Der Zahir.
Roman von Paul Coelho (2005, Diogenes).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 18.5.2005:

Iranische Ironie
Paul Coelhos neuer Bestseller "Der Zahir" und das Verbot der Mullahs.

Nicht genug damit, dass Paul Coelhos neuer Roman "Der Zahir" seit einem Monat den vom Vatikan geförderten Reißern von Dan Brown an den Spitzen der Bestsellerlisten Gesellschaft leistet, weltweit. Nein, jetzt machen ironischer Weise auch noch die iranischen Mullahs Werbung für Coelho. Sein dortiger Verlag, der in zwei Tagen 2000 von 3000 gedruckten Exemplaren verkauft hat, bekam am dritten Tag Besuch von Geheimdienstlern, die den Rest der Auflage beschlagnahmten. Dabei hatte das Buch zuvor alle Formalia erfüllt, die für eine Veröffentlichung im Iran nötig sind.

Nicht jedes Jahr den Jakobsweg

Der Titel "Der Zahir" leitet sich von einem arabischen Wort für etwas ab, das man berührt oder gesehen hat - und von dem man seither besessen ist. Der Zahir in Coelhos neuem Roman heißt Esther, ist spurlos verschwunden und war die Freundin des Helden, der ich heißt: Ein überaus erfolgreicher Schriftsteller, der bekannt geworden ist mit einem Roman über einen Schafhirten, der einen Schatz am Fuße der Pyramiden in Ägypten sucht, und mit einem Tagebuch über seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela - und den man überhaupt leicht mit Paul Coelho verwechseln könnte.

"Nun kann man nicht jedes Jahr den Jakobsweg gehen", sagt der Schriftsteller im "Zahir" mit Recht und entwaffnender Offenheit. So führt die Reise diesmal von Paris nach Kasachstan, an der Seite einer Kriegsreporterin Esther, die vor der Routine des einsamen Zusammenlebens mit dem Helden gern in Todesnähe flieht und spurlos verschwindet. Der Mann verwindet das nicht, geht auf die Suche, bis sich ein Bursche aus der kasachischen Steppe bei ihm meldet, der Stimmen hört - und weiß, wo Esther zu finden ist...

"Der Zahir" ist eine leicht dahinerzählte Scharade, gewürzt mit Übersinnlichkeit, die sich Coelho wie gehabt aus dem Fundus der Weltreligionen zusammenbastelt. Ein bisschen Lebenshilfe und Seelenberatung für Scheidungsfälle und Gebraucht-Ehen kommt auch drin vor. Und ein Buch, das der Autor verfasst haben soll, von dem man aber nicht so recht weiß, ob sein Titel wirklich ernst gemeint ist: "Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seien Zeit". Ob das ein Chirurgen-Roman ist? Oder eine Schneiderei-Tragödie?

Aber selbst unsere Ratlosigkeit hat Paul Coelho vorausgeahnt. Er werde von seinen Lesern geliebt, sagt nämlich der schriftstellernde Held dieses Buches, aber "von der Kritik gehasst (die mich liebte, bis ich meine ersten hunderttausend Exemplare verkauft hatte, von da an war für sie ich kein unverstandenes Genie mehr)". Es gibt aber gar keinen Grund, dieses Buch zu hassen. Nicht einmal für Mullahs. Es gibt allerdings auch nicht viele Gründe, es zu Ende zu lesen.

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