieben: Gedichte, Theaterstücke, Erzählungen und Romane. Als Journalist begleitet er in Artikeln für den «Espresso», für «La Repubblica» und vor allem für das linke «Manifesto» seit Jahren die Entwicklung des Belpaese - oft mit beissendem Hohn. Erst kürzlich konnte man in «Manifesto» lesen, wie die Zeit bis zur nächsten Wahl zu überleben sei. Das Publikum goutiert Bennis ironisch gewandete Gesellschaftsanalyse. Seine Bücher wurden mittlerweile insgesamt mehr als zweieinhalb Millionen Mal verkauft. Angefangen hat es 1983, als er sich mit dem Roman «Terra!» ans literarische Firmament katapultierte. Darin löste eine nervöse Maus den dritten Weltkrieg aus, die Handlung aber setzte erst drei atomare Desaster später im Jahr 2156 ein. Satirische Gegenwartskritik mit den Mitteln der Science-Fiction und Versatzstücken des Comics ist seither Bennis Markenzeichen.

Zweierlei Zeit

Gemessen an dem, was man von Benni gewohnt war, kommt sein neuer und nun auf Deutsch vorliegender Roman «Der Zeitenspringer» fast beschaulich daher. Er erzählt eine Geschichte von biblischer Schlichtheit: Es geht um Lupetto, einen kleinen Knaben, der auf dem Weg zur Schule in seinem mittelitalienischen Bergdorf einem freundlichen Gott begegnet. Der vermacht ihm ein ungewöhnliches Zeitmessgerät. Mit dem «Uhrbiwerk» kann der zum «Saltatempo», also zum Zeitenspringer, umgetaufte Lupetto in die Zukunft schauen. Doch entscheidend ist, dass er fortan über ein klares Bewusstsein zweier Zeiten verfügt: In der einen wird mechanisch die äussere Welt gemessen, in der anderen das eigene Leben.

Mit Saltatempo erlebt man die fünfziger und sechziger Jahre, mithin das italienische Wirtschaftswunder. In seinem kleinen Heimatort macht sich der vermeintliche Fortschritt in Gestalt von Autobahn, Zementfabrik und Fernsehen breit, vorangetrieben durch Finanzmakler, Spekulanten, Wucherer und ein paar Neofaschisten. An der Modernisierung zerbricht die intakte Dorfgemeinschaft mit dem ehemaligen Partisanen Baruch, dem anarchistischen Stalinisten Karamasow, dem Barbesitzer und Chef der «homonymen Alkoholiker» Balduino und Onkel Nevio, dem Experten für alles. Saltatempos Vater, ein kommunistischer Tischler und Trinker vor dem Herrn, wird Opfer des ökonomischen Booms, als ein Erdrutsch illegal errichtete Villen mitreisst und Teile des Dorfes verschüttet.

Saltatempo geht derweil in der nahen Stadt aufs Gymnasium. Er erlebt erste erotische Abenteuer und schliesslich die Liebe, liest Edgar Allan Poe und Che Guevara, hört die Rolling Stones und Thelonious Monk. Alte Freunde gehen verloren, neue kommen hinzu. Sein politischer Horizont bildet sich bei Schulbesetzungen, in linken Splittergruppen und dem Pariser Mai 1968.

Chronik einer Generation

Damit sind die Elemente des klassischen Bildungsromans versammelt. Benni aber wäre nicht Benni, würde er seine Geschichte nicht als Schelmenstück, den Stiefbruder des seriösen Bildungsromans, erzählen. Saltatempos Perspektive ist die eines bald frühreifen, bald altklugen Knaben, der sich gern in phantastischen Zusammenhängen verliert. Die Abfolge der Ereignisse scheint oft eher zufällig als konstruiert und damit dem pikaresken Prinzip verwandt. Ganz wie die Sprache, die vor deftigen Beschreibungen von Körperlichkeit nicht Halt macht und gespickt ist mit Wortspielen und Neologismen. Zugegeben, Bennis zuweilen bemühte linguistische Spottlust ist nicht immer erbaulich. Eine Jacke mit «Flicken über den Flicken der Flicken» hat «Exponentialflicken», zum Millionär gesellt sich der «Hunderttausendär». Immerhin wird dem Übersetzer hier einiges abverlangt. Aber auch das Lektorat wäre gefragt, etwa wenn sich der Held damit schwer tut, «zuerst anzufangen». Keine Frage, mitunter scheint Bennis Wille zum freien Fabulieren und zum Effekt den zur Kunst zu überlagern.... Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © NZZ